Zum 9. November - ein polnischer Held in zwei Diktaturen: Witold Pilecki

Der Kavallerieoffizier Witold Pilecki, *13. Mai 1901, wird in Warschau wegen angeblicher Spionage für den Westen hingerichtet. Pilecki war der einzige bekannte Mensch, der sich freiwillig in das Vernichtungslager Auschwitz einschleusen ließ, um für den polnischen Widerstand die Verhältnisse dort zu erkunden und über den polnischen Widerstand an die Alliierten weiterzumelden.

Leider reagierten die Allierten nicht auf seine Meldungen. Wichtig sind die polnischen Widerstandshelden auch deswegen, weil - zur eigenen Entlastung, den Polen oft vorgeworfen wurde, besonders antisemitisch zu sein. Tatsache ist, daß die von Deutschland und der Sowjetunion unterworfenen Polen die einzigen waren, denen für die Unterstützung von Juden die Todesstrafe drohte. (Groß-)Deutschen - im Gegensatz zu einem verbreiteteten, gut gepflegten Irrglauben - übrigens nicht.

 


Die Lebensgeschichte vor Auschwitz

Witold Pilecki wird 1901, in eine wegen des Polnischen Aufstands von 1863/64 in den  damals schon russischen Teil Kareliens zwangsumgesiedelte, polnische Familie geboren. Seine Schulausbildung erhielt er in Orjol und im damals (seit 1921) polnischen Wilnó, dem heutigen Vilnius. Dorthin war die Familie 1910 gezogen um der erneut verfügten Russifizierung zu entgehen.

Schon als Junge schloss er sich einer von den russischen Kolonialherren verbotenen Organisation, den Pfadfindern an. Im von der Roten Armee 1920 begonnenen und krachend verlorenen polnisch-sowjetischen Krieg kämpfte er für Polen, in den Reihen der Ulanen, der berühmten polnischen Lanzenreiter (die sich jedoch im 20. Jahrhundert schon nicht mehr auf Lanzen alleine verließen) und dem bolschewistischen Kavalleriehelden Budjonny eine empfindliche Niederlage beibrachten und dessen Rote Reiterarmee fast vollständig aufrieben. Pilecki nahm an der historischen Entscheidungsschlacht an der Weichsel teil.

Zunächst begann er ein Kunststudium an der Stefan-Bathory-Universität von Wilna, das er jedoch aus Geldmangel wieder aufgeben musste. 1926 wurde er als Leutnant der Kavallerie demobilisiert und von nun an als Reservist geführt. Danach bewirtschaftete zunächst er das Gut seiner Eltern in Sukurcze im heutigen Belarus. Das Gut hatte im Krieg sehr gelitten und er musste es förmlich aus den Trümmern wieder aufbauen. In den 1930er Jahren soll er auch für den polnischen Geheimdienst tätig gewesen sein.


1931 heirate er die Lehrerin Maria Ostrowska, 1932 kam Sohn Andrzej, 1933 Tochter Zofia zur Welt.

Er fand Zeit, sich nebenbei nicht nur mit Dichten, Musizieren und Malen zu beschäftigen, sondern auch, sich sozial zu engagieren. Dafür wurde ihm 1938 sein erster Orden verliehen, das Verdienstkreuz der Republik Polen in Silber.


1939 wurde er wieder zu den polnischen Streitkräften einberufen, in der er noch nach dem sowjetischen Überfall auf Polen am 17. September 1939 weiterkämpfte.


Ab November 1939 baute er mit anderen die militärische Untergrundorganisation Taina Armia Polska, Polnische Geheimarmee, aufzubauen, die bis zu 19.000 Mitglieder umfasste und 1941 in der Armia Krajowa, der Polnischen Heimatarmee, aufging.

Bildnachweis: institut des polnischen Widerstands, Warschau


Freiwillig nach Auschwitz

Am 20. Mai 1940 trafen die ersten Häftlinge im Lager Auschwitz I er bestand, wie der polnische Historiker Józef Garlinski berichtet, ausschließlich aus jungen Polen, die bei dem Versuch verhaftet worden waren, sich nach Frankreich durchzuschlagen und sich der polnischen Exilarmee anzuschließen. Maria Pilecka war zunächst in Sukurcze, das jetzt zum sowjetisch besetzten Teil Polens gehörte, mit den Kindern zurückgeblieben, konnte sich jedoch im Frühjahr 1940 zu ihren Eltern in den deutsch besetzten Teil durchschlagen.

Oberleutnant Pilecki machte seinen Vorgesetzten den Vorschlag, sich mit Absicht nach Auschwitz einweisen zu lassen, um dort verwertbare Informationen zu sammeln und aus dem Lager nach draußen zu bringen. Seine Vorgesetzten akzeptierten den Vorschlag und am 19. September läuft Pielecki absichtlich in eine deutsche Straßenrazzia, wird verhaftet und zwei Tage später unter dem Naman Tomász Sérafinski in Auschwitz eingeliefert. er bekommt die Häftlingsnummer 4859.

 

In Auschwitz baute er sofort eine Widerstandsorganisation auf, die er "Vereinigung militärischer Organisationen", ZOW - Zwiazek Organizacji Wojskowej nannte. Sie bestand aus Fünfergruppen, die unabhängig voneinander agierten und die anderen Gruppen nicht kannten, damit, falls sie aufflogen und gefoltert würden, sie so wenig wie möglich über die gesamte Organisation und eventuelle Mitglieder verraten konnten. Nch dem Krieg beschreibt Pilezki die Ziele wie folgt (zitiert nach Garlinski)

Die Gründung einer militärischen Organisation im Lager mit den Zielen:

bullet Das moralische Aufrichten der Kameraden und das Liefern von Nachrichten von außerhalb des Lagers
bullet Die Organisation von zusätzlicher Verpflegung und die Verteilung von Kleidung unter den Organisierten
bullet Die Vorbereitung eigener Abteilungen für die Eroberung des Lagers, wenn die Zeit reif dafür sein wird, sei es in Form von Waffen oder menschlicher Unterstützung (Landungstrupp)".

Fast unmittelbar nach Gründung begann die Organisation, Nachrichten nach draußen zu schicken. Der erste Bericht, im Oktober 1940 mit einem entlassenen Häftling nach draußen geschmuggelt, erreichte die polnische Exilregierung in London im März 1941. Pileczkis Organisation war es, die als Erste über den Beginn der Vergasungen der jüdischen Häftlinge und die entsetzlichen Haftbedingungen und den Massenmord an den sowjetischen Kriegesgefangenen berichtete. In ihren Berichten forderte sie schon bald den Angriff auf Auschwitz, sei es durch den polnischen Untergrund, sei es durch die Alliierten.

Im Herbst 1942 bekam die SS einen Zipfel der Untergrundorganisation zu fassen, was 50 Häftlinge das Leben kostete.

Pilecki entschloss sich, aus Auschwitz zu fliehen, um die Forderung nach einem Angriff persönlich vorzutragen, und am 27. April 1943 gelang ihm mit zwei Häftlingen die Flucht über die Häftlingsbäckerei, in der die drei arbeiteten. Er fand jedoch kein Gehör.

1943 kristallisiert sich auch der Versuch der Kommunisten heraus, in der Widerstandsorganisation die Führung zu übernehmen. Später werden manche dann die ganze Erinnerung versuchen zu kapern, was sich, im Falle Pileczkis dann so anhört (zitiert nach u.a. Wikipedia):

„Gewiß gab es auch ab und an Schwierigkeiten, bedingt dadurch, daß manch polnischer Kavallerieleutnant, der im KZ saß, glaubte, die Befreiung Polens müsste von ihm kommen, sich hinsetzte, einen Plan ausarbeitete und nun versuchte, ihn auf alle möglichen Arten durchzuführen.“

 


Aufstand, Gefangenschaft und ein neuer Auftrag

In Warschau war Pilecki dann im Oberkommando der Heimatarmee tätig und schloss sich der streng geheimen antikommunistischen Untergrundorganisation NIE, "Niepodległość", Unabhängigkeit an. Er kämpfte beim Warschauer Aufstand mit und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nachdem er 1944 von den Amerikanern befreit worden war, schloss er sich in Italien dem polnischen II. Korps an, einem unter britischem Befehl und der Führung des Generals Władysław Anders stehehden Großverband mit 75.000 polnischen Soldaten, und schrieb seinen, erst in den letzten Jahren bekannt gewordenen und mittlerweile auch auf Deutsch vorliegenden Bericht.

1945, nachdem sich abzeichnet, daß auch Polen zukünftig in Stalins Machtbereich gehören wird, übernimmt er den Auftrag, in Polen Informationen über die dort aktiven antikommunistischen Widerstandsgruppen Informationen zu sammeln und zu General Anders zu leiten.


Verhaftung, Schauprozess und Tod

Als die Situation für ihn zu gefährlich wurde, erging von Gen.Anders der Befehl, Polen zu verlassen, dem Pilecki jedoch nicht nachkam.

Am 8, Mai 1947 wird er verhaftet, der Spionage und der Vorbereitung bewaffneter Attentate angeklagt, was er trotz Folter bestreitet.

Als Belastungszeuge gegen ihn soll der spätere kommunistische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz gegen ihn ausgesagt haben. Cyrankiewicz soll später auch das Verdienst an Pieleczkis Arbeit in Auschwitz für sich reklamiert haben.

Angehörigen gegenüber äussert er, die Behandlung durch die Deutschen in Auschwitz sei gegenüber derjenigen durch seine kommunistischen Landsleute ein "Kinderspiel" (igracka).

In einem Schauprozess wird er durch ein Militärgericht hingerichtet und am Abend des 25. Mai 1948 im Mokotów-Gefängnis in Warschau hingerichtet. Wie würdelos selbst das noch war, beschreibt ein vor 5 Tagen vom polnischen Radiodienst in anderem Zusammenhang verfasster Bericht:

 

"Im Mai 1947 geriet Pilecki in die Fänge der politischen Polizei UB und ihrer sowjetischen Berater. Wochenlang dauerten die Verhöre, bei denen ihm das Schlüsselbein und ein Arm gebrochen, sowie sämtliche Zähne ausgeschlagen wurden. „Auschwitz war dagegen ein Kinderspiel“, flüsterte er bei dem einzigen Besuchstermin, den seine Frau zugestanden bekam. Ein Schauprozess folgte, das Urteil: Todesstrafe.


Müll drüber

Der 25. Mai 1948 war der letzte Tag im heroischen und ereignisreichen Leben des Rittmeisters Witold Pilecki. Gegen 21 Uhr rief man ihn aus der Zelle im Pavillon 10 des Gefängnisses in der Warschauer Rakowieckastrasse auf den Gang hinaus. Zwei Wachmänner stellten sich links und rechts neben ihn. Ein Unteroffizier hielt einen Zettel in der Hand, vor ihm stand ein Eimer mit feingemahlenen Holzspänen. Name? Vorname? Vornamen der Eltern? Geburtsdatum?
Die beiden Wachmänner fesselten Pilecki die Arme auf dem Rücken, der Unteroffizier bückte sich zum Eimer, stopfte dem Gefangenen eine, dann eine zweite Hand voller Holzspäne in den Mund und wickelte ihm blitzschnell einen Lappen fest ums Gesicht. Fast im Laufschritt ging es dann den Gang entlang, die Treppe runter in den Keller, wieder ein langer Gang, am Ende, rechts, eine offene Stahltür und drei weitere Uniformierte. Sie stellten den Gefangenen in den Türrahmen, hinter dem eine steile Treppe nach unten ihren Anfang nahm. Einer der Männer zog die Pistole aus dem Holster und schoss Pilecki in den Hinterkopf. Die Leiche stürzte die Treppe hinab.


Bald darauf, mitten in der Nacht, fuhr ein klappriger Lkw durch das Gefängnistor. Unter der fest verschnürten Plane lagen Leichen, darunter auch die von Pilecki. Man entsorgte sie wie Tierkadaver, meistens in entlegenen Friedhofsecken. Wenn sich die ausgehobene Grube als zu klein erwies, wurde auf den toten Körpern so lange herumgetrampelt, bis sie hinein passten. Am Untersuchungsgefängnis in Białystok fanden Archäologen in einem 2 m langen und 1,5 m breiten Erdloch Gebeine von 31 Menschen. Friedhofsmüll wurde später auf die Todesparzellen gekippt, Sträucher und Unkraut wuchsen von alleine. Niemand sollte ihre Leichen je finden, ihr Schicksal sollte für immer vergessen werden.

So endete das Leben des Rittmeisters Witold Pilecki.

 

Posthum

Pilecki wurde am 1. Oktober 1990 rehabilitiert, Prozessbeteiligte, u.a. der Ankläger 2003 wegen Beihilfe zum (Justiz-)Mord verurteilt, es wurden ihm alle wichtigen polnischen Orden verliehen und 2013 wurde er posthum zum Oberst befördert.

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