29. 11. 2001: die Photographin Eva Sandberg-Hsiao stirbt in Beijing


 

 

Eine Frau, die aus meiner Sicht zu Unrecht vergessen war, und deren Autobiographie zur Zeit bei Amazon verramscht wird: die Deutsch-Jüdische Fotografin Eva Hsiao, die am 29. November 2001 im Alter von 90 Jahren starb. Allerdings wurden mittlerweile ihre zwischen 1949 und 1959 entstandenen Werke veröffentlicht.


Von Schlesien in die Sowjetunion


Sie wird 1911 als Eva Sandberg in einem schlesischen Kurort geboren. Schon früh verliert sie ihren Vater und sieht, wie ihre Mutter sich Kenntnisse in der Photographie aneignet, mit denen sie die Familie durchbringt. Ein früh entwickeltes Gerechtigkeitsgefühl bringt sie dazu, 1928, ein Jahr vor dem Abitur, das Gymnasium zu verlassen: der Deutsch- und Lateinlehrer hatte erfahren, daß sie Jüdin war und sie nur noch schikaniert. Nach einer Fotografenlehre geht sie zunächst nach Stockholm. Dort gerät sie in politische Zirkel, die voller Hoffnung die Entwicklung in der noch jungen Sowjetunion diskutieren, damals das Land, auf dem die Hoffnungen aller fortschrittlichen Menschen ruhen. 1933 erfüllt sie sich den Traum der Reise in die Sowjetunion. Später wird sie darüber schreiben: "Ich war jung, mit offenem Herzen und empfänglich für diese wunderbare neue Welt."

 

 

Von der Sowjetunion bis zum Langen Marsch

 

Sie verliebt sich in den damals in der Sowjetunion bereits bekannten revolutionären Dichter Emi Siao, einen frühen Weggefährtn Mao Zedongs, und bricht alle Brücken hinter sich ab: Sie beantragt und erhält die sowjetische Staatsbürgerschaft und siedelt nach Moskau über. Die Zeit des stalinistischen Terrors scheint sie nur am Rande zu berühren - sie hat ja ihre Liebe, und sie bringt während dieser Zeit ihre beiden ältesten Söhne, Vitja und Lion zur Welt.

1939 geht ihr Mann nach Yan'an, um sich am "Langen Marsch" Mao Zedongs zu beteiligen. 1940 folgt sie ihm und lebt drei Jahre in der später so legendären Höhlensiedlung. Dort gerät sie ins Blickfeld von Jiang Quing, Mao Zedongs Frau, der Gallionsfigur jener unglückseligen Kulturevolution, die nicht nur Evas Leben, sondern das von Millionen Chinesen noch nachhaltig beinflussen wird. Eine Ehekrise führt dazu, daß sie sich zunächst auf eine Scheidung, dann auf das Verlassen der Höhlensiedlung einlässt.

 

 

Karriere und der Glaube an den Aufbau des Sozialismus

 

Nach einem Intermezzo als Gefangene der Guomindang ist sie gezwungen, sich und die Kinder in Tschimkent/Kasachstan und später in Czernowitz/Ukraine als Fotografin durchzubringen und hier mach sie sich zum ersten Mal einen "Namen". War ihre Begeisterung für den Aufbau des Sozialismus zunächst noch angefacht durch die Liebe zu ihrem Mann, so entwickelt sie sich jetzt selbständig weiter.

Nach Gründung der VR China im Jah 1949 siedelt sie nach Beijing (Peking) über  und wird akkreditiert Film- und Fotokorrespondentin des Deutschen Fernsehfunks der DDR. In dieser Eigenschaft begleitet sie den Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee nach Tibet. Sie betrachtet diesen Einmarsch als Befreiung der Tibeter aus Dunkelheit und Barbarei.

Die Liste ihrer Freunde aus jenen Jahren liest sich wie ein Who is Who der internationalen Linken jener Zeit, da die Sowjetunion auch für Viele im Westen die große humanistische Alternative war.

Eva führt ein glückliches Leben in ihrer liebevoll verbundenen Familie und sieht sich als Foto- und Filmchronistin des - wie sie meint - Aufbaus des Sozialismus in jenen beiden Ländern, die sie liebt: China und der Sowjetunion. In der DDR werden ihre Bildbände publiziert und recht bald auch ins Englische und Schwedische übersetzt.

 

Im Räderwerk der Ideologie

 

Als die ideologische Auseinandersetzung zwischen China und der Sowjetunion beginnt, können weder sie noch ihre Familie das verstehen - haben sie doch in den zurückliegenden Jahren in beiden Ländern und auch in der DDR viele Freunde gefunden. Als sie glaubt, sich entscheiden zu müssen, setzt sie mit der ihr eigenen Konsequenz ein Zeichen: sie beantragt und erhält jetzt die chinesische Staatsbürgerschaft.

1967 gerät die Familie in die Fänge der "Kulturrevolution" - Eva und Emi werden verhaftet, der Spionage bezichtigt und verbringen sieben Jahre in strenger Einzelhaft. Sie wird später über diese Zeit schreiben: "Mit innerer Leere kann man die Einsamkeit nicht ertragen, doch mit innerem Reichtum kann man alles überstehen."

 

Neuanfang

 

Nach sieben Jahren werden beide entlassen und nach zwei weiteren Jahren Hausarrest und Kontaktsperre auch wieder voll rehabilitiert. In jenen Jahren hat sich der liebevolle Zusammenhalt der Familie, die Liebe, die sie ihren Kindern mitgegeben hat, bewährt: Söhne, Schwiegertöchter und Enkelkinder haben trotz aller Schikanen zusammengehalten. Eva bekommt - immerhin schon über sechzig Jahre alt - eine Stelle bei der Nachrichtenagentur Xinhua, die Familie eine neue, schönere, größere Wohnung.

Sie nimmt ihre Arbeit als Photographin wieder auf und die nächsten Jahre sind angefüllt durch die Mitwirkung an Dokumentarfilmen, Radio- und Fernshinterviews sowie vom Schreiben ihrer Autobiographie. Dies alles wird nur unterbrochen durch den als schmerzlichen Einschnitt erlebten Tod ihres Ehemannes 1983. In ihren Altersjahren wendet sie sich dem Taoismus zu. Über ihr Leben schreibt sie rückblickend: "Wenn ich zurückdenke, muß ich feststellen, daß ich

von den schweren Erlebnissen hauptsächlich das Gute in Erinnerung behalten habe und von den schönen Erlebnissen das Schönste." Und sie zitiert: "Denn nur, wer um die Tiefe weiss, kennt das Leben. Erst der Rückschlag gibt dem Menschen seine volle, vorstoßende Kraft."

 

Ihre Autobiographie wurd 1988 verfilmt, ihre Werke von der Kölner Ludwig-Stiftung erworben. Sie selbst liegt, gemeinsam mit ihrem Mann auf dem Revolutionsfriedhof Babaoshan in Beijing begraben.

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