3. Dezember 1949: DDR schickt Chirurgie-Ikone Sauerbruch in den Ruhestand

Der weltberühmte Chirurg Prof. Ferdinand Sauerbruch, * 3. Juli 1875 in Barmen ; † 2. Juli 1951 in Berlin tritt – auf äusseren Druck - von seinem Posten als Direktor der I. Chirurgischen Klinik der Berliner, mittlerweile Ost-Berliner, Charité zurück. Seine zunehmende „Gehirnsklerose“ (Jürgen Thorwald) hatte nicht nur zum Verlust seiner Einsichtsfähigkeit, sondern auch zu gravierenden Operations-“Unfällen“ geführt, die die Patienten zumeist nicht überlebten, was jedoch – zu – lange vertuscht worden war, da er als Aushängeschild für die Wissenschaftsentwicklung der jungen DDR gebraucht wurde.

 

Bildnachweis: „Sauerbruch-Visite-1943“, wikimedia commons. Unter dem Kittel ist die Uniform eines Generalarztes der Wehrmacht sichtbar.

Erste Entdeckungen und früher Ruhm

Sauerbruch galt, seit seinen bahnbrechenden Entwicklungen in der Chirurgie, aber auch wegen seiner prominenten Kontakte, lange Jahre als der König der deutschen Chirurgie: er entwickelte die künstliche „Sauerbruch-Hand“(Prothese) und die sogenannte „Umkipp-Plastik“. Desweiteren forschte er bereits 1910 über Möglichkeiten und Grenzen der Organtransplantation.

Sein wichtigstes Forschungsergebnis war die Entwicklung einer Unterdruckkammer, die es von nun an möglich machte, den Brustkorb zu öffnen, ohne daß die Lunge zusammenfiel. Dem folgte die Intubationsnarkose, deren Einführung in Deutschland er lange verzögert haben soll.

 

Von Hindenburg über Hitler nach Natzweiler und Auschwitz

Nach Facharztausbildung und Promotion absolvierte er eine steile Karriere, die von 1928 bis 1949 an die Charité führte. Das war eine Zeit, in der nicht nur er an seiner eigenen Legende strickte: immer im Dienst der Kranken, hilfsbereit und unpolitisch. Allerdings unterschrieb er, der sich später gerne als dem NS-Regime gegenüber kritisch-distanziert beschrieb, 1933 einen apologetischen Aufruf: „Ruf an die Gebildeten der Welt“, ein Bekenntnis zu Adolf Hitler. Hinter dem Link findet sich nicht nur der Text, sondern auch einige begeisterte Reden. Wikipedia hat eine sehr interessante Liste, auf der sich so mancher findet, der auch nach dem Krieg in West- und/oder Ostdeutschland wieder zu Ruhm und Ehren kam. Bis zu dessen Tod war Sauerbruch auch Hausarzt des greisen Reichspräsidenten Hindenburg.

Neben seiner chirurgischen Tätigkeit war er noch Generalarzt des Deutschen Heeres, also einer von dessen obersten Medizinern, sowie Obergutachter der deutschen Forschungsgemeinschaft. In dieser Funktion hat er u.a.  Menschenversuche von Josef Mengele genehmigt: Mengeles Vorgesetzter, Otmar von Verschuer „hatte die Unterstützung zweier Projekte beantragt, die am 18.8. bzw. 7.9.1943 durch F. Sauerbruch bewilligt wurden“ und für die Versuchspersonen im Regelfall mit dem Tod endeten. Weiter genehmigte er u.a. einen Senfgasversuch im KZ Natzweiler  im besetzten Frankreich. Über das, was sonst noch in Natzweiler geschah, habe ich am 1. Dezember berichtet.


Vom Dritten Reich bis in die DDR

Was ihn, im Gegensatz zu vielen Kollegen, die sich in den Westen absetzten, dazu bewogen hatte, in Ostberlin zu bleiben, läßt sich heute nicht mehr nachvollziehen.Es gibt Quellen, nachdem sowohl ihm als auch seinem Leitenden Oberarzt, einem Ex-SS-Mediziner im Falle einer Weigerung angedroht worden sei, ihn an die britische Besatzungsmacht zu überstellen, der die Vorbereitung und Durchführung eines Folgeprozesses des Nürnberger Prozesses, des Nürnberger Ärzteprozesses oblag.

Da er für die sich konstituierende DDR von unschätzbarem Wert war, wurde sein zunehmender Verfall zunächst vertuscht. Die Spiegel-Artikel hierzu sind heute ein Zeitdokument. (1), (2).

Zeitdokumente sind auch die mit Ghostwriter verfasste Autobiografie, die 1954 verfilmt wurde und den Stereotyp vom aufopferungsvollen Mediziner zementierte, und das 1961 erschienene Buch von Jürgen Thorwald, „Die Entlassung“, um das es erhebliche Auseinandersetzungen mit der ersten Ehefrau Sauerbruchs und ihren Kindern gab.


Hier ist die bundesrepublikanische Jubelarie von 1954 - also, wer mag ...


 

Noch nicht genügend aufgearbeitet

Thorwalds Interpretation, die „Zitadellen“ der Medizin hätten einen der Ihren aus Standesdünkel zu lange beschützt, ist bestenfalls die halbe Wahrheit: die ganze Wahrheit ist, daß Medizin korrumpierbar ist – und MedizinerInnen auch. Und eventuell zweimal hintereinander. Wie das Nachwuchsportal des Thieme-Verlags, viamedici, zu Recht feststellt, sind die Verstrickungen der Medizin/er im Nationalsozialismus bis heute nicht erschöpfend erforscht und die – ausbleibenden – Antworten auf die Fragen nach dem Zustandekommen von Erfolgen und Erkenntnissen wirkt bis in die heutigen Ethikdebatten nach.

Auch heute noch heissen Schulen und Krankenhäuser noch nach Ferdinand Sauerbruch und ich kenne erst eine Initiative dagegen.

Es wird Zeit, die Medizinverbrechen und ihre Vertuschung in West und Ost endlich vollständig aufzuarbeiten!

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