Die Philosophen auf Putins Nachttisch

Was einen ja immer wieder erstaunt: Leute, die sich unverdrossen für links halten, stehen in Treue fest zu einem rechtskonservativen, antikommunistischen, nationalistischen und turbokapitalistischen Regime. Ist das Dummheit oder tun sie das wider besseres Wissen? Dieser lange Artikel, dessen ersten Teil ich schon früher übersetzt habe, hilft bei der Antwort. Hoffentlich. Deswegen war es mir wichtig, ihn zu übersetzen.

Artikel von: Casper Thomas
Quelle: De Groene Amsterdammer 12/2014 vom 19. März 2014

Russlands Präsident liest gerne nationalistische Philosophen aus der prä-sowjetischen Ära. Denker wie Iljin, Berdjajew und Solowjow haben sein Denken stark beeinflusst. Ein roter Faden in deren Werken ist der tiefe kulturelle Graben zwischen dem kalten, materialistischen Westen und ihrem großen, großen Russland.

 

Bildnachweis: Titelblatt "De Groene Amsterdammer" 12/14. Underschrift: Der russische Präsident lässt sich durch slawische Denker des 19. Jahrhunderst inspirieren. und schreibt sie seiner Entourage als Lektüre vor.

 

Am 3. Oktober 2005 ...

...fand im Donskoi-Kloster in Moskau ein besonderes Ritual statt: Hierhin, in diese älteste und vornehmste Begräbnisstätte wurden zwei Russen unter großer Prachtentfaltung umgebettet. Der erste war General Anton Denikin, Befehlshaber der zaristischen Streitkräfte zur Zeit des Russischen Bürgerkriegs. Er starb 1947 im Exil an einem Herzinfarkt. Im zweiten Sarg, der in die Katakomben ging, befinden sich die sterblichen Überreste von Iwan Iljin, einem nationalistischen, tief religiösen Philosophen, der sich nach 1917 gegen die Bolschewiki wandte. Er wurde 1922 mit einem großen Teil der russischen Intelligenzija verbannt. [Diese Aktion wurde unter dem Namen „Philosophenschiff“ bekannt. 225 missliebige Intellektuelle, darunter 11 Philosophen, wiederum darunter die drei Philosophen, von denen Wladimir Putin heute maßgeblich beeinflusst ist, nämlich Iwan Iljin, Nikolai Berdjajew und Wladimir Solowjow, wurden auf insgesamt fünf Schiffen aus Russland nach Stettin, Riga und Konstantinopel transportiert. Das Schiff, das 2003 die Teilnehmer des XXI. Internationalen Philosophenkongresses „Philosophie im Angesicht globaler Probleme“ aus der Türkei nach Russland transportierte, wurde ebenfalls “Philosophenschiff” genannt: die russische Philosophie kam nach Hause zurück. DS].

Iljin ließ sich schlussendlich in der Schweiz nieder. Dort lag er auch begraben, bis man beschloss, ihn nach Moskau umzubetten.

 

Sowjetunion raus - imperiales Russland rein

Im Fall des Philosophen Iljin springt einem die Symbolik fast schon ins Gesicht: Seine Beisetzung in den Grüften des Donskoj-Klosters markiert seinen Status als Putins Inspirator. Seine Werke sind mittlerweile wieder allesamt erhältlich. [Anm. d. Übers.: es stehen auch einige in deutscher Sprache als Download im Internet oder antiquarisch zur Verfügung. Der Berliner Eckart-Verlag, in dem Iljin in den dreißiger Jahren publizierte, begriff sich als dezidiert antikommunistisch und veröffentlichte auch antisemitische Schriften. Hier scheint eine relativ komplette Auflistung seiner Werke zu stehen.] Im Jahr 2006 wurde auch das vollständige Archiv Iljins aus den USA zurückgeholt. Putin zitiert gerne aus dem Werk „Unsere Aufgaben“ [Anm. d. Übers.: einer antikommunistischen und antisowjetischen Kampfschrift], einem Buch, in dem man unter anderem einen Artikel mit dem Titel: „Was bedeutet die Aufteilung Russlands für die Welt?“ findet. Es sei bekannt, dass die westlichen Nationen die russische Identität nicht begreifen und nicht dulden. Sie würden „den russischen ,Besen‘ in lose Zweiglein aufteilen, die Zweiglein in Stücke brechen und anzünden mit dem abschreckenden Feuer ihrer Zivilisation“, schreibt Iljin. „Sie wollen ein uneiniges Russland, das auf Augenhöhe mit dem Westen steht, um es so vernichten zu können. Das ist abscheuliche Machtgier.“ Wenn Putin sich wirklich durch solche Ausführungen leiten lässt, bietet das wenig Hoffnung auf einen konstruktiven Dialog über die Krise in der Ostukraine.

 

Iwan Iljin war ein Spross eines adligen moskowitischen Geschlechts

Er wuchs in den Mauern des Kreml auf, wo sein Vater und Großvater im Dienst des Zaren arbeiteten. Er studierte Jura in Moskau, doch sein Herz hing mehr an der Philosophie. Er studierte Hegel, schrieb über Ethik und Politik und entwickelte eine Lehre, in der Macht und Legitimität des Staates im Zentrum stehen. Sein zweites großes Thema, mit dem er sich Blasen an die Finger schrieb, war die Zukunft der russischen Nation. Laut Iljin war diese Nation permanent in Gefahr, durch andere Mächte „angenagt“ zu werden. Er fürchtete einen deutschen Aufmarsch durch die baltischen Staaten und die Ukraine, eine englischen durch den Kaukasus und Zentralasien und eine japanische Expansion von Osten her. „Russland läuft Gefahr, ein permanenter Balkan zu werden, eine ewige Konfliktquelle, ein Problemkindergarten, schrieb Iljin 1948 in dem Essay „das künftige Russland“.

Bei seinen Zeitgenossen rief Iljin gemischte Gefühle hervor. Er wurde als Sprachvirtuose und brillianter Redner gepriesen, aber auch als kompromissloser Scharfmacher. Sein Unwille, einen diplomatischen Ton anzuschlagen, beendete nach der Oktoberrevolution seine bürgerliche Karriere. Trotz der Anstrengungen der Zensur fuhr er fort, die Bolschewiken zu kritisieren. Er wurde sechsmal verhaftet und letztendlich zum Tode verurteilt. Gerade noch rechtzeitig wurde die Strafe in permanente Verbannung abgeändert. Er ließ sich in Berlin nieder, wurde von dort jedoch 1938 ausgewiesen, da er sich weigerte, für die Nazis antisemitische Propagandatexte zu schreiben. Mithilfe des Komponisten Rachmaninoff landete Iljin an seinem zweiten Verbannungsort in der Schweiz. Auch da wurde ihm verboten, politische Aktivitäten zu entfalten, ein Verbot, das er in großem Stil ignorierte. Er schrieb Hunderte Artikel, in denen er den russischen Staat analysierte und sich als Weggefährte des Faschismus entpuppte, der in seinen Augen die einzig wirksame Waffe gegen den Kommunismus war.

Iljin entpuppte sich als Weggefährte des Faschismus, in seinen Augen die einzige wirksame Waffe gegen den Kommunismus.

Rotfärbung im Original

Bildnachweis: Iljin-Portrait "Der Denker", von Michail Wassiljewitsch Nesterow, 1922

 

Iljin-Rezeption bei den Emigranten

In Russland selbst wurde Iljin  größtenteils vergessen. Seine Broschüren – heimlich gedruckt und von Hand zu Hand verbreitet – fanden Widerhall in den Kreisen der „weißen Emigranten“, der bunten Gesellschaft aus russischem Adel, Intellektuellen und Großbürgertum, das sich nach der Revolution in Europa ausbreitete, auf der Flucht vor den Kommunisten. Diese Gemeinschaft, vertrieben von Haus und Herd und oft auf einen Schlag in Bedürftigkeit gestürzt, hatte sehr wohl Bedarf an einem Pröbchen scharfe Prosa über den Verfall ihres Heimatlandes. Doch verlor auch dieses Publikum nach und nach das Interesse. Dass Iljin 1954 seinen letzten Atemzug tat, blieb fast unbemerkt. „Wie reagierte die russische Emigrantengemeinde auf den Heimgang dieses bemerkenswerten Denkers? Mit beinahe vollständigem Stillschweigen“, konnte man in der New Yorker Emigrantenzeitung Rossija lesen.

 

Iljin als Stimme des neuen Russland

Dass Iljin in seinem Heimatland vor der Vergessenheit bewahrt wurde, ist einem russischen Experten zu verdanken, der in dem obskuren Philosophen eine Stimme des neuen Russland sah. Dieser Jurij Lisitza besaß selbst noch einige abgegriffene Photokopien  von Iljins Texten und machte es zu seiner Lebensaufgabe, die Werke des Philosophen zu sammeln, zu annotieren und aufs Neue herauszugeben. 1990 nahm Lisitza unbezahlten Urlaub von der Universität und kandidierte für den Moskauer Gemeinderat, um so die Ansichten seines intellektuellen Helden zu verbreiten. Lisitza ging von Tür zu Tür, eine Wahlbroschüre in der einen, ein selbst geschriebenes Büchlein über Iljin in der anderen Hand. Die Kampagne erwies sich als Fehlschlag, zumindest in politischer Hinsicht. Doch Dank des unermüdlichen Lisitza keimte das Gedankengut von Iljin erneut in der russischen intellektuellen Kultur.

Seitdem wurde Iljins Namen in Russland stets bekannter. In den neunziger Jahren tauchten seine Erklärungen in den Reden des damaligen Bürgermeisters von St.Petersburg auf, der ihn zustimmend zitierte, um große westliche Komplotte zu skizzieren, die die Macht von Russland unterminieren sollten. [Anm. d. Übers.: Dieser Bürgermeister war Anatolij Alexandrowitch Sobtschak, Chef und politischer Ziehvater sowohl von Putin als auch von Medwedjew, von Benjamin Bidder im Spiegel hier portraitiert]. In den Jahren nach 2000 übernahm der Filmemacher Nikita Michalkow [ „Putins Kino-Zar“ DS] die Staffel und begann mit einer Kampagne für die Repatriierung von Iljins sterblichen Überresten. Und seit Wladimir Putin – ein Vielleser von vor allem historischen und philosophischen Büchern, so seine Biografen [Anm. d. Übers.: genau diese Lesevorlieben soll Stalin auch gehabt haben] – an der Macht ist, hat Iljin einen Platz auf dem Nachttisch im Präsidenten-Schlafzimmer bekommen. Im Nachwirken von Kalte-Kriegs-Gefühlen verfolgen die amerikanischen  Sicherheitsdienste und Think-Tanks dieses Leseverhalten mit Argwohn. Um einen Eindruck von der Quelle zu geben, an der der alte Rivale sich labt, brachte die CIA 2007 ein Büchlein heraus: Ivan Ilyin: The National Philosopher of Putin’s Russia. Iwan Iljin, der nationale Philosoph von Putins Russland.

Wann genau Putin in Berührung mit Iljin kam, ist schwer nachzuvollziehen, aber dass dieser konservative Denker einen Ehrenplatz in seiner Bibliothek hat, ist sicher. Im Kreml ist Iwan Iljin mittlerweile so populär, dass  “Unsere Aufgaben” zum Weihnachtsgeschenk wurde – als Lesefutter für die Weihnachtsferien. Das Geschenk schien willkommen zu sein. “Politische Führungskräfte müssen eine einheitliche Auffassung von Russischer Geschichte und Ideologie haben, erklärte der Gouverneur der Oblast Swerdlowsk in der russischen Zeitung “Kommersant”.

 

Iljins Einfluss auf Putin

Daß Putin gerne Iljin liest, ist verständlich. Autokratie und Orthodoxie, die Pfeiler, auf die sich Putins Herrschaft stützt, sind in Iljins Schriften ein wiederkehrendes Thema.

Der Philosoph beschäftigte sich beinahe obsessiv mit dem, was Russland erwarte, nachdem die von ihm so gehassten Bolschewiken endlich erledigt seien.

Putin nannte das Auseinanderfallen der Sowjetunion allerdings "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts", doch das vor allem deswegen, weil als Folge Dutzende Millionen Russen ausserhalb der Landesgrenzen gelandet waren.

Iljins Überzeugung, daß aus der Asche von achtzig Jahren Kommunismus sich ein wiedergeborenes Russisches Reich wieder erheben wird, in dem die orthodoxe Kirche wieder erblühen kann, muß Putin ebenfalls ansprechen.

Iljin war darüberhinaus ein Monarchist mit wenig Geduld für das Volk.

Er war der Meinung, daß die Machtergreifung der Kommunisten die unmittelbare spirituelle und politische Schwäche seines Landes war.

In Iljins Augen hatte der Zar die Zügel schleifen lassen und so die Bedingungen für für die Revolution geschaffen. Seiner Meinung nach kann Russland nur durch eine zentrale Figur regiert werden, die die Macht fest in Händen hält.

Bildnachweis:(c) Reuters/Andrea Comas

Ein entscheidendes Thema für Putin ist das Wiederaufleben der Kirche. Unter seiner Herrschaft werden Kathedralen wieder aufgebaut.

Auch für die jetzige geopolitische Agenda Russlands liefert Iljin intellektuelle Munition. Putin macht in Wort und Tat kein Geheimnis davon, daß das Ausbreiten Russlands ganz oben auf seiner Agenda strahlt. Militärisches Eingreifen wird nicht gescheut, wenn es darum geht, frühere Teile der Sowjetunion wieder in die Föderation zu ziehen.

Auch sah Iljin keine Sinn in der Selbstverwaltung kleiner Staaten. Für die Doktrin "jedem Volk seinen eigenen Staat" gibt es, seiner Meinung nach, weder einen historischen Präzedenzfall, noch eine juristische Basis.

"Wo sind die unabhängigen Staaten der Flamen und Walonen?" fragt Iljin rhetorisch in seiner Schrift über das zukünftige Russland. "Warum gibt es kein souveränes Wales oder Schottland?" Iljin zählt noch ein Dutzend Völker auf: die Basken und Kurden, die Katalanen und Roma. Sein Punkt: es ist nichts falsch an einem Volk, das in einen größeren Machtbereich integriert ist. Schlimmer noch, (er sagt voraus, daß,) sollte die Sowjetuion in einen Flickenteppich kleiner Staaten auseinanderfallen, würden Chaos und Elend unvermeidlich folgen. Iljin warnt vor "Hunger, Kälte, Arbeitslosigkeit und Pogromen", es sei denn, ein "russischer nationaler Diktator" stünde auf, der "die Zügel ergreift, das Land Richtung Einheit führt und allen Separatisten den Weg abschneidet."

Das ist Putin auf den Leib geschrieben. Auch die heutige russische Einmischung in der Ukraine würde er sehr wahrscheinlich begrüßt haben.

"Ich habe keinerlei Sympathie für Pläne zur Abtrennung der Ukraine und selbst nicht für Gespräche darüber", schrieb er 1934 an einen Freund.

Außer Iljins "Unsere Aufgaben" fanden die Provinzgouverneure noch zwei weitere Bücher in ihrem Briefkasten: "Die Philosophie der Ungleichheiten" von Nikolai Berdjajew und "Die Rechtfertigung des Guten" von Wladimir Solowjow, zwei weitere Philosophen, die durch die Kommunisten aus der Sowjetunion verbannt worden waren.

Berdjajew war ein Denker, der anfänglich dem Marxismus positiv gegenüberstand, sich jedoch nach 1917 vollauf in die messianische Theologie stürzte. Er sah die russisch-orthodoxe Kirchd als Hüterin "der Seele der Welt" an und hatte wenig für den demokratischen Gleichheitsgedanken übrig. Er schreibt in "Die Philosophie der Ungleichheiten":

"Meine Ethik ist die der Aristokratie, in dem Sinn, daß die Macht an die Besten, die Klügsten, die Talentiertesten, die Wohlerzogensten und Nobelsten gehen soll.Ich sehe die Demokratie als einen Fehler an, da sie von der Herrschaft der Mehrheit abhängt."

Nummer drei auf der Leseliste, Wladimir Solowjow, war Theologe, Philosoph und Literaturkritiker.Er promovierte mit einer Arbeit über "die Krise der westlichen Philosophie"; (er positionierte sich) gegen die Positivisten und befürwortete in seiner Arbeit eine intuitive anstelle einer rationalen Weltsicht. Solowjow lebte als Asket und hatte nach eigenen Angaben mystische Erfahrungen. Er starb in Paris als obdachloser Bettler.

Sein "Die Rechtfertigung des Guten" ist ein schwieriges Traktat, das unter Anderem befürwortet, daß Russland einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gehen müsse. Das Land müsse sich zu einem Staat entwickeln, in dem Menschen den Raum bekommen, nach orthodox-christlichen Tugenden zu leben.

 

Der Nachdruck, den Denker wie Iljin, Berdjajew und Solowjow auf Spiritualität legen, ist, so Anton Fedjaschin, Direktur der Initiative for Russian Culture in der  American University in Washington, ein wichtiger Grund, warum sie Putins Aufmerksamkeit genießen. Am Telefon aus den USA sagte er:

 

"Alle drei gehören zu einer Schule innerhalb des russischen Konservatismus, die die Kirche als indentitätsbestimmende Institution wiederentdeckte.Die Denker der Generation vor ihnen war ein Stück weit liberaler orientiert und beschäftigte sich nicht so sehr mit der Rolle des Glaubens. Doch auch für Putin ist das Wiederaufleben der Kirche ein zentrales Thema. Unter seiner Herrschaft werden Kathedralen wieder aufgebaut. Wer nach russischen Denkern sucht, die glauben, daß Kirche und Staat zusammengehören, kommt somit schnell auf sie.

 

Auch die Überzeugung, daß Russland einzigartig und überlegen ist, spricht Putin an, meint Fedjaschin.

 

"Iljin, Berdjajew und Solowjow hatten die tiefe Überzeugung die tiefe Überzeugung, daß die Zukunft Russlands im Eurasianismus liegen muss. Ihr Ausgangspunkt war, daß Russland und die angrenzenden Länder einem anderen Weg folgen als der Westen. Russland muß als Primus inter Pares an der Spitze dieser eurasischen ,Familie' stehen. Vor allem an den Fakultäten für Philosophie und Geografie wird dieses Gedankengut seit mehreren Jahren wieder in Hülle und Fülle studiert," erzählt er.

 

 "Der Eurasismus ist ein starkes Instrument. Er betont, daß Russland anders ist als der Westen."

 

 

Der Marxismus ist eine korrumpierende, westliche Ideologie, die nie zu Russland gepasst hat

Der russische Konservativismus aus dem Ende des neunzehnten/Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, zu dem Iljn, Berdjajew und Solowjow alle drei gehören, hat eine besondere Geschichte. Seine Wurzeln liegen im frühen neunzehnten Jahrhundert, als die sogenannten Slawophilen auf die Suche ginngen nach dem, was die Essenz der russischen Kultur bildete.

Das war eine Reaktion auf die mehr westlich orientierten Denker, die einen Anschluss von Russland an Europa befürworteten. In deren Augen muss Russland die moderne Wissenschaft und politische Institutionen wie den Rechtsstaat umarmen, um sich so mit der Weiterentwicklung der Zivilisation zu verbinden. Die Slawophilen betonten mit Nachdruck den tiefen Graben zwischen einem kühlen und materialistischen Westen und der harmonischen, russischen Kultur, die beruhte auf Glauben, Mitgefühl und Gemeinschaftssinn und mit der orthodoxen Kirche und der Dorfgemeinschaft als Symbole dafür. Anton Fedjaschin erklärt das:

 

"Diese Tradition erhielt als Gegenreaktion auf den Marxismus einen neuen Impuls. Der Marximus wird als korrumpierende westliche Ideologie angesehen, die darüberhinaus die Revolution predigte, die die russischen Konservativen ablehnten. Sie meinen, daß Organisches Wachstum und graduelle Veränderung ihre Kultur auszeichnet."

 

Nach der Oktoberrevolution schien es anfänglich, als breche für die russischen Konservativen eine goldene Zeit an. Aufs Neue hatten sie einen klaren Feind, gegen den sie sich abgrenzen konnten. Enthusiastisch wird eine Palette von neuen Akademien, Zeitschriften und intellektuelle Gesellschaften gegründet, in denen die Beschädigung de russischen Seele durch die Bolschewiken besprochen werde konnte.

So gründete Berdjajew die Freie Akademie der spirituellen Kultur. Dort wurden Vorlesungen in orthodoxer Theologie, religiöser Philosophie und Mystik gehalten. Die Erfolgsgeschichte der Akademie war eine Vorlesungsreihe über den "Untergang des Abendlandes" des deutschen Philosophen Oswald Spengler, der das Ende der westlichen Zivilisation voraussagte.

Zunächst wurde das konservative Wiederaufleben noch toleriert. Lenin sprach spöttisch von einer "Renaissance der bourgeoisen Ideologie", doch er liess die Elfenbeinturm-Gelehrten größtenteils in Ruhe. Die Toleranzkultur kam zu Beginn der Zwanziger Jahre an ihr Ende, als alle nichtmarxistischen Fakultäten, Zeitschriften und Gesellschaften aufgelöst wurden.

Was folgte,war das sogenannte "Philosophenschiff", womit auf einen Schlag die Elite der russischen Intelligenz  nach Deutschland entsorgt wurde. Das setzte in Russland selbst einen Schlußstrich unter diese Tradition.

"In den Emigrantengemeinschaften entwickelte sich dieses Denken jedoch weiter, doch ab diesem Moment drehte es sich vor allem um die Frage, warum Russland zur Beute der Kommunisten wurde und was nach deren Ära folgen könnte", erklärt Fedjaschin. "Und so wurden ihre Ideen nach 1991 wieder aktuell."

 

 Auch nach Richard Pipes, dem emeritierten Professor für russische Geschichte, ist es nicht verwunderlich, daß die Denker, die 1922 verbannt worden waren, jetzt eine Renaissance erleben.

"Der dominante politische Trend im russischen Konservativismus ist die Betonung, die auf zentralisierte Macht gelegt wird, die durch kein Gesetz oder Parlament behindert wird. Auf schwache Führer sieht man herab," so Pipes in einem Telefongespräch.

Pipes ist ein Amerikaner mit polnischen Wurzeln, geboren 1923. Als Russland-Experte machte er in den Jahrzehnten des Kalten Krieges Karriere als Professor an der Harvard Universität. Nach Pipes sitzt die Tradition der Machtkonzentration in den Händen einer einzelnen Person und die Tradition sich der Autorität zu beugen, tief in der russischen Kultur. Zur Zeit der Sowjetunion shabe sich die Autokratie weiter fortgesetzt, vermummt als Vokswillen.

"Ich war in jenen Jahren einer der wenigen, die den russischen Konservativismus studierten, und der so bestimmte Kontinuitäten der Geschichte wahrnehmen konnte," erzählt er. "Putin nahm den Faden einfach wieder auf. Noch wird im Westen wenig vom Einfluß dieses Denkens auf Russland verstanden."

2006 schrieb Pipes das Buch "Russian Conservatism and its Critics", in dem er diese Tradition auf kulturelle und geografische Faktoren zurückführt.

Grund und Boden war in Russland niemals knapp und so konnte der Monarch davon bequem Gebrauch machen und den Anspruch erheben, daß das ganze Land ihm gehöre.

Und im Gegenteil zum Westen, wo weltliche Machthaber die Konkurrzenz des Papstes vorfanden, war die orthodoxe Kirche von vornherein "ein gehorsames Werkzeug des Souveräns", so Pipes.

Für seinen Glauben an einen russischen "Sonderweg" (deutsches Wort im Original.DS) ist er oft kritisiert worden, doch er hält Kurs.

Seiner Meinung nach führt eine direkte Linie von den Zaren, über Stalin zu Wladimir Putin, aber zwischen den Beiden gibt es auch einen wesentlichen Unterschied: "Jetzt wird die konservative philosophische Tradition in Russland wieder lückenlos gelehrt."

 

Der Blick von Richard Pipes wird wird bestimmt durch seine historische Erfahrung. Er wurde in einer Zeit erwachsen, in der russische Konservative im Exil über die Wiedererrichtung der Monarchie in Russland schrieben.Diesen Traum sah Pipes wiedergespiegelt im großen Feind im Kalten Krieg, der Sowjetunion.

Er erklärt, warum Pipes so sicher ist in seinem Urteil über diese intellektuelle Tradition und in Begriffen voller Besorgnis über deren Einfluss auf das heutige Russland.

Anton Fedjaschin gehört zu einer jüngeren Generation und ist vorsichtiger.

"Man macht es sich zu einfach, wenn man Iljin, Solowjew und Berdjajew als Apologeten für die heutige russische Autokratie benutzt," findet er. "Ein Putsch, wie zum Beispiel in der Ukraine, passt schlecht in deren Auffassung darüber, daß die Veränderungen vor allem von unten kommen muss."

Er weist auf kürzlich vorgenommene Interpretationen hin, die im Werk von Iljin lediglich eine große Liebe für Recht und Ordnung sehen wollen. Ein auffälliges Detail ist, daß Jurij Lisitsa, der Mathematiker, der hoffte, mit Iljin unter dem Arm, Politiker zu werden, diesen Denker als lediglich eine Antwort auf die Gesetzlosigkeit im postsowjetischen Russland sah.

 

Insgesamt schafft die Wiederentdeckung derjenigen intellektuellen Richtung, die durch die Kommunisten enthauptet wurde, eine seltsame Situation.

Es ist, als ob Iljin, Solowjow und Berdjajew mit ihrn strähnigen Bärten, ihrem tiefen Stirnrunzeln und ihrem Hang zur Mystik mal eben in das Russland von Gasverträgen, Oligarchen und den Punkprotesten von Pussy Riot hineingekommen wären.

Ihre Schriften sind oft zäh wie Leder und in einer Zeit, als die globale Situation eine völlig andere war. Ausserdem stand die Fortentwicklung ihres Denkens fast ein Jahrhundert still. Dazu urteilt Anton Fedjaschin:

 

"Es wird die Politik des 21. Jahrhunderts mit Denkgebäuden aus dem 19.Jahrhundert gemacht. Der Eurasianismus ist in der heutigen Welt schwer durchzuziehen, umso mehr, da China in Asien ein wichtiger Konkurrent ist. Doch als Ideologie ist er ein starkes Instrument. Er betont, daß Russland fundamental anders ist als der Westen und daß es in der Geschichte einem anderen Weg folgt."

Sitzt hier der Kern der wachsenden Entfernung zwischen Putin und dem Westen? Die Überzeugung, daß für Russland schlichtweg ein anderer Sittenkodex gilt? Es sieht ganz so aus.

"Der Westen versteht uns nicht", sagte Putin, als man ihm in allen Ecken Vorträge hielt, als er seine Hand nach der Krim ausstreckte. "Er lebt in einer anderen Welt", konstatierte Angela Merkel über ihren Kollegen im Kreml.

Es ist eine Henne-Ei-Frage: bezieht er aus diesen Büchern seine Ideen oder schlägt er sie vor allem auf, um eine Bestätigung für das zu bekommen, was er ohnehin macht?

Auch Fedjaschin wagt sich lieber nicht an die These, daß ein Denker wie Iljin als Putin-Flüsterer gesehen werden muss.

"Doch daß der russische Präsident fast vergessene Philosophen gebrauchen kann, um seine Ideen zu unterstützen, ist sonnenklar".

 

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