Marwa el-Sherbiny - die Zeichen an der Wand, Teil 1

Heute vor 7 Jahren wurde die im dritten Monat schwangere ägyptische Apothekerin und ex-Spitzensportlerin (errang mit der ägyptischen Handball-Nationalmannschaft bei einer afrikanischen Meisterschaft den 3. Platz) Dr. Marwa el-Sherbiny von dem in Russland geborenen Deutschen Alex W. in Dresden ermordet.

 

Ihr Mann, der Naturwissenschaftler Elwy Okaz wurde beim Versuch, dem Täter das Messer zu entwinden, zunächst vom Täter mit ebenfalls sechzehn Messerstichen schwer verletzt, dan von einem zur Hilfe gerufenen Bundespolizisten angeschossen, wobei er einen Schussbruch im Oberschenkel erlitt.

Bildnachweis: div. Internetquellen

 

Die Vorgeschichte

Was war passiert? Dr. Marwa el-Sherbini war eine promovierte Pharmazeutin aus Alexandria, verheiratet mit dem Wissenschaftler Elwy Okaz. Sie war eine prominente Sportlerin, zeitweise Kapitänin der ägypischen Frauen-Handball-Nationalmannschaft, die u.a. mit ihr einen dritten Platz bei einer afrikanischen Meisterschaftgewann. Als ihr Mann aus mehreren Ländern, u.a. auch Großbritannien und den USA Angebote für einen Promotionsaufenthalt bekam, entschied sich das Paar, nach Rücksprache mit ihren Familien für das Angebot des des Max-Planck-Institut Dresden. Deutschland sei ein Rechtsstaat und für Muslime bestimmt sicherer.

Marwa strebte an, auch in Deutschland als Apothekerin zu arbeiten. Dazu sollte sie ein 6-monatiges  Praktikum in einer öffentlichen Apotheke machen. Obwohl sie dieses Praktikum unbezahlt absolvieren wollte, musste sie monatelang Klinken putzen. Hindernis: Kopftuch...  Seit ein paar Wochen arbeitete sie in einer Apotheke, deren Besitzerin sie eingestellt hatte mit der Bemerkung, es interessiere sie mehr, was Marwa im anstatt auf dem Kopf habe.

Eines Tages ging sie mit einer Freundin und ihrem kleinen Sohn Mustafa auf einen Spielplatz. Der Russlanddeutsche Alex W. eine Schaukel blockerte. Als Marwa ihn höflich fragte, ob er die Schaukel denn freimachen könne, rastete W. aus.

Er. reagierte mit Aggressivität, pöbelte Marwa an und es fielen Schimpfworte wie "Kopftuchschlampe", "Islamistin", "Terroristin", rassistisch, mit essenzieller Markierung von Marwa el-.Sherbini als Muslimin. In der ersten Verhandlung wurde W., der von Hartz4  lebte, zu einer Geldstrafe von 780,-- verurteilt. Sowohl er als auch die Staatsanwaltschaft  legten Revision ein. Nachdem sie in der erneuten Verhandlung ausgesagt  hatte, wollte sie den Saal verlassen - da stach Wiens zu. Er verletzte sie - vor den Augen ihres Ehemannes und ihres dreijährigen Sohnes tödlich. Elwy Okaz hatte noch versucht, W. das Messer aus der Hand zu winden, wurde jedoch ebenfalls mit 16 Messerstichen schwer verletzt.

Zuschauer versuchten, Hilfe zu holen. Zwei Bundespolizisten, die vor einem Nachbarsaal warteten, wurden zur Hilfe geholt, verkannte den - schwarzhaarigen - Ehemann für den Angreifer und den blonden W. für das Opfer, schoss auf Elwy Okaz und fügte ihm einen Schussbruch im Oberschenkel zu.

 

"Sie schmieriger Dhimmi"

Anlässlich des gerechtfertigten Urteils - der Täter wurde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe mit der Festestellung der "besonderen Schwere der Schuld "verurteilt - schrieb ich damals:

Somit alles ok? Sicherlich nicht, denn ein wesentliches Problem bleibt ungelöst: der Hass bleibt und wird befeuert durch „Islamkritik“, jene unselige Chiffre für ein Konglomerat von Hass, Rassismus und Mythen, die sich nicht nur auf den islamophoben Blogs finden, die für Marginalisierte ein Mittel sind, ihren Hass ins Netz zu speien: taten sie es früher im Schatten ihrer entlarvenden Nicks, so wagen sie sich heute in die Öffentlichkeit: sei es, indem sie ihre Hassmails mit vollem Namen und Adresse verschicken, sei es, indem sie sogenannte „Dhimmis“ drangsalieren. Dieses Wort wurde mittlerweile von seiner originären Bedeutung (Christ oder Jude im islamischen Staat)abgekoppelt. Heute wird unter Dhimmi derjenige verstanden, der den Westen und seine Werte an Islam und Muslime verrät.
Eines der ersten Opfer der islamophoben Attacken war der deutsche Juraprofessor Mathias Rohe, der sich auf Rechtsvergleichung zwischen Europäischem Recht und Scharia-Recht spezialisiert hat. In der schlimmsten Mail, die er je bekam, liest man:

„Sie schmieriger Dhimmi, Sie sind also auch einer von jenen verbrecherischen Hochverrätern, die Deutschland an den faschistoiden, totalitären und zutiefst imperialistischen Islam verraten und verkaufen wollen.“ Der anonyme Schreiber fährt fort: „Ich werde mich unglaublich bereichert fühlen, wenn Ihresgleichen, am Halse aufgehangen, am Baukran baumelt. Und wenn Ihnen dann die Visage blau anläuft, die Zunge aus dem Maul hängt, Ihr Schließmuskel versagt und Sie ein letztes Mal unter sich machen, dann, ja dann, werde ich bereichert sein. Ein Einheimischer.“

 

Vom Rand in den Mainstream

Vieles von dem, was heute im Mainstream, sowohl in Politik aus auch Medien heute allgemeiner und aktzeptierter Diskurs ist, wurde vor 7-12 Jahren noch von Extremisten, Populisten und enschlägigen Blogs anbuchstabiert - die auch damals schon zu ersten Aktionen auliefen und das stolz im Internet vermeldeten: so wurde die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer, von der PI-Ortsgruppe (sic!) München, eine der aktivsten des PI-Ortsgruppenkosmos in Erlangen "besucht"; die Gruppe liess sich stolz vor dem Haus, in dem sie heute noch ihr Erlanger Büro hat, photographieren - die Botschaft war aus meiner Sicht nicht mißzuverstehen! Weitere Besuche erfolgten in Schiffers Vorträgen, laut PI "in der Höhle des Löwen". Berichte über die Störungen wurden stolz im Stil von Frontberichten veröffentlicht. Michael Stürzenberger ist den Münchnern durch die Agitation gegen das geplante Islamzentrum bekannt und mittlerweile, wie die "Süddeutsche" schrieb, von einem österreichischen Gericht wegen Volksverhetzung zu einer Bewährungsstrafe veruteilt und wurde auch schon mehrmals bei PEGIDA-"Spaziergängen" interviewt. Wer ihn in Aktion sehen will - klick.

Bildnachweis: RChandler/PI: die PI-"Ortsgruppe" München, rechts: Michael Stürzenberger

 

Die Leitmedien

Selbst Nachrichtenmagazine wie "Spiegel" und "Focus" schrieben damals antimuslimische Stimmung herbei.  Der Spiegel“ hypte – als „Fundstück“ mutmaßlich des LKA Sachsens den Mordaufruf eines Scheichs. So, wie sich der Beitrag liest, musste es sich um eine religiöse Autorität handeln, dessen Befehl unbedingt Folge zu leisten ist. Hauptsächlich auf diesen Mordaufruf hin wurden im Dresdner Landgericht eine 50.000 Euro teure Panzerglasscheibe eingebaut und intensive Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt. Sämtliche Medien berichten stringent über den ägyptischen und allgemein muslimischen Rachedurst. Der deutsch-ägyptische Journalist Karim al-Gawhary recherchierte etwas genauer und kam zum Schluss, die ganze Fama sei wesentlich gegründet auf den „Mordaufruf eines Wirrkopfes“ – „Das Panzerglas beim Marwa-Prozess ist ihm zu verdanken: Im Internet rief ein ägyptischer Prediger zum Rachemord auf. In Ägypten nimmt den Wirrkopf niemand ernst.“

Den islamkritischen Vogel schoss allerdings Helmut Markwort, damals noch Chefredakteur des Focus ab. Das zweite Beispiel: in einer Fernsehsendung des Bayrischen Rundfunks hielt, motiviert durch die Ereignisse von Fort Hood, Helmut Markwort, der Chefredakteur des zweiten bekannten Nachrichtenmagazins “focus”, es für nötig, zu thematisieren, ob man nicht in einer Liste die Religionszugehörigkeit der muslimischen Soldaten, besonders der Offiziere, erfassen könne. –PI war entzückt, klar, und der oben bereits genannte Michael Stürzenberger bettete das Video ein, das bei youtube mit der Frage steht, ob denn Muslime den Einsatz gegen ihre „Glaubensbrüder“ ablehnen dürften. Ein schönes Stück „agenda setting“, fürwahr: „Muslime“ sind keine Kriegspartei und mir, nach 26 Jahren Dienst als Berufsoffizier im vergangenen Jahr pensioniert, sind die von Markwort angesprochenen und von unserer damaligen Justizministerin nur unzureichend parierten Überlegungen vollkommen fremd und noch nie begegnet, im Gegenteil: Begegnet sind mir stattdessen „Glaubensbrüder“ und -schwestern, die loyal und engagiert ihren Dienst tun, ca. 2000 an der Zahl. Dasselbe gilt sinngemäß im Übrigen auch für hunderttausende Muslime in den US-Streitkräften. Übrigens wurde in den deutschen Streitkräften schon einmal gezählt. Die Juden nämlich. 1916. Am 11. Oktober 1916 wurde der entsprechende Erlass veröffentlicht.

Mittlerweile darf sich Herr Markwort - ich hatte übrigens damals eine Meldung darüber geschrieben, daß ich an seinem Geschwätz Anstoß nehme als widerlegt betrachten. In der Bundeswehr ist das kein Thema - es gibt Soldat*innen mit Migrationshintergrund aus 76 Ländern, und ja, auch mittlerweile um die 2000 Muslime, mit Sicherheit mehr als 1500. Damit ist die von der Bundeswehr festgelegte Zahl von 1500 zumindest erreicht. Eine Dienstvorschrift der Bundeswehr sieht vor, daß jedwede Religionsgemeinschaft, die diese Zahl erreicht, Anspruch auf institutionalisierte Militärseelsorge hat. Die Muslime in der Bundeswehr haben mittlerweile auch sehr profilierte Vertreter*innen wie die wundervolle Nariman Reinke, erste Stellvertretende Vorsitzende des Vereins Deutscher Soldat e.V.

Ich will das Thema - ein Mord aus antimuslimischem Rassismus, man kann es auch Islamhass oder Islamophobie nennen - nicht mit "Bundeswehr" überfrachten, nur soviel noch: wie die muslimischen Soldaten der Bundewehr engagieren sich überdurchschnittlich viele, gerade gut gebildete und ausgebildete Migrant*innen für unser Land engagieren. Wie es auch Elwy Okaz und Marwa el-Sherbiny wollten.

Wird fortgesetzt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0