29. Oktober 2004: Die jüdische Gemeinde errichtet die Gedenkstätte von Kuropaty

Nicht nur in der Ukraine gibt es heute Gedenkstätten über den Massengräbern des stalinistischen Terrors wie Bykivnyia

Am 29. Oktober 2004 errichtet die Jüdische Gemeinde von Belarus für die Toten im Wald von Kuropaty ein Denkmal, auf dem steht:

 

„Für unsere Glaubensbrüder, Juden, Christen und Muslime, den Opfern des Stalinismus, von den Juden Weissrusslands.“.

Bildnachweis: http://euroradio.fm/en/report/victims-totalitarianism-commemorated-kurapaty-photo-49310

Mit dem Vertrag von Riga (18.3. 1921), der den durch die Rote Armee schmählich verlorenen polnisch-sowjetischen Krieg beendete, wird Weissrussland faktisch aufgeteilt: der westliche Teil wurde – dem „Erbfeind“ der Russen - Polen zugeschlagen, aus dem östlichen Teil wurde die Weißrussische SSR. Dort lebt allerdings noch eine beträchtliche polnische Minderheit. Russland "vertrat" übrigens die Weissrussische SSR während der Verhandlungen.

 

Im Vertrauen auf die Zusage von Stalins Nationalitätenpolitik – „national in der Form, sozialistisch im Inhalt“ - beginnen die Führer der Weißrussischen SSR mit dem Versuch, Wirtschaft und Kultur nach nationalen Interessen auszurichten; dies bringt sie zunächst in den Fokus des Kampfes gegen die „Kulaken“, zum großen Teil Bauern mit bescheidenem Besitz, der bereits als unangemessener Wohlstand denunziert wird. Heißt es zunächst noch, daß die „Vernichtung der Kulaken als Klasse“ notwendig sei, so nimmt der Terror zunehmend ethnische Züge an – wie auch gegen die Ukraine. Das summiert sich mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen und realer Opposition zu einer tödlichen Mischung.

 

Die Paranoia – z.B. vor polnischer Spionage wurde, wie in der Ukraine, befeuert durch die angebliche Existenz einer „polnischen Militärorganisation“ – wird somit auch zur Begründung bei mancher Erschießung: das Opfer wird – zu – enger Kontakte mit Polen bezichtigt.

1937 holt der NKWD-Chef von Minsk, Boris Dawydowitsch Berman, ein Gefolgsmann des NKWD-Chefs Jeschow, zum ersten Schlag aus: zunächst wurde die Parteiorganisation von Minsk gesäubert, dann macht man systematisch Jagd auf weitere Polen und angebliche polnische Spione und halluziniert eine polnische „Fünfte Kolonne“.

Zwar stürzt Berman, zusammen mit seinem Bruder und dem „blutrünstigen Zwerg“ Jeschow im Jahr 1939, doch die Mordaktionen setzten sich noch bis zum Kriegsausbruch fort. Im Wald von Kuropaty sollen 250.000 Opfer der Säuberungen begraben sein.

 

Ende der 70er Jahre wird die Stätte zunächst von einem weißrussischen Archäologen und Historiker, Sianon Pasniak, entdeckt. Seine Forschungen führen zu dem Ergebnis, dass es sich um weissrussische Opfer des NKWD handelt. 1988 waren insgesamt sieben Ausgrabungsstätten freigelegt.

Zunächst wird als Ergebnis einer offiziellen Untersuchung „festgestellt“, die Massenerschießungen seien von den Deutschen durchgeführt worden, es handle sich um Juden aus Hamburg. Diese „Erklärung“ erweist sich jedoch als genauso unzutreffend wie die der angeblichen deutschen Schuld am Massaker von Katyn.


Als Reaktion auf die Entdeckungen gründen sich Gruppen, die Aufklärung und Gedenken fordern.

Am 29. Oktober 1989, anlässlich des traditionellen, weißrussischen „Dziady“ (=Allerseelen-)Tages, sammelt sich am Ostfriedhof von Minsk eine Menschenmenge, die nach Kuropaty zieht und die bis dort auf 50.000 anwächst. Man führt ein durch weißrussische Künstler gestaltetes fünf Meter hohes Holzkreuz mit sich, an dessen Spitze sich eine Krone aus Stacheldraht befindet und das die Jahreszahlen 1937-1941 trägt. 

Nach 1989 werden mehrere Kreuze errichtet, meistens von Angehörigen der Opfer.


Trotz der in den ersten Minuten unpassenden Tonspur ist der folgende, eindrucksvolle Clip sehenswert:

 

 1994 besucht US-Präsident Bill Clinton Kuropaty und stiftet einen kleinen Gedenkstein, der jedoch in der Folge dreimal demoliert wird.

2001 soll eine Umgehungsstraße für Minsk durch den Wald gebaut werden. Durch die Bauarbeiten werden mindestens einhundert der mittlerweile mehreren hundert Kreuze zerstört. Das führt zu Protesten und dem Bau eines Protestcamps, das jedoch mit Bulldozern und Bereitschaftspolizei aufgelöst wird. Die Polizei nimmt dreissig Protestierer fest, die zu Haft- und Geldstrafen verurteilt werden.

 

Trotz Unterstützung aus EU und USA für die Gedenkstätte: der Vandalismus hat bis dato nicht aufgehört. Der Wald von Kuropaty ist jedoch mittlerweile als nationale Gedenkstätte etabliert. In Deutschland engagiert sich besonders das Internatione Bildungs- und Begegnungsentrum, zusammen mit seiner Schwesterorganisation in Minsk, (nicht nur) hier für die Erinnerungsarbeit und Versöhnung.

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