Heinsohns Theorien reloaded by Jörg Meuthen (AfD)

Heute macht der frisch gewählte Fraktions-vorsitzende der AfD im Landtag von Baden-Württemberg, Jörg Meuthen, mit einem Interview von sich reden, in dem er im Endergebnis Alleinerziehende Frauen, die ohnehin in Deutschland das höchste Armutsrisiko tragen, mit ihren Kindern zur Verelendung frei. Das ist alter Wein in nicht mal neuen Schläuchen. Dafür hat Gunnar Heinsohn 2010 eine Menge Strafanzeigen kassiert. Meuthen, der in der Presse schon als gemäßigt dargestellt wurde, hat sich damit dort positioniert, wo Gunnar Heinsohn schon länger ist: ganz weit rechtsaussen. Anlass für mich, meinen dreiteiligen Artikel von 2010 nochmal zu überarbeiten und wiederum in drei Teilen zu veröffentlichen.

 

Rassimus hat nichts mit "Rasse" zu tun

Die klassische Rassismusdefinition stammt von dem tunesisch-französischen Soziologen Albert Memmi. Zu Recht hat sie Eingang in die Encyclopaedia Universalis gefunden. Es geht um „den Unterschied“: wie unterscheiden sich „die“ von „uns“?  "Die" sind die, die sich von "uns" unterscheiden. Aus der Gemeinschaft mit "uns" kann man herausdefiniert werden - wie die Hartz IV-EmpfängerInnen.

 

Kirche und „weiße Stadt“: Horte der Selbstgerechtigkeit Quelle: GAG-Köln/bilderbuch-Koeln.de

Ich komme aus dem „hillige Kölle“, der Stadt, in der neben echter katholischer Frömmigkeit auch immer die übelste Katholerei zu Hause war; aus dem Vorort, der einmal „Kalkerfeld“ hieß, in dem man 1936 eine „weiße Stadt“ für des Führers treue Beamte eingeweiht hatte, wo 1937 ein besonders übler „Veedelszoch“ gelaufen sein soll, und aus dem auch der Autor der folgenden Zeilen stammt:

„Et deit sich alles freue, mir sinn jetz bahl su wick, mir wääde jetz in Deutschland, die Jüdde endlich quitt. En jeder Stroß do hadde mer, neh Jüddelade stonn, et jitt noch immer domme, die dobei kaufe jonn. Met dä Jüdde es jetz Schluß. Se wandere langsam us.“

 

Nach „Jüdde“ kamen „Imis“

Der Krieg ging „verloren“, „die Jüdde“ war man zwar quitt, aber dann kamen „de Imis“, die Flüchtlinge aus dem Osten, auch „Pimoken“ genannt, und mussten integriert werden. Ein Hindernis dabei war ihre Religion – in den katholischen Landstrichen, daß sie evangelisch waren, in den evangelischen Landstrichen war es umgekehrt. In Kalkerfeld, seit 1932 Köln-Buchforst, schafften es die Katholischen bis 1965, den Bau einer evangelischen Kirche zu verhindern.

Diese 14 Millionen „Pimoken“ waren - „hatten wir nicht alle unser Päckchen zu tragen im Krieg?“ - aus Gründen, die man nicht so richtig akzeptierte, in den Westen gekommen und hatten sehr lange einen sehr schweren Stand. Im Buch „Kalte Heimat“, in dem der Autor Andreas Kossert mit der verlogenen  „Erfolgsgeschichte“ der angeblich so kameradschaftlichen Aufnahme durch die verschont gebliebenen Landsleute aufräumt, geht es genau darum: an einer Stelle berichtet er explizit über Rassismus gegen ostpreußische Flüchtlinge, die man verdächtigte, nicht „reinrassig“ genug zu sein. Dazu meinte man,wWas sie über den Lastenausgleich vom Staat bekommen hätten, sei erstens unverdient und zweitens zu viel: JedeR von ihnen, so der Volksmund, hatte einen „Blumentopf vor dem Fenster zum Rittergut“ hochgelogen, kassierte unberechtigt viel Geld und ließ es sich gut gehen. Ausgegrenzt wurden auch die mit Filmen wie „Heimkehr“ - das ist die Schlüsselszene -  „heim ins Reich“ geholten Deutschen, sofern sie sich als Schergen des Regimes  in die Konzentrationslager oder in die Waffen-SS verdingt hatten.

 

„Volks“- und „Beutedeutsche“

Die zuerst „Volks“- später „Beutedeutschen“ dienten der perfekten Entlastung: klar, die „Beutedeutschen“, die irgendwie „nicht ganz koscheren“, deren „Deutschtum“ irgendwie fragwürdig war: die waren das! Die hatten die Sauereien in den Lagern begangen – ein „richtiger“ Deutscher tat so etwas nicht. (Notiz an mich: wieso bezeichnet Henryk M. Broder auf diesem historischen Hintergrund sich und seine "Schwestern" Kelek und Ates als „Beutedeutsche?)

 

Dieser Mechanismus funktionierte später auch bei den „Russlanddeutschen“: zur Zeit der noch nicht verabschiedeten Ostverträge konnte die CDU nicht genug tun, um eine Lösung für die angeblich noch immer unterdrückten Deutschen in der Sowjetunion zu finden, dann kamen sie und wurden, wie die Vertriebenen vor ihnen, Gegenstand von Neid und wilden Spekulationen. Angeblich genügte der Besitz eines Deutschen Schäferhundes für die Zuerkennung des bundesdeutschen Passes. Zum Schluss wurden sie als „Russland-Deutsche“ oder „Russen“ bei „uns“ genauso ausgegrenzt, wie vor 1961 in der Sowjetunion als „Fritzen“ und „Faschisten“. Diese Ausgrenzung und Abspaltung funktionierte auch bei Alex Wiens, dem Mörder von Marwa el-Sherbiny in Dresden.
All diese Menschen haben im Bewusstsein derer, denen man einst das „gesunde Volksempfinden“ zuerkannte, eines gemeinsam: sie verfrühstücken Werte, die ihnen nicht zustehen, Werte, die jemand anderes erarbeitet hat, dem diese Werte deshalb nicht mehr zugutekommen. Ein Merkmal, unter dem man sie alle zusammenfassen kann. Weiter: Sie sind feige und so brutal, wie ein „richtiger“ Deutscher niemals sein könnte, kurz: sie sind asozial und vermehren sich wie die Ratten. So zu sehen im Film „Der ewige Jude“, so schrieb es als erste die Italienerin Fallaci über die muslimischen Migranten, und Dutzende schrieben es von ihr ab. Sie alle sind Parasiten und somit dem Wirtskörper schädlich.

 

Weitere Ausgrenzungsdiskurse


Übrigens haben sich aus meiner Sicht diese Ausgrenzungsdiskurse sowohl in den denunziatorischen Nach-Wende Diskursen über IM's, Begrüßungsgeld, Soli-Zuschlag und „Jammerossi“ erhalten (womit ich nicht gegen eine kritische Aufarbeitung von DDR-Geschichte und DDR-Unrecht reden will), als auch in den antideutschen Unsäglichkeiten à la „Bomber Harris do it again“ (womit ich nicht einstimmen will in die rechten Unsäglichkeiten vom Bombenholocaust). Beide Diskurse sind zwar noch nicht rassistisch, aber ausgrenzend und denunziatorisch.

Zum „Feind“-Diskurs gehört auch immer der entschlossene diskursive Griff zwischen dessen Beine, wie es die an der Universität Amsterdam lehrende Literaturprofessorin Solange Leibovici für den „pornographischen Antisemitismus“ detailliert ausgeführt hat (hier und hier)– mit alter Tradition,  die der chilenische ünstler und Religionswissenschaftler Claudio Lange für die sexualisierte antimuslimische  Propaganda überzeugend herausgearbeitet hat. Daß es sexualisierte und sexualisierende Hetze gegen Muslime - zwecks Rechtfertigung der Kreuzzüge - gab, ist die gut belegte These von Claudio Lange, doch auch der Vorwurf der Triebhaftigkeit ging nicht nur gegen das Fremde, sondern immer auch gegen die eigene Unterschicht: „Dumm f**** gut“. Es gab Frauen, die man(n) heiratete, und solche, mit denen man(n) sich vergnügte. Zu den sexuellen Funktionen gehört die Reproduktionsfunktion.

Bildnachweis: Claudio Lange, der nackte Feind. Zu Zeiten des noch bestehenden andalusischen Muslimstaaten bediente sich die antimuslimische Propaganda pornographischer Darstellungen, die an den romanischen Kirchen angebracht wurden.

 

Rassismus

Der französisch-tunesische, jüdische Soziologe Albert Memmi hat die bis heute klassische Definition  des Rassismus geliefert: „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.“ Die allen bislang genannten Gruppen in der Wertung ihrer Ankläger gemeinsamen Merkmale sind: sie sind geldgierig und bedacht, sich auf Kosten ihrer „Wirte“ einen Vorteil zu verschaffen, also parasitär: sofern es die Juden betrifft, brauche ich hier nicht zu wiederholen, was in jedem Reader über Antisemitismus nachgelesen werden kann. Man muss sich durchaus nicht immer in den „Kulturalismus“-Begriff begeben, gibt es doch noch ganz altväterlichen Rassismus, wobei ich den meine, der auf die psychophysischen Merkmale des/der Einzelnen abhebt. Eine der Säue, die die deutschen Medien durchs mediale Dorf trieben, war die angeblich niedrigere Intelligenz – gemessen am den IQ türkischer MigrantInnen , wobei stets die Zahl „85“ durch die Debatte geisterte – klar: die Zahl „85“ markiert bei der Testauswertung die Grenze zum Schwachsinn.

Selbst wenn es so wäre: in diesem insgesamt widerwärtigen Diskurs wurde natürlich nicht auf die ethnische Verzerrung rekurriert - wozu auch? Ein „Superhirn“ wie die türkischstämmige Juristin Bilge Buz kommt in so einem Gedankengebäude nicht vor, oder höchstens als Ausnahme, die die Regel bestätigt („positives Integrationsergebnis…geht doch…“). Bilge Buz hat 2004 als 16jährige - nachdem sie 3 Klassen übersprungen hatte - Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,0 gemacht, danach - so entnahm ich es ihrem Facebook-Account - bis 2009 an der Berliner Humboldt-Uni studiert und danach Auslandssemester in Paris und London absolviert und mittlerweile einen Abschluss in europäischem und Wirtschaftsrecht. Nein, nach Sarrazin, AfD und Co:  Migrantenfrauen, vulgo „Kopftuchmädchen“, sind und bleiben im Regelfall (zu) blöd, und wenn sie keine Lust mehr aufs Putzen haben, bekommen sie - viele - Kinder. Nein, ich werde jetzt nicht die Migrantenschelte von Herrn Sarrazin wiederholen, es geht mir im Endergebnis um Rassismus gegen DEUTSCHE, hier gegen Hartz IV-Empfänger*innen und Alleinerziehende. Und das AfD-Programm wiederholt diesen Sozialrassismus in vielen Forderungen. Jetzt - Jörg Meuthen hat den Startschuss gegeben - wird zunächst mal die sozialrassistische Ausgrenzung an den Alleinerziehenden eingeübt, danach kann (un)mensch ganz leicht das Objekt wechseln. Wie das geht, wurde von George Orwell bereits virtuos in "1984" beschrieben:

"Actually, as Winston well knew, it was only four years since Oceania had been at war with Eastasia and in alliance with Eurasia. ... Officially the change of partners had never happened. Oceania was at war with Eurasia: therefore Oceania had always been at war with Eurasia. The enemy of the moment always represented absolute evil, and it followed that any past or future agreement with him was impossible."

Und ja, die Objekte der Ausgrenzung sind uneinsichtig und bedürfen somit robusterer Maßnahmen, in diesem Fall Ausschluss von den staatlichen Unterstützungsleistungen.

 

(Un-)Substantiierte Vergleiche?

Memmi schrieb in seinem 1982 zunächst bei Gallimard in Paris erschienenen Standardwerk „Rassismus“: „So gut wie niemand möchte als Rassist gelten und dennoch behauptet sich das rassistische Denken hartnäckig bis auf den heutigen Tag...gibt es jedoch zweifellos rassistische Einstellungen und Verhaltensweisen; jeder könnte dafür Beispiele anführen - bei jemand anderem...Solange die rassistischen Äußerungen nicht verstummen wollen, rufen wir uns noch einmal ihren Inhalt in Erinnerung und machen uns einmal mehr an ihre Widerlegung, bevor wir eine Analyse...versuchen.“ (Deutsche Ausgabe: Albert Memmi, Rassismus, athenäum, Frankfurt 1987, S. 11)

 

Dies war als „Vorbemerkung“ nötig, bevor ich zum Gegenstand dieses Artikels und der beiden folgenden komme: dem „Gastbeitrag“ von Professor Dr. Dr. Gunnar Heinsohn in der FAZ vom 16. März 2010, dessen Inhalt sich weitgehend mit dem deckt, was Jörg Meuthen und den Verfasser*innen des AfD-Programmentwurfs anscheinend so vorschwebt. Der Artikel scheint übrigens bei der FAZ nicht mehr aufrufbar, deswegen musste ich die wayback machine bemühen. Und bei einem Armutsanteil von 39% die Alleinerziehenden (Frauen, denn darum geht es!) als "Hätschelkinder der Nation" zu verhöhnen ... hier und hier haben Betroffene schon damals auf die Trittbrettfahrt eines Autorenduos reagiert.

 

Söhne und Weltmacht

 

Der für Heinsohn wesentliche Unterschied ist „die Demographie“, die er angeblich mittlerweile auch als "Militärdemographie" den Kursteilnehmern des NATO-Defense-Colleges in Rom und an der Bundesakademie für Sicherheit vermitteln soll (ich muß dem noch mal nachgehen), bzw. das demographische Verhalten: 2004 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel: „Söhne und Weltmacht“.Ich lasse mal die beiden folgenden Kurzzitate von der Amazon-Seite für sich selber sprechen:
„Ich bin davon überzeugt, dass ein Buch des deutschen Genozidforschers Gunnar Heinsohn zur Pflichtlektüre von Politikern und Feuilletonisten gemacht werden sollte: "Söhne und Weltmacht." Darin wird der Zusammenhang zwischen Menschenproduktion und Gewaltpolitik durchleuchtet. Es darf in keiner Diskussion mehr fehlen, weil die aktuellen Konflikte nur im Licht dieser Analysen transparent werden. (PETER SLOTERDIJK im Kölner Stadt-Anzeiger, 1.8.2006)“
und:
„Nicht Religionen, Stammesfehden oder Armut sind die Hauptgründe für die weltweit anwachsende Eskalation des Terrorismus. Vielmehr sorgt ein übergroßer Anteil von Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung für tödliche Kämpfe. Vor allem die sohnesreichen Gebiete des Islam mit seiner Verachtfachung von 150 auf 1200 Millionen Menschen in den letzten 100 Jahren bieten ein immenses Reservoir gewaltbereiter Krieger.“

 

Das biologistische Denken, das mit diesem Buch eingeübt wurde, findet seinen Niederschlag auch in seinem Diskurs über die Alleinerziehenden. Übrigens ist ein Sloterdijk-Schüler, Marc Jongen, der "Parteiphilosoph, Vor- und Nachdenker" (stern) der AfD.

 

Das „sohnesreiche Gebiet des Islam“

Zusammengefasst ist die Theorie dieses Buches: zu viele junge Leute in den Gesellschaften der „Dritten Welt“, besonders „den Gebieten des Islam“ finden in ihren Herkunftsgesellschaften keine Perspektive mehr und überfluten „uns“ (S 14, Kapitel „altneuer Weltfeind“):

„Dreihundert von insgesamt neunhundert Millionen junger Männer werden in den kommenden 15 Jahren entschlossen außerhalb ihrer Heimat um Positionen kämpfen müssen.“ Geführt von wem? Von der „...islamischen Speerspitze dieser Jugendarmee...“ - „Sie gelten in den USA als Hauptgegner der nahen Zukunft.“

Wer für diese und weitere steile Thesen einen Annotationsapparat sucht, sucht vergebens, es sei denn, man nimmt das fortwährende Zitieren von eigenen Veröffentlichungen und die Kurzbelege im Text für einen solchen. Natürlich spielt auch die Sexualität eine Rolle (S. 113, im Kapitel „transnationaler Terror“):

Es wird „...Geburtenkontrolle...bestraft...Politik, die...von etlichen neuen Herrschern ausdrücklich für die Steigerung des Potenzials ihrer Völker fortgeführt wird.“

Heinsohn schreibt weiter, es werde

„...eine Kontrolle der Frauen über ihre Sexualität als Unterminierung der männlichen Herrschaft gefürchtet und als Sittenlosigkeit bekämpft.“ (ibid)

Dem sei mal ganz lapidar das gegenübergestellt, was das SGB XII im Paragraphen 49 dazu sagt:

„Zur Familienplanung werden die ärztliche Beratung, die erforderliche Untersuchung und die Verordnung der empfängnisregelnden Mittel geleistet. Die Kosten für empfängnisverhütende Mittel werden übernommen, WENN DIESE ÄRZTLICH VERORDNET WORDEN SIND.“

Bezieht jemand Hartz IV, so kann sie offensichtlich nicht damit rechnen, daß diese Mittel übernommen werden. Sie sind in jedem Fall schriftlich zu beantragen und stehen im Belieben des Sachbearbeiters/der Sachbearbeiterin. Dazu später mehr.

In dem Kapitel „Die Illusion von der Hungerbekämpfung als Friedenstifter“ schreibt Heinsohn, die „Wohlgenährten“ von Nine-Eleven und Bali hätten für Status und Macht getötet. Mag sein, mit diesem Versprechen wurde weiland Osama bin Laden rekrutiert.
Ein anderes Kapitel heißt „Die islamischen Gesellschaften tragen das Siegesbanner der Fortpflanzung.“ (Ibid, S. 24 ) Hatten wir alle diese Denke nicht ausschließlich in einem Erdogan-Zitat verortet und somit wieder den Muslimen/Türken zugeschrieben? Nur der guten Ordnung halber: Das Gedicht „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten“ stammt von dem Laizisten(!) und ersten Soziologen der Türkei, Ziya Gökalp; Erdogan war verurteilt worden, weil er aus diesem Gedicht zitiert hatte.

„Der Kreißsaal ist das Schlachtfeld der Frau“ ist ein Zitat von Adolf Hitler, der mit dieser Kapitelüberschrift definitiv wieder zum Leben erweckt wird.
Dann kommt ein Kapitel über „Frauenheilkunde“, die „nach dem Mittelalter auf ein primitives Niveau“ herabgesunken sei. Auf den Seiten 76ff geht es um den Zusammenhang zwischen Hexenverfolgung und Ansteigen der Geburten. Dieser feministisch-neoheidnische Mythos ist mir geläufig, ist jedoch zu eindimensional gedacht. Weitere Erörterungen würden jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Was mich ins Schlucken gebracht hat - schließlich forscht Professor Heinsohn ja über Völkermord - ist das Kapitel „Geburtenverhinderung als Verstoß gegen das Menschenrecht“(Ibid, S. 153 ff): Wie er richtig schreibt, ist die Geburtenverhinderung eine der Handlungen, die als Genozidhandlung geächtet werden. Doch wessen Geburten meint er hier? „Man ersieht daran, daß unsere imponierenden Anstrengungen zur Fremdenliebe nicht aus dem Streben nach dem Guten als solchem erwachsen. Es schützt überdies das Zeugen und Gebären, erlaubt also dessen Behinderung für die Konservierung vertrauter Mehrheitsverhältnisse innerhalb der eigenen Landesgrenzen nicht.“ - Und dann kommt es: „Die Kinder deutscher oder irakischer Völkermörder haben nicht ein Gramm Recht weniger als die Waisen der von ihren Vätern ermordeten Juden oder Kurden.“ - Hat das jemand behauptet? Sorry, aber für mich ist das eine antisemitische Denkfigur: „Die Juden“ bestreiten den Deutschen ihre Rechte – vermutlich, indem sie den Holocaust instrumentalisieren, oder? Die Kollektivschuldthese. Und das Geschwätz mit der "Fremdenliebe" und dem "Zeugen und Gebären" und "dessen Behinderung"? Fremdenliebe behindert das Zeugen und Gebären, das deutsche, und ist somit Völkermord, oder wie? ich bin verwirrt...

 

Dem Stammtisch näher als der Wissenschaft

Das ganze Geschwurbel bringt ein Kritiker in der ZEIT auf den Punkt: „Je länger man in „Söhne und Weltmacht“ liest, umso mehr wird klar, dass der Sozialforscher mit seiner oft martialischen Sprache dem Stammtisch näher steht als der Wissenschaft. Vor allem aber fehlt dem Buch (wie auch den Vorstudien der amerikanischen Geheimdienste) die statistische Grundlage für die Theorie des kriegsträchtigen Überhangs an jungen Männern“. 

Wie ich oben schon gezeigt habe, kommt man sehr leicht von „Fremden“ auf Gruppen des eigenen „Volkes“ - auch der „Geburtendiskurs“ kann an ausgrenzbaren „eigenen Frauen“ durchexerziert werden.

Welche Lösung hat Heinsohn? „Und doch gilt ungebrochen das altrömische 'si vis pacem para bellum', [wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor]“. Das geht natürlich nur mit kampfbereiten Müttern. Um die weniger Kampfbereiten geht es im 2. Teil. Über Heinsohns Vorschlag,  wie mit den Frauen umzugehen sei, der anscheinend im Programmentwurf der AFD seinen Niederschlag fand, mehr im 3. Teil.

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