Empfehlung 1162 (1991) der parlamentarischen Versammlung des Europarats über den Beitrag der Islamischen Zivilisation zur Europäischen Kultur

Der Europarat ist eine zwischenstaatliche politische Organisation. Ziel des Europarats ist es, die Zusammenarbeit auf politischem, wirtschaftlichem, sozialem, kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet zu stärken, auf den Schutz und die Wahrung der Menschenrechte zu achten und so die Entwicklung seiner Mitgliedstaaten zu fördern.

Als Organe des Europarates wurden das MinisterInnenkomitee, die Beratende Versammlung (heute Parlamentarische Versammlung) sowie das Generalsekretariat mit Sitz in Straßburg eingerichtet. 1991 veröffentlichte er, nachdem eine Erklärung über den Beitrag der Juden zur europäischen Kultur und Zivilisation bereits veröffentlicht hatte, eine ebensolche zum Beitrag des Islam.

Empfehlung 1162 (1991)[1] über den Beitrag der Islamischen Zivilisation zur Europäischen Kultur[2]

 

Der Europarat ist gesetzlich beauftragt, die geistigen und moralischen Werte, die das gemeinsame Erbe ihrer Mitgliedstaaten darstellen, zu schützen und umzusetzen. Im Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention ist das Recht auf Gedanken-, Gewissens-und Religionsfreiheit verankert.

Das multikulturelle Europa basiert auf humanistischen und religiösen Traditionen, die die Quelle seiner Hingabe an Freiheit und Menschenrechten sind, woran auch durch die Anordnung in Resolution 885 (1987) zum jüdischen Beitrag zur europäischen Kultur erinnert wird.

In ähnlichem Geiste veranstaltete der Ausschuss für Kultur und Bildung im Mai 1991 ein Kolloquium in Paris, zum Beitrag der islamischen Zivilisation zur europäischen Kultur. Das Gespräch wurde in Zusammenarbeit mit dem Western Institute for Islamic Culture (Madrid) und mit der UNESCO organisiert.

Das Kolloquium stellte heraus, dass neben dem Christentum und dem Judentum, auch der Islam in seinen verschiedenen Ausprägungen im Laufe der Jahrhunderte die europäische Zivilisation und ihren Alltag beeinflusst hat, und zwar nicht nur in Ländern mit muslimischer Bevölkerung, wie der Türkei. Auch das neue Europa wird zunehmend durch den Islam beeinflusst, nicht nur durch die Regionen mit überwiegend islamischer Kultur wie Albanien oder einiger südlicher Republiken der UdSSR, sondern auch durch die Zuwanderung aus der weiten islamischen Welt.

Es muss in der Tat anerkannt werden, dass die islamische Welt auch asiatische und afrikanische Länder umfasst, genau wie auch den Nahen Osten und den Maghreb.

Der Islam hat damals wie heute auf mannigfaltige Weise unter Falschdarstellungen gelitten, zum Beispiel durch feindliche oder orientalische Stereotypen, und es gibt nur ein sehr geringes Bewusstsein in Europa, was die Bedeutung Beitrags des Islam in der Vergangenheit oder seine potenziell positive Rolle in der heutigen europäischen Gesellschaft betrifft. Historische Falschdarstellungen, Bildungseklektizismus und der stark verflachte Ansatz der Medien sind für diese Situation verantwortlich.

Die wichtigste Folge dieser Falschdarstellungen, zu der gegenwärtig auch viele Muslime durch den eigenen Mangel an kritischer intellektueller Überprüfung oder Intoleranz beigetragen haben, ist dass der Islam in Europa häufig als unvereinbar mit den Grundsätzen wahrgenommen wird, welche die Grundlage der modernen europäischen Gesellschaft (die im Wesentlichen säkular und demokratisch einzuordnen ist) und der europäischen Ethik (bestehend aus Menschenrechten und der Meinungsfreiheit) bilden.

Auch wenn solche Unvereinbarkeit sicherlich existiert, wie zum Beispiel zwischen islamischem Fundamentalismus und den kulturellen und ethischen Grundsätzen, die der Europarat zum Beispiel in Bezug auf die Behandlung von Frauen und die Achtung der Meinungsfreiheit vertritt, ist diese keineswegs repräsentativ für den Islam als Ganzes. Es muss festgestellt werden, dass Intoleranz und Misstrauen leider auf beiden Seiten, der islamischen und der nicht-islamischen, existieren.

Die Versammlung ist sich bewusst, dass es einer besseren Kenntnis der Vergangenheit bedarf, um die Gegenwart besser zu verstehen, und die Zukunft entwickeln zu können, ebenso wie des wertvollen Beitrags, den islamische Werte auf die Lebensqualität, durch eine Erneuerung Europäischer Denkansätze auf breiter Ebene und durch alle kulturellen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und sozialen Bereiche hinweg, haben können.

 

10. Darüber hinaus sollte der Kooperation mit der islamischen Welt größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Der Europarat hat bereits beachtliche Arbeit zur interkulturellen Verständigung geleistet, die speziell im Hinblick auf die islamische Kultur weiterentwickelt werden sollte. Es sollten weitere Kooperationen mit nicht-staatlichen Institutionen und den Organisationen dieses Bereichs stattfinden, wie mit dem Western Institute for Islamic Culture in Madrid, dem Paris Institute for the Arab World und anderen.

 

11. Die Versammlung empfiehlt deshalb, dass das Ministerkomitee im internationalen Programm der Aktivitäten des Europarates und in ihren Empfehlungen an die Regierungen der Mitgliedsstaaten, der Berücksichtigung der islamischen Welt wahrnimmt. Die folgenden Maßnahmen werden vorgeschlagen:

 

Im Bereich der Bildung:

 

i "Der Islam in den Schulbüchern": Eine ausgewogene und objektive Darstellung der Geschichte des Islam sollte, in Anlehnung an das internationale Forschungsprojekt, in die Lehrpläne und Lehrbücher einbezogen werden.

 

ii Weiterhin sollte die Lehre des Arabischen als eine moderne Sprache in den europäischen Schulen vorgesehen sein

 

iii Die wissenschaftliche Forschung über islamische Themen sollte gefördert werden, unter anderem durch die Erhöhung der Zahl der arabischen und islamischen Professuren an Hochschulen. Der Islam sollte auch in allgemeine Studienfächer integriert werden: so sollte zum Beispiel islamische Geschichte in geschichtlichen Abteilungen, islamische Philosophie in philosophischen Abteilungen und das islamische Recht in Rechtsabteilungen gelehrt werden, und nicht, wie es meist der Fall ist, in die Abteilungen der orientalischen Sprachen abgedrängt werden.

 

iv Auch in den Seminaren der Theologie sollte ein vergleichender Ansatz gefördert werden, einschließlich islamischer, christlicher und jüdischer Studien.

 

v Ein integrierter Unterrichtsansatz sollte auf bestimmte Gebiete, wie zum Beispiel auf den Mittelmeerraum bezogen, angewandt werden, einschließlich Studien über Religion, Philosophie, Literatur und Geschichte.

 

vi Es sollten Schüler- und Lehreraustausche im Rahmen einer universitären Kooperation zwischen Europa und der islamischen Welt nach dem Vorbild der Empfehlung 1032 (1986) mit dem Ziel der Entstehung einer europäisch-arabischen Universität eingerichtet und entwickelt werden. Diese könnten, in Absetzung zu den bereits bestehenden "Erasmus" und "Demosthenes"-Programmen, das "Averroës-Programm" benannt werden.

Im Bereich der Medien

 

vii. Die Produktion, Ko-Produktion und Ausstrahlung von Hörfunk-und Fernsehprogrammen über die islamische Kultur sind zu fördern.

 

 

Im Bereich der Kultur

 

viii. Einwanderer aus der islamischen Welt brauchen Raum für ihre kulturellen und geistigen Ausdrucksmöglichkeiten. Die Entwicklung der eigenen Kultur, sollte aber nicht zu Isolation von der Gesellschaft und der Kultur des Gastlandes führen.

 

ix. Kulturrouten der islamischen Welt, innerhalb oder außerhalb Europas, und kultureller Austausch, Ausstellungen, Konferenzen und Publikationen in den Bereichen Kunst, Musik und Geschichte, sollten gefördert werden. Museen spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

 

 

x. Ausgewählte islamische Werke, aus Klassik und Moderne, sollten in einer Art und Weise übersetzt und veröffentlicht werden, das sie zu besseren Rahmenbedingungen für ein größeres Verständnis in der westlichen Gesellschaft führen können.

 

 

Administrative Fragen und Alltag

 

xi. Die Regierungen sollten den Dialog zwischen den islamischen Gemeinschaften und den zuständigen Institutionen fördern, um die religiösen Erfordernisse des islamischen Glaubens achten zu können (z. B. Feiertage, Gebet Regeln, Kleidung und Lebensmittel), bei gleichzeitiger Wahrung der Sitten des Gastlandes und neben den üblichen Vorschriften zur Vereinigungsfreiheit und Vertretung von eingewanderten und einheimischen islamischen Gemeinden.

 

xii. Städtepartnerschaften zwischen Europa und der islamischen Welt, insbesondere solche, mit geographischer Nähe zu Europa, sollten gefördert werden.

Im Bereich der multi-lateralen Zusammenarbeit

 

xiii. Es bedarf ernsthafter Bemühungen, um eine Grundlage für die Fortsetzung des Dialogs zwischen Europa und der islamischen Welt aufzubauen, mit dem Ziel der Stärkung und Entwicklung aller demokratischen und pluralistischen Tendenzen. Besondere Aufmerksamkeit sollte der direkten Zusammenarbeit mit bestimmten Teilen dieser Welt, zum Beispiel mit den arabischen Ländern rund um das Mittelmeer (als Beitrag zu der möglichen Entwicklung einer Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit im Mittelmeerraum) oder Migrantenorganisationen in Europa geschenkt werden. 

 

xiv. Der Dialog sollte eine positive Dynamik erhalten, indem zukünftige Konferenzen zentrale Fragen angehen, wie die des islamischen Fundamentalismus, der Demokratisierung der islamischen Welt, der Vereinbarkeit der verschiedenen Formen des Islam mit der modernen europäischen Gesellschaft, wie auch im allgemeinen, die neuen Probleme, die durch Religionen in der heutigen Gesellschaft aufgeworfen werden, in den säkularen Gesellschaften des Westens oder den traditionellen Gesellschaften der Dritten Welt. Die Probleme, die der Islam aufwirft, sollten in der gleichen Perspektive untersucht werden, wie die, die durch das Christentum, das Judentum oder andere Weltreligionen aufgeworfen werden. Derartige Studien werden den historischen Prozess der Demokratisierung traditioneller Gesellschaften, durch eine Erweiterung des kulturellen Horizontes, auf dem sie beruhen, sicher voranbringen.

 

12. Die Versammlung fordert das Ministerkomitee auf, die interessierten Länder der islamischen Welt zu ähnlichen Initiativen auf Prinzip der Gegenseitigkeit einzuladen, und, wo immer es angemessen ist, an den Versammlungen des Europarates und offener Teilabkommen teilzunehmen, im Hinblick auf eine Harmonisierung der Gesetzgebung und die Entwicklung interkulturellen Verständnisses.

 

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[1] Versammlungsdebatte vom 19 September 1991 (11. Sitzung) (siehe Dok. 6497, Bericht des Ausschusses für Kultur und Bildung, Berichterstatter: Herrn de Puig).

Text wurde von der Versammlung am 19 September 1991 (11. Sitzung) verabschiedet. 

[2] Quelle Originaltext: http://assembly.coe.int/main.asp?Link=/documents/adoptedtext/ta91/erec1162.htm

 

Nicht autorisiert, aber nach bestem Wissen und Gewissen übersetzt von Liane Lauprecht

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