Während des Ramadan in Samarkand - Teil 3

Nach dem suhur (Fastenbrechen) und fajr (Morgengebet) lege ich mich morgens zunächst wieder hin. Father John hatte mich freundlicherweise geweckt. Um 1100 Uhr stehe ich dann endgültig auf.

Der Abend zuvor war noch reichlich unangenehm gewesen: ab Einbruch der Dunkelheit wacht auf dem Hof ein „geleaster“, riesiger, usbekischer Wolfshund, der „hauptberuflich“ als Kampfhund eingesetzt wird. Tagsüber wird er von seinem Besitzer trainiert und am Wochenende kämpft er. Die ganze Zeit ist mir die Vorstellung im Kopf herumgekreist, daß das Tier im Prinzip bei jedem seiner Kämpfe zu Tode kommen kann. Der Hund schien sich da auch so seine Gedanken zu machen, denn er bellte und heulte die ganze Nacht. Das Tier ist riesig, so eine Art Wolfshund, dem man jedoch, damit sich kein Gegner festbeißen kann, Schwanz und die kompletten Ohren amputiert hat. Da der Hund wirklich fast die ganze Nacht auf dem Hof verrückt gespielt hatte, war ich fast nicht zum Schlafen gekommen.

 

Bildnachweis: Aybek-Nationalmuseum. Taschkent.

 

Samarkand ist eine edle Stadt, geschmückt mit wundervollen Gärten und umgeben von einer Ebene, auf der alle Früchte wachsen, die ein Mensch sich wünschen kann.

Marco Polo

 

 

Doch jetzt holt Andrej mich ab und wir fahren zur Nekropole Shah-e-Zinda, der Gräberstadt des „Lebenden Königs“, Kutham ibn Abbas, der im Auftrag seines Cousins, des Propheten Muhammad (a.s.s.) die Zoroastrier (Zoroastrier! und nicht, wie oft fälschlicherweise gesagt: "Feueranbeter") Mittelasiens hatte bekehren sollen, von einem „Feindkommando“ aber während des Gebetes enthauptet wurde, doch sein Gebet vollendete, dann, zum Entsetzen seiner Häscher, sein abgeschlagenes Haupt unter den Arm nahm und in einen Brunnen sprang. Seine Grabstätte, die über seinem Brunnen erbaut wurde, war besonders in der vormongolischen Zeit, aber auch noch bis in die Neuzeit hinein, ein vielbesuchter Wallfahrtsort, zu dem nicht nur die städtische Bevölkerung pilgerte, sondern auch die Nomaden zogen hierhin und brachten Opfergaben, wie Vieh, Gold und Silber dar. Kutham ibn Abbas soll heute noch in seinem Brunnen leben und über die Geschicke der Muslime wachen. Und der folgende Text stützt sich sehr stark auf die Arbeit vieler Experten, die ich damals zu Rate gezogen habe, das wenigste ist hier von mir:

 

Zarathustra

Zarathuschtra oder Zoroaster, der, „der die Kamele leitet,“ (so die Übersetzung seines Namens) lebte etwa 1.500 - 1.000 vor Christus und gilt einer der ältesten überlieferten Propheten. Die Anhänger der zarathustrischen Religion nennt man Zoroastrier (nach der griechischen Namensform). Die wenigen noch im Iran lebenden Zoroastrier (Zarduschti) wurden früher auch gabr (gäbr, eingedeutscht: „die Geber“) genannt, woraus im Türkischen das Schimpfwort gavur (klingt etwa wie gjaur) kommen soll. Die in Indien lebenden Zoroastrier nennt man üblicherweise Parsen. 

Als mögliche Gebutsorte Zarathustras gelten die Provinz Sistan, Ostiran, an der Grenze zu Pakistan und Afghanistan , Chorassan, ehemals Baktrien und Aserbeidschan. Sein Bekehrungserlebnis hatte er im Alter von ca. 30 Jahren nach einer längeren Periode des Fastens, Betens, Meditierens und Umherwanderns (!!), als ihm ein Engel erschien (!!!) und ihn unterwies und aufforderte, für das Gute zu kämpfen.

 

Die Sprache, nach dem Buch, in dem seine seine Lehre, sein Weltbild und seine Hymnen überliefert sind (die Gathas) - dem Awesta - wird awestisch genannt, und gilt als älteste bekannte iranische Sprache. Sie ist mit dem Vedischen, der Sprache der ältesten arischen Inder verwandt. Die Awesta wurde zur Zeit der Sassanidenherrscher gesammelt und aufgeschrieben, die den Zoroastrismus zur Staatsreligion machten. Vom ursprünglichen Text ist nur noch ein Viertel erhalten. Dieses enthält: das ältere Awesta, die hymnischen Gathas, kurze, metrische Texte, die Zarathustra selber zugeschrieben werden und inhaltlich vom übrigen Awesta verschieden sind, das jüngere, nicht gathische Awesta und die Yasnas, die bis heute in den Gottesdiensten verwandt werden.

 

Der Schlüsseltext ist das „Gatha vom Rind“, in dem sich Zarathustra gegen die grausamen Tieropfer der Vorläuferreligionen wendet. Die Klage der Rinder gelangte bis zu Ahura Mazda, Ahura Mazda verweist auf die Möglichkeit eines Ersatzopfers. Durch seine Berufung wird Zarathustra zum Verteidiger der unblutigen Opferspende und Schützer des Viehs, das für die Bauernkultur, in der er lebte, von zentraler Bedeutung war. Übrigens wendet sich Zarathustra in diesem Zusammenhang auch gegen die Benutzung eines Rauschtrankes, haoma, im Gottesdienst. Seitdem spielt das Feuer (atasch, türk: ates) im Kult eine wichtige Rolle, die Kulthäuser sind die Feuertempel (atasch-kadeh ) oder atasch-gah), aber das heilige und heiligende Feuer ist nicht Gegenstand der Verehrung und nicht Gott, sondern Mittel der Reinigung und Symbol des absolut Reinen, nämlich Ahura Mazda’s. Bei den kultischen Feueropfern verdeckt der Priester, zaotar, den Mund mit einem Schleier, um das heilige Feuer nicht zu verunreinigen, und das Nicht-Verunreinigen der als heilige Prinzipien betrachteten Elemente spielt im Glaubenssystem eine wichtige Rolle: so werden die Verstorbenen nach Totenwaschung und Begräbnisriten in einen fensterlosen Turm des Schweigens, dakhma, gebracht und die sterblichen Überreste den Raubvögeln ausgesetzt. Bei den verschiedenen kultischen Handlungen werden Texte aus der Awesta rezitiert.

 

Das urspüngliche Konzept der Lehren Zarathustras ist monotheistisch. Die höchste Tranzendenz wird Ahura Mazda, Weiser Herr genannt, und ihm steht antagonistisch Angra Mainyu oder Ahriman, der Böse Geist, wie ein Zwilling gegenüber. Allerdings wird dieser Antagonismus durch die Feststellung wieder aufgehoben, daß Ahura Mazda auch Ahriman geschaffen habe und ihn, nach einer finalen Schlacht und einem großen Feuersturm besiegt. Am Ende steht das Paradies mit Ahura Mazda im Zentrum.

Zwischen den gegensätzlichen Urprinzipien muß sich der Mensch frei entscheiden. Als „Aspekte“ Ahura Mazdas werden die amesha spentas verehrt. Es gibt davon insgesamt sechs: spenta mainyu,  (Heiliger Geist), vohu manah (Guter Sinn ), sraosha (Gehorsam), chshathra (das Reich), armaiti (Andacht), ashi (Vergeltung), haurvartat und amertat sind Heilheit und Unsterblichkeit.

Die zentralen Punkte der zoroastrischen Ethik sind: Gutes Denken, gutes Reden, gutes Tun. Die Handlungen werden begonnen mit der Formel: pat nam i ohrmazd, im Namen von Ahura Mazda.

 

Beispiele für Gebete und sittliche Prinzipien:

 

Einleitung:

Ich verpflichte mich feierlich darauf, daß gut gedacht und gut gesagt und gut getan wird alles, was zu denken und zu sagen und zu tun ist. Ich nehme mir vor, anzunehmen alles, was gut gedacht und gut gesagt und gut getan ist; ich nehme mir vor, zu unterlassen alles, was übel gedacht und übel gesagt und übel getan ist.

Als Mazdaanbeter, als Zarathustraanhänger will ich das Glaubensgelübde ablegen, den Daevas (Dämonen) feind, Ahuras Lehre zugetan...

Einleitung: ...das gegen die Daevas gerichtete Gesetz, das von Zarathustra stammende Gesetz, die lange Überlieferung, die gute mazdayasnische Religion, den Glauben an das heilige Wort, das verstandesgemäße Auffassen der...Religion, die angeborene, mazdageschaffene Weisheit, die erlernte, mazdageschaffene Weisheit...

Yazna 1.1: Ich widme es, ich vollziehe es für den Schöpfer Ahura Mazda, den prächtigen, hoheitsvollen, den größten und besten und schönsten und festesten...dessen Absichten gut sind, der weitgehende Unterstützung gewährt, der uns geschaffen, der uns gestaltet, der uns aufgezogen hat, er, der heiligste Geist.

 

Die arabische Bezeichnung ist al-madjus -vgl. Koran 22:17- , meist übersetzt als „Magier“ . Dieses Wort (altpersisch: magu, magusch) bezeichnet eigentlich eine Priesterklasse im alten Iran, aus der auch einer der bekanntesten Gefährten des Propheten (a.s.s), Salman al-Farsi, Salman der Perser, der dritte Scheich in der Kette der Naqshbandiyya entstammte.

 

Die Begriffe „Magie“ und „Magier“, die ursprünglich nichts mit „Zauberei“ o.ä. zu tun hatten, finden sich im neuen Testament, Matth. 2:1, wo die (griech.: magoi) aus dem Osten das Jesuskind suchen. Im lateinischen Text heißen sie magi, deutsch: „die Weisen“ aus dem Morgenland, später zu drei Königen umgedeutet.

 

Unter islamischer Herrschaft war die Situation der Zoroastrier oft schwierig und ist es bis heute. Bereits wenige Jahrhunderte nach der Islamisierung Zentralasiens wanderte ein großer Teil von ihnen nach Indien aus, wo ihnen tolerante Hindu-Fürsten eine neue Heimat gaben und im Iran hat sich die Situation der Zoroastrier seit der Revolution entschieden verschlechtert, da sie nur als schibn-ahl-al-kitab, den Leuten des Buches ähnlich, anerkannt werden. Allerdings sitzt, ähnlich den Angehörigen der dänischen Volksgruppe im Landtag von Kiel, immer eine bestimmte Anzahl Zoroastrier im Iranischen Parlament, die von den Angehörigen benannt wird und sich einer Wahl nicht stellen muß. Der berühmteste Angehörige dieser auch Parsen genannten Glaubensgruppe in den letzten Jahren war Farouk Bulsara, besser bekannt als Freddie Mercury. Mit Nietzsche hat das übrigens alles nichts zu tun.

 

Als wir am Eingang zur Nekropole unseren Obulus bezahlen, will ein freundlicher Mann wissen, ob ich aus Deutschland komme. Die positive Antwort erfreut ihn sehr. Er sei zwei Tage zuvor von einer Besuchsreise aus Deutschland zurückgekommen. Er ist einer der beiden, die am Eingang als Du’a-Beter oder Qur’an-Rezitator wirken, bei denen man ein Du’a oder eine Qur’an-Rezitation gegen eine Spende bestellen kann. Das für die Gebete eingenommene Geld wird überall offenbar für die Renovierung und/oder Erhaltung religiöser Bauwerke verwandt, und es scheint mir usbekische Tradition zu sein, einem Beter immer sadaqa zu geben, weil man sich offenbar von den Gebeten dann mehr Kraft verspricht, setzt sich während der Rezitation oder des Gebetes daneben, hört entweder zu oder betet mit nach oben geöffneten Händen mit. Außerdem ist es offenbar adab, daß, während eines Gebetes jeder stehenbleibt und die Hände erhebt. - Bevor einige ehemalige oder Noch-Katholiken und -Lutheraner entsetzt „Ablaß“ rufen, sei gesagt, daß sich diese Praxis vom „Ablaßhandel“ doch ganz erheblich unterscheidet: Niemand gibt hier, wie weiland Johann Tetzel, etwas Schriftliches heraus, wie einen „Ablaßbrief“, man bekommt „nur“ ein Gebet bzw. die Unterstützung dabei. Aber das Allerwichtigste: es fühlt sich einfach anders an! Mehr erfahre ich zunächst nicht.

wird fortgesetzt.

 

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