Während des Ramadan in Samarkand- Teil 5

Schon wieder fast die ganze Nacht nicht geschlafen, denn der Kampfhund heulte und bellte bis mindesten morgens um 3:30 Uhr. Morgens pünktlich zu suhur (Frühstück) und fadjr aufgestanden. Father John hatte am Vortag schon die Fahrt zur Hodja Zudmurod - Moschee, der Samarkander Zentralmoschee organisiert.

 

Als ich dort um 6:30 Uhr eintreffe, ist noch stockfinstere Nacht. Ich hatte schon vorher festgestellt, daß die hiesigen Gebetszeiten sich doch ganz erheblich von den in Deutschland mittels Computer ermittelten unterscheiden. Ich hoffe, dort den Imam Katib zu treffen. Es scheint dort gerade das Frühgebet stattzufinden, denn einige Männer haben sich draußen, im „Sommerteil“ aufgestellt. Ich stelle mich also in gebührender Entfernung von den Männern auf verrichte das Gebet, das ich für das Frühgebet halte, also noch einmal als „Schuldgebet“, als Ersatz für ein anderes, das ich irgendwann einmal versäumt habe. Eigentlich hätte ich erwartet, daß die Zentralmoschee von Samarkand im Ramadan voller ist...

 

Bildnachweis: eigenes Archiv. Kinder in der Khidr-Moschee.

Nach dem Gebet verschwinden die Männer im Innenteil der Moschee und ich stehe ziemlich dumm in der morgendlichen Kälte. Nach einer Weile kommt jemand heraus und versucht ein Gespräch: „...Russki...?...Usbekski...?“. Er verschwindet wieder. Nach ein paar Minuten kommt der zweite: „Namaz?“ (türk.: Gebet) - „Dada.“ Auch er verschwindet wieder. Nach einer Weile erscheint der Dritte. Auch er verschwindet zunächst wieder. Mal gespannt, was das wird...

 

Nach einer Weile erscheint ein Vierter und bugsiert mich in einen gesonderten Raum, und ich bekomme erstmal Tee, Brot und Honig zum suhur, genau wie die Männer im Innenteil der Moschee. Offenbar hatte ich mir diese Bewirtung durch meine Teilnahme am Gebet verdient, genau wie die Männer. Zunächst bin ich etwas irritiert, denn ich kann und will solche Gastfreundschaft nicht ablehnen. Ich vergewissere mich durch einen Blick auf die auch hier aushängende Gebetszeiten-Uhr und einen Blick aus dem Fenster, daß das wohl in Ordnung sein muß, denn draußen ist es immer noch stockfinster. Die hiesigen Gebetszeiten weichen so in etwa 1 ½ Stunden von meinem mitgebrachten Plan ab.  Der junge Mann stellt sich als Muhammad vor und versucht Konversation. die Unterhaltung kam sogar zustande; wenn einer kein Russisch und kein Usbekisch versteht, und der andere nur das, geht es immer noch von Herz zu Herz.

 

Ich schaffe es, ihm irgendwie verständlich zu machen, daß ich den Imam suche, denn der spricht Englisch und er meint, der sei am ehesten in der Nekropole zu finden. Also machen wir uns auf den Weg. So langsam wurde es hell und wir liefen durch die Morgendämmerung von Samarkand und schon das war einfach unbeschreiblich: Morgendämmerung im Ramadan in Samarkand im Schneetreiben!

 

Der Weg führt uns durch den Basar, der ebenfalls gerade zum Leben erwacht. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe der Bibi-Khanym-Moschee. Eigentlich kann man alle wichtigen Monumente in Samarkand selbständig zu Fuß erreichen - wenn man in der Lage ist, den Stadtplan zu lesen...

Wir kommen zu einer Straßengabelung, an der es links zur Hazreti-Khidr-Moschee und rechts zur Nekropole geht. nach dem Volksglauben sollen Reisende, die die Moschee zweimal  wenigstens passiert haben, besonders geschützt sein. Gestern sind wir bereits einmal daran vorbeigefahren.

 

Muhammad holt mit dem Arm nach links aus: „Meschet Hazreti Khidr, alaihi salam“ (meschet.russ. = Moschee). Ich will nun meinerseits mit „alaihi salam“ antworten, rutsche statt dessen auf der eisglatten Straße aus und lande erstmal krachend auf dem Allerwertesten, sehr zur Erheiterung meines Begleiters, der zunächst versucht, brüderlich über den „Ausrutscher“ hinwegzusehen, was ihm aber nicht gelingt. Nun, Hazreti Khidr wird sich sicherlich was dabei gedacht haben, denn das war der erste von zwei „Ausrutschern“ alleine in Samarkand. Der zweite, später vor dem Mausoleum Gur Amir, wird mir für den Rest der Reise einen ansehnlichen Bluterguß am linken Knie bescheren.

 

Wir kommen zur Nekropole, die zu dieser Zeit noch menschenleer ist und eine ganz besondere Atmosphäre hat. Wir klettern wieder die „Himmelstreppe“ hoch, nachdem wir am Eingang eine Fatiha gelesen haben. Muhammad achtet sehr genau darauf, was ich so mache; klar, jeden Weg mit dem rechten Fuß zuerst, jede Stufe der Himmelstreppe mit rechts...

Vor dem Eingang des maqams von Kutham ibn Abbas setzen wir uns hin. Muhammad rezitiert die Sura Ya Sin in der Morgendämmerung im Ramadan in Samarkand im Schneetreiben... 

Der alte Mann von gestern mit der unbeschreiblichen Stimme schließt uns das maqam auf und ich hoffe heimlich, daß auch er wieder etwas rezitiert. ich merke, daß ich schon wieder unersättlich bin und das nehme ich mir übel. Vor dem Schrein von Kutham ibn Abbas fange ich mich wieder. Muhammad rezitiert wieder aus dem Koran. Danach verlassen wir das maqam. Muhammad überzeugt sich wieder mit verstohlenem Seitenblick, ob ich das auch richtig mache, jetzt alles mit links, auch die Himmelstreppe.

 

Am Kassenhäuschen treffen wir zwei Männer von gestern wieder. Muhammad erklärt den Männern mein Anliegen und entschuldigt sich. Er habe jetzt in der Moschee zu arbeiten. Die Männer bitten mich in das Kassenhäuschen. Wiederum Versuch der Konversation mit vorheriger Suche nach einer gemeinsamen Sprache. Diesmal wird mir sogar Japanisch angeboten. „Muslima?“ - „Dada, alhamdulillah.“ - „Ramazan?“ - „Dada, alhamdulillah.“ Mit einem Gemisch aus arabischen, türkischen, englischen und russischen Brocken kommt ein Minimum an Konversation zustande. man versucht, den Imam Katib aufzutreiben, oder zumindest herauszufinden, wo er ist. Ich ziehe mein Tesbih ("Gebetskette") und versuche, als die Unterhaltung sich von mir wegbewegt, mein dhikr (zusätzliche Gebetsübung) zu machen. Das Tesbih ist ein knallbuntes, afrikanischesTesbih, für mich eine persönliche Erinnerung an eine liebe Schwester, das ich meistens benutze, denn es liegt sehr angenehm in der Hand. Kaum bemerke ich, daß dieses Tesbih allgemeines Interesse findet, da wird es mir schon aus der Hand genommen und die Männer versuchen, hinter den Sinn des speziellen Aufbaus zu kommen. Mittlerweile bin ich es, die hier bestaunt wird, und das Tesbih findet sozusagen ethnologisches Interesse. Die Perlen in der Folge 33 + 17 + 17 + 33 mit zwei Zehner-Ketten an der Seite werden abgezählt, man beratschlagt. Dann bekomme ich das Tesbih zurück. Ob jetzt wohl die Hüter der Nekropole Shah-e-Zinda der Meinung sind, typisch deutsche Tesbihs seien aus knallbunt marmoriertem Plastik, mit der Perlenfolge 33 + 17 + 17 + 33 und zwei seitlichen Zehnerketten?

 

Langsam füllt sich die Nekropole und jeder der Männer nimmt sozusagen seinen „Dienst in der Funktion“ auf, einer als Beter am Eingang, einer als Eintrittskarten- einer als Souvenirverkäufer. Dann kommt jemand mit der Nachricht, der Imam sei verreist, zumindest für heute und man schlägt vor, daß ich am Folgetag zu maghrib (Abenddämmerungsgebet) und iftar noch einmal in die Moschee kommen soll. Schade, das kann ich Father John nicht zumuten. Erstens fährt er selber nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr Auto und ich will ihm nicht zumuten, für mich noch mal eine Fahrt organisieren zu müssen, zweitens wird ja ab Dämmerung immer der Hund rausgelassen.

 

Ich verlasse die Nekropole und es tritt mir ein alter Mann entgegen, der die Hände zum Du’a erhebt. Ich erhebe meine Hände auch. „Spassibo (russ. Dankeschön )“. - „Zweihundert som.“ Also 5,-- DM. Na klar, der Ramadan ist der Monat des Almosengebens, also zweihundert som. Etwa 500 Meter weiter ein zweiköpfiges Team. Zangenangriff von beiden Seiten, wieder Hände hoch zum Gebet. Ich gebe jedem zweihundert som, obwohl mir gleich klar ist, daß diese Herren das Beten als persönlichen Broterwerb betreiben. Ich versuche, weiterzugehen, da zeigt „linke Flanke“ mir seinen zerfetzten Mantel, okay noch mal zweihundert som. „Rechte Flanke“ hat über den Filzstiefeln reichlich beschädigte Überschuhe, okay, noch mal zweihundert som. Ich versuche, weiterzugehen. Taktischer Zangenangriff, Umzingelung, offenbar reicht es immer noch nicht. Ellenbogen ausgefahren und ich kann flüchten, mit einem Gefühl zwischen Amüsement, Genervtheit und „schließlich ist es ja sadaqa“. Ein Russe hat die Szene beobachtet und will sich schier kaputtlachen. Ich frage, ob das wohl Profis waren, er nickt.

 

Sura Ya-sin, hier in der Fassung des saudischen Kinderrezitators Yusuf Kalo Ali:

Etwa 500 Meter weiter ein zweiköpfiges Team. Zangenangriff von beiden Seiten, wieder Hände hoch zum Gebet. Ich gebe jedem zweihundert som, obwohl mir gleich klar ist, daß diese Herren das Beten als persönlichen Broterwerb betreiben. Ich versuche, weiterzugehen, da zeigt „linke Flanke“ mir seinen zerfetzten Mantel, okay noch mal zweihundert som. „Rechte Flanke“ hat über den Filzstiefeln reichlich beschädigte Überschuhe, okay, noch mal zweihundert som. Ich versuche, weiterzugehen. Taktischer Zangenangriff, Umzingelung, offenbar reicht es immer noch nicht. Ellenbogen ausgefahren und ich kann flüchten, mit einem Gefühl zwischen Amüsement, Genervtheit und „schließlich ist es ja sadaqa“. Ein Russe hat die Szene beobachtet und will sich schier kaputtlachen. Ich frage, ob das wohl Profis waren, er nickt.

 

Mittlerweile ist es 9:30 Uhr, Kälte, Ramadan und Verwirrtheit tun ihre Wirkung - was mache ich jetzt bloß? „Mein Fahrer“ erwartet mich in ziemlich genau vier Stunden vor der Moschee, also noch vier Stunden alleine in der Kälte... - verd..., fange ich schon wieder an, mir schlechte Laune und selbstgestrickte Probleme zu machen? Kann ja wohl nicht sein...Ich atme tief durch und beschließe, das Beste aus der Situation zu machen und mir erst einmal die Khidr-Moschee anzusehen. Auf dem Weg zur Moschee nimmt der nächste vor mir die Hände hoch, dieses mal zu einem Kurz-Dhikr. Spaßeshalber versuche ich es mit 100 som, keine Chance, der Tarif für Touristen bzw. für mich ist zweihundert som. Tja, Ramadan ist eben der Monat des Almosengebens, aber dafür, glaube ich, wurde noch nie für mich so viel gebetet, wie an diesem Tag. Bis ich die Khidr-Moschee erreiche, gibt es noch eine Qur’an-Rezitation und noch ein Kurz-Dhikr. Übrigens sind alle Gebetsketten, die ich an diesem Tag in Augenschein nehme, aus der Samenkapsel einer bestimmten Wüstenpflanze, der auch nachgesagt wird, sie schütze gegen den „Bösen Blick“, ohne „Stopper“ (als Zählhilfe) nach jeweils 33 Perlen und auch ohne „Imam“. Der Imam ist die einhundertste Perle, die den - verborgenen - einhundertsten Namen Allahs symbolisiert.

 

Vor der Moschee gesellen sich zwei kleine Mädchen zu mir und nehmen ebenfalls die Hände hoch. Nee, Kinderchen, dazu seid Ihr noch ein bißchen jung, das gewöhnt Euch gar nicht erst an. Ob wohl im Ramadan die Schule ausfällt? Kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Die Gören verfolgen mich bis in die Moschee und fangen auf einmal an, ein auffälliges Interesse an meinen Knobelbechern zu bekunden. In der Moschee löse ich ein Ticket. Die erste Frage des Wächters ist: „Dollar yest?“ (Russ. „Haben Sie Dollars?“) - „Njet“.

 

 

Die Khidr-Moschee ist in weiten Teilen recht verfallen. Über das Kuppeldach hat man eine häßliche Blechabdeckung gestülpt und das ist auch bitter nötig: von innen sitzt der Schwamm im Dach und alle Wände sind feucht. Allerdings hat man an einigen Stellen bereits mit der Renovierung begonnen, so, wie ich es verstanden habe, mit Hilfe einer Schweizer Organisation - diese Nachricht wird der usbekischen „Tagesschau“ nämlich einige Tage später einen ausführlichen Bericht wert sein.

 

Ich ziehe die Stiefel aus und begebe mich zum Gebet in den Innenraum. die lieben Kleinen stecken ihre Näschen durch den Türrahmen und scheinen weiter eine günstige Gelegenheit zu peilen, mit meinen Stiefeln abzuhauen. Ich überlege schon, wie man sich dennn wohl Schuhwerk besorgt, und wie das haißt. walenki, Filzstiefel hatte mir mein Vater als eine der wenigen Vokabeln mitgegeben, die er aus seiner Zeit als deutscher Kriegsgefangener noch behalten hatte, aber der Gedanke, eventuell auf Socken durch den Schneematsch von Samarkand zu müssen, um sich auf dem Basar dann Filzstiefel besorgen zu müssen, hatte wirklich etwas sehr Unangenehmes. Übrigens signalisierten die Stiefel bei drei voneinander unabhängigen Gelegenheiten: "Deutscher Soldat!" - und das trotz usbekischem Mantel und Kopfbedeckung - und mein*e jeweilige*r Dolmetscher*in wurde sofort danach gefragt. Der jeweilige Frager wollte immer bloß mitteilen, daß er seinen Militärdienst bei der Roten Armee in der DDR abgeleistet habe und sich sehr gerne an diese Zeit erinnere.

 

Ich war mir nicht ganz sicher, ob Hazreti Khidr sich auch für Bundeswehrstiefel zuständig fühlen würde, und so bemühte ich mich, zu beten und gleichzeitig Kids und Stiefel im Auge zu behalten. Das Gebet muß etwas merkwürdig gewirkt haben: takbir (Gebetsbeginn mit Allahu-akbar) - und Blick nach hinten, Rezitation im qiyam (Verbeugung) - und Blick nach hinten, ruku’ (Niederwerfung) und Blick nach hinten, sadjda -  und Blick nach hinten...

 

So will die rechte Gebetsandacht und die Verbindung mit Hazreti Khidr nicht aufkommen. Doch ich kann das Gebet zu Ende bringen und meine Stiefel wieder anziehen. Hazreti Khidr hat sich, als Schutzpatron der Reisenden, offenbar doch für meine Stiefel zuständig gefühlt. Das hätte ich ja eigentlich schon vorher wissen können, denn schließlich steht ja in der Sura Kahf, die sich ja unter Anderem mit seinem Wirken beschäftigt, schon, daß man sich seiner Fürsorge ruhig anvertrauen kann. die Kids waren dann schließlich mit einem Handel sadaqa gegen Foto ganz zufrieden. Und ich verlasse die Moschee nun mit dem sicheren Gefühl, unter dem Schutz des Propheten Khidr zu stehen.

 

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