Während des Ramadan in Samarkand- Teil 6

Danach gehe ich erst einmal zum Basar. Unterwegs fällt mir auf, daß recht viele Garküchen in Betrieb sind und auch frequentiert  werden. Im Angebot reichlich Westliches,  und auch ein 96 (!) - prozentiger Schnaps, spirrit, wird reichlich angeboten. Doch wer bin ich, mich darüber zu mokieren!

 

 

Am Eingang des Basars steht wieder ein Beter. Jeder, den er, ohne sein Gebet zu unterbrechen, durchdringend anschaut, läuft zu ihm und gibt ihm etwas.

 

Mit der Bettelei bin ich inzwischen versöhnt, denn es fällt mir auf, daß, mit Ausnahme des recht jungen „Stoßtrupps“ vor der Nekropole meistens alte Menschen versuchen, auf diese Weise zu etwas Geld zu kommen. Möglich, daß es für sie eine Frage der Würde ist, daß sie für das Almosen auch immer etwas geben.

 

Bildnachweis: Bibi-Khanym-Moschee, Teilansicht. Eigenes Archiv

An der Mauer des Bibi-Khanym-Komplexes sitzt ganz still eine alte, blonde Frau und streckt mir ihre Hand entgegen. Ich gebe ihr hundert som. Wieso ich ihr nur die Hälfte von dem gegeben habe, was die Männer bekommen haben, dafür habe ich keine Erklärung. Meine Gabe bringt sie völlig aus der Fassung. ganz entgeistert schaut sie mich an und ruft mir „Rakhmat, rakhmat“ (usbek. „danke“) hinterher, wozu einige Passanten beifällig nicken. Ich halte es jedenfalls für besser, mich schnellen Schrittes in die Bibi-Khanym-Moschee zu verziehen.

 

Die Moschee, die ich von ferne schon fotografiert habe, bietet einen trostlosen Anblick. Schon auf Ansichtskarten aus der Sowjetzeit sieht man um sie herum die Baukräne und -gerüste. Die Moschee, die schon 20 Jahre nach ihrer Erbauung schon anfing, einzustürzen, da man die Möglichkeiten von Baumaterial und -statik völlig überdehnt hatte, und der dann zwei Erdbeben sowie ein russischer Granateneinschlag im Jahr 1868, bei der russischen Unterwerfung Turkestans, völlig den Rest gaben, soll komplett wieder aufgebaut werden.

 

Exkurs: Die Legende vom Bau der Moschee Bibi Khanym

Bibi Khanym, die aus China stammte, galt als Lieblingsfrau Tamerlans. Als ihr Gatte zu seinem letzten Feldzug nach Indien aufbrach - und sie zweifelte nicht daran, daß er als Sieger zurückkehren würde -, beschloß sie, ihm zu Ehren und als Willkommen eine prächtige Moschee erbauen zu lassen. In den Kabinettssitzungen brachte sie den Plan zur Sprache und versprach demjenigen, der ihr diese Moschee erbauen wolle, reiche Belohnung. Es meldete sich ein Baumeister aus Persien. „Ich werde für dich diese Moschee bauen, Herrin!“ - „Und die Belohnung?“ - „Herrin, ein Kuß von Dir!“ Das Ansinnen wurde als unerhört zurückgewiesen. „Nun gut,“ sagte der Baumeister, „dann keine Moschee.“ Bibi Khanym versuchte, ohne den vertrackten Kuß zum Ziel zu kommen. das Versprechen auf Freilassung, auf Gold und Silber im Überfluß verfing nicht.

 

Sie ließ ihn wieder in die Kabinettssitzung rufen. Auf dem Tisch standen zwei Eier, reich verziert, in jeweils unterschiedlichen Mustern und Farben. „Sieh, Baumeister, jedes Ei ein Kunstwerk für sich, wohl verschieden vom jeweils anderen. Aber wenn du sie geschält hast, sind es beides bloß Eier.“ Der Baumeister lächelte und bat, am Folgetag darauf antworten zu dürfen.

Am Folgetag kam er mit zwei Gläsern, jedes von ihnen gefüllt mit einer farblosen Flüssigkeit. „Herrin, schau, die Flüssigkeit in beiden Gläsern schaut gleich aus. Doch in dem einen ist Wasser, in dem anderen Alkohol. Trink, und du wirst sehen, daß die geistige Wirkung verschieden ist.“ Damit hatte er sie in der Disputation besiegt, und sie ging den Handel ein, Moschee gegen Kuß. als Königin war sie an ihr Wort gebunden.

Die Moschee wurde gebaut, der Gatte nahte, der Kuß wurde fällig. Doch der leidenschaftliche Baumeister hinterließ ihr ein auffälliges Mal, das der in Indien siegreiche Gatte entdeckte.

 

„Ehebruch! Untreue!“ Und er verurteilte sie zum Tode. Sterben sollte sie, indem sie vom Minarett ihrer Moschee gestürzt werden sollte. Einen Wunsch hatte sie frei und sie erbat sich, all ihre seidenen Festgewänder zur Hinrichtung tragen zu dürfen, denn in Schönheit wollte sie sterben. Das bewilligte der Gatte. Sie wurde vom Minarett gestoßen, und...die Prunkgewänder wirkten als Fallschirm und die Gute schwebte unverletzt zur Erde.

 

Man sprach von einem Wunder und davon, daß doch wohl der Baumeister der wahre Schuldige sei. Also Baumeister geholt, verurteilt, aufs Minarett geschleppt. Doch der....breitete seine Flügel aus und flog heim nach Persien.

Sultan Tamerlan ordnete, damit nie mehr ein junger Mann von der Schönheit einer Frau verwirrt würde, an, daß sich in Zukunft alle Frauen seines Reiches vollständig zu verschleiern hätten.   

              

Im heutigen Usbekistan gilt die Herrscherin als Ikone der Gleichberechtigung und Beraterin ihres Gatten, die nicht nur in seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte führte, sondern ohne die die kulturelle Entwicklung Samarkands nicht denkbar gewesen sei.

Bildnachweis:  Moderne Zeihcnung, entnommen aus dem Buch Twilight on the Silk Road von S.Z. Ahmed, Haverford 2002

Wie gesagt, das Bauwerk sieht jetzt, besonders im Winter trostlos und verlassen aus.  Der große Qur’anständer, unter dem die Frauen zwecks Beförderung von Kindersegen durchlaufen sollen, fehlt auch. Schade, ich  hätte ihn gerne gesehen. Was hier an Renovierungsarbeiten bereits geleistet wurde, gefällt mir nicht so ganz. Mehr gutgemeint als gut, aber das will ich hier nicht weiter vertiefen, das steht mir nicht zu. Außerdem wurde bereits in anderen Veröffentlichungen, wie denen von Peter Scholl-Latour, darüber gelästert, wer will, kann es dort nachlesen. Allerdings wird wenigstens etwas unternommen und, so sagte mir ein Moskauer Bekannter später, wie die Renovierungsarbeiten durchgeführt werden, geht schließlich nur die Usbeken etwas an. Und wenn es ihnen nicht gefällt, dann reißen sie es eben wieder ab.

 

Besonders schade finde ich - und das werde ich bei Renovierungen noch häufiger sehen, daß das Wissen um die alte Baukunst und Ornamentik fast vollständig verlorengegangen scheint, den an den Bauwerken kann man „alt“ und „neu“ immer sehr gut unterscheiden - leider!

 

Bildnachweis: Bibi-Khanym-Moschee, Teilansicht. Eigenes Archiv

 

Exkurs: Die Renovierung von 1931 und was Egon Erwin Kisch so verstanden hat ...

 Der alte Wassili Lawrentjewisch Wjatkin, seit langen Zeiten Hüter und Mehrer der Samarkander Heiligtümer, gesellt sich zu uns und spuckt dem Genossen Mustapha in die Suppe seines Stolzes:„65.000 Rubel sind gar nichts,“ eifert er, „schief aufgestellte Minarette aus Timurs Zeiten kann man mit diesem Geld höchstens stützen, aber nicht renovieren. Dazu kommen die Moscheen, der Basar, die beiden Grüfte auf dem Platz. Die Verzierungen kosten am meisten. Sie sind uns gelungen, was? Hojhoh, unmöglich, zu unterscheiden, was aus dem 16. Jahrhundert stammt, und was wir in diesem Jahr gemacht haben. -

 

„Wo nehmen Sie die Farben her, Wassili Lawrentjewitsch?“ - „Hojhoh, das sind die alten Farben. Wir haben die Lehmbrüche ausfindig gemacht, woher die alten Samarkander damals ihr Baumaterial bezogen haben und ihren Ocker. Nur den Kobalt beziehen wir aus dem Kaukasus. Auch die Farbenküchen haben wir ausgegraben mit Öfen und Ziegeln und arbeiten jetzt, hojhoh, mit den alten Werkzeugen,“„Da haben Sie aber Glück gehabt, Wassili Lawrentjewitsch.“ - „Hojhoh, das ist noch gar nichts, wir haben sogar Kohle in den Öfen gefunden und konnten nach ihrem Verbrennungsstadium die Temperatur feststellen, die die Alten angewandt haben. Wir mußten nicht einmal experimentieren, hojhoh.“

Unsere Augen trinken, was die Wimper hält vom Registan, aber wir werden ihn nicht beschreiben, hojhoh, wir gehen zum Grab Tamerlans."

 

Mittlerweile möchte ich auch gerne „nach Hause“, zu Father John zurück. Es ist noch genügend Zeit, um den hilfsbereiten Fahrer noch abzufangen, damit der nicht vergebens an der Moschee wartet. Ich beschließe, mir ein Taxi zu nehmen. Unterwegs klemmt sich eine recht junge Frau an mich dran. Völlig penetrant rückt sie mir auf die Pelle. Mantel verschlissen, Filzstiefel-Überschuhe kaputt. Ach ja? Das kenne ich doch irgendwoher. sie sitzt schon fast auf mir drauf, doch gottseidank bin ich am Taxistand. Schnell ein paar kleine Scheine in die Hand gedrückt, rein ins Taxi. Fast hat es den Anschein, als versuche sie, den Wagen am Wegfahren zu hindern. doch der Wagen fährt. Was sie uns hinterherruft, klingt wie ein Fluch und...nach zweihundert Metern bleibt der Wagen stehen. Motorkollaps? Wirkung des Fluches? Aber eigentlich sind hier fast alle Wagen kurz vor dem Kollaps und fahren doch. Fast habe ich schon ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr eben nichts gegeben habe. Verteilt man denn sadaqa nach Sympathie? Dann fährt der Wagen doch noch an, mit einem Geräusch zwischen erstem Gang und Kolbenfresser. In diesem Geräusch bewältigt er die ganze Strecke. Ist aber egal, ich komme sicher und pünktlich nach Hause.

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