Anlässlich der Rosenburg- Akte:         Roland Freisler -  Vom Kommunisten zur "Panzertruppe der Rechtspflege"

Eigentlich wollte ich das erst an seinem Geburtstag veröffentlichen, aber am Tag der Veröffenlichung der "Rosenburg"-Akte" soll jetzt über die links-rechts Karriere eines besonders wirkmächtigen Juristen, Roland Freisler, und über einen Nachkriegs-Pensionsskandal berich tet werden:

Die Cellesche Zeitung veröffentlicht die Geburtsanzeige für den am 30.Oktober geborenen ersten Sohn des Ehepaares Julius und Florentine Freisler, Roland. Ein zweiter Sohn, Oswald, wird 1895 geboren. Vater Freisler ist Ingenieur und Lehrer. Roland geht zunächst in Aachen auf das Gymnasium, macht, wegen Umzugs der Familie, 1912 in Kassel Abitur – als Klassenbester. Auf seine „humanistische“ Bildung wird er auch später großen Wert legen: mit seinem guten Juristenkumpel Hans Frank (dem Schlächter von Polen) soll er ausschließlich in Latein kommuniziert haben.

Die erste Karriere als Hindernis für die zweite: Bolschewistischer Kader

Gleich am – für Deutschland - ersten Tag des Ersten Weltkriegs meldet er sich freiwillig. 1915 kommt er bereits in russische Gefangenschaft. Angeblich, so sein offizieller Nachruf, sei er – vorher? – in Langemarck verwundet worden und habe das EK II erhalten.

Nach der Revolution macht er unter den „Bolschewiken“ die erste Karriere: er ist in einem Gefangenenlager für den Proviant zuständig. Russisch lernt er freiwillig. Wie sein Biograf, Reinhard Ortner bemerkt, ist diese Karriere typisch für ihn: er kommt in jedem System zurecht.

Obwohl die Gefangenenlager 1918 aufgelöst werden, kehrt er erst 1920 nach Deutschland zurück. Der Makel, eigentlich ein verkappter „Bolschewik“ zu sein, bleibt an ihm kleben, verhindert, daß er jemals für die Position des Reichsjustizministers infrage kommt und treibt ihn an, nachdem er sich den Nationalsozialisten verschrieben hat.

 

Wieder zurück: er startet durch

Ab 1922 setzt er sein Studium fort, 1924 beendet er es mit Staatsexamen und einer Summa-cum-Laude-Promotion. Sein Doktorvater ist der damals bereits bekennende Nationalsozialist Justus W. Hedemann.

Danach eröffnet er, zusammen mit seinem Bruder Oswald in Kassel eine Anwaltskanzlei. – Da sind beide bereits Mitglieder der NSDAP. Der ehemalige Kommunist „konnte sich einrichten“, wie eines seiner Opfer ihn später beschreiben wird.

Der „rasende Roland“ profiliert sich als Verteidiger von in die strafrechtliche Klemme geratenen Nazis und zeichnet sich schon damals durch Radau und Beleidigungen bei der Wahrnehmung seiner Mandate aus, was ihm zahlreiche standesrechtliche Verfahren vor dem Leipziger Ehrengericht für Anwälte einbringt. Verurteilt wird er dafür niemals.

Im Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps, einer elitären SA-Untergruppierung, bringt er es zum „Brigadeführer“ ehrenhalber. Das war der unterste Generalsrang bei SA und SS, es wird später nich wichtig. Dort befindet er sich in bester Gesellschaft. Weitere bekannte Mitglieder: Bernhard von Lippe-Biesterfeld, später der Ehemann der niederländischen Kronprinzessin Juliana, Kronprinz Wilhelm, Hans Globke (der Kommentator der Nürnberger Gesetze und spätere Adenauer-Protegé) sowie Franz-Josef Strauß. 

 

Karriere und alte Freunde

Nachdem es im Reichstagsbrandprozess – mit Ausnahme von Marinus van der Lubbe – zu für das Regime ärgerlichen Freisprüchen kommt, wird Freisler mit dem Aufbau des Volksgerichtshofs betraut.

 

1937, auf dem Höhepunkt der Stalin’schen Säuberungen, reist er nach Moskau, um vom sowjetischen Generalstaatsanwalt Andrej Wyschinski zu lernen, wie man politische Prozesse führt und beobachtet unter Anderem den Prozess gegen Marschall Michail Tuchatschewski und dessen Mitangeklagte. Auch Wyschinski beleidigt seine Angeklagten: mit leiseren Tönen zwar, aber mit deftigeren Worten. Die Prozessführung von Wyschinski kann im Video ca ab Minute 7'17 bestaunt werden. Da sieht man dann auch, was Freisler möglicherweise von Wyschinski gelernt hat. Der Bericht über eine sowjetische Karriere ist sehenswert, zumal der Verdacht niemals ausgeräumt wurde, daß Wyschinski, zuletzt sowjetischer UN-Bostschafter, von den eigenen Genossen entsorgt wurde.

Die "Panzertruppe der Rechtspflege"

Der Volksgerichtshof stellt für ihn die „Panzertruppe der Rechtspflege“ dar und gestaltet Prozessführung und die Begründung der Urteile danach. Gegen die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter sowie gegen die Verschwörer des 20. Juli läuft er zur Hochform auf. Legendär ist sein Ausfall gegen Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld – mit dezentem Erich-Ponto-Feuerzangenbowle („… ain Schlöckchen …“) -Touch: „Sä send ja ain scheebiger Lomp!“ Lächerlich, erbärmlich, aber überhaupt nicht zum Lachen, zumal es den Grafen das Leben kostete.

Hitler hatte in der ersten Radioansprache nach dem Attentat vorgegeben, was er erwartete: „Jeder soll wissen, daß, wenn er die Hand zum Schlag erhebt, der sichere Tod sein Los ist.“

 

Der Höhepunkt dieses „Schaffens“ sollte ein Film sein, „Verräter vor dem Volksgerichtshof“. Mit Freislers Gebrüll hatten die Tontechniker ihre Mühe, denn das Gebrüll mußte stets von Hand nachreguliert werden – die Angeklagten brüllten ja nicht. Der Film wurde handverlesenen Parteigenossen vorgeführt, die entsetzt waren: Freisler hatte die Angeklagten nicht brechen können, und seine Performance machte einen derart katastrophalen Eindruck, daß der Film niemals mehr gezeigt wurde.

 

Auch in Kärnten wird Freisler tätig: im Januar 1945 verurteilt er die Angehörigen mehrerer Widerstandsgruppen, unter Anderem die Gruppe um den Kärntner Slowenen Thomas Olip. „Die Freisler-Prozesse in Kärnten“ ist der Titel eines 2011 erschienenen Buches, das dieses Kapitel von Freislers Wirken aufarbeitet.

 

Das Video zeigt die berüchtigte Szene, als Freisler versucht, Graf Ulrich-Willhelm Schwerin von Schwanenfeld niederzubrüllen.

 

Das Ende

Am 3. Februar 1945 hat er drei junge Offiziere auf der Agenda, die er dem Henker überantworten will. Am späten Vormittag müssen alle wegen Bombenalarm in den Luftschutzkeller. Auf dem Weg dorthin fällt ihm ein, daß er die Prozessakten noch sicherstellen muß. Die Furcht, die Akten könnten verbrennen und die jungen Männer seinem Urteil entgehen, treiben ihn wieder zurück. Da erschlägt ihn ein herabfallender Balken.

Die Zeitschrift „Deutsche Justiz“ widmet ihm noch den  oben gezeigten, erhebenden Nachruf, zu seiner Beerdigung erscheint bereits niemand mehr.

 

 

Karriere in der Bundesrepublik? Die Richterkollegen sagen "ja".

Seiner Witwe wird 1985 eine ordentlich aufgebesserte Pension zuerkannt  – wie auch einigen anderen Gattinnen – außer Witwe Freisler erstritten sich noch die Witwen von Himmler und Heydrich eine Pensionsaufbesserung. 

Witwe Freisler hatte die Pension in dieser Höhe erstritten, einschließlich eines Zuschlags für das unplanmäßige Ableben ihres Gatten, der somit, so das Gericht, unplanmäßig daran gehindert worden war, auch der Bundesrepublik gute Dienste zu leisten.

Ja, er hätte sich sicherlich wieder „eingerichtet“, daran besteht kein Zweifel – sich in jedem System einrichten zu können, war ja, wie Zeitzeug*innen berichten, eines seiner besonderen Talente.

Die teuren Verblichenen Himmler und Heydrich wurden vermutlich mit NATO-Dreisternegeneralen verglichen (Besoldungsgruppe B9), bei Freisler wurde vermutlich die Besoldungsgruppe B6 angesetzt.

Bei einem anderen Militär war man nicht so freundlich: Dem (Wehrmachts-)General Walther von Seydlitz-Kurzbach, nach dem Desaster von Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft geraten, hatte sich dann im Nationalkomitee Freies Deutschland engagiert, was ihm - neben Todesurteil und Zwangsscheidung - auch eine Aberkennung seiner Pensionsansprüche (ebenfalls entsprechend B9) einbrachte. Mir ist nichts bekannt, daß Seydlitz die je wieder bekommen hätte.

Von Verfolgten und Widerstandskämpfer*innen, die Zeit ihres Lebens an der Armutsgrenze vegetierten, will man ja garnicht erst reden.

Dieser Skandal wird erst 1997 mit einer Novellierung des Versorgungsgesetzes behoben.

 

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