Rodolfo Graziani - ein unsterblicher italienischer Faschist

Wer sich über die zunehmende Faschisierung und Brutalisierung der italienischen Politik wundert, lasse sich gesagt sein: Der Faschismus in Italien war nie tot, der Faschisten wurde immer ehrenvoll gedacht. Der Geburtsort Mussolinis, Predappio, war immer ein Wallfahrtsort. Jetzt jedoch, nachdem unter Berlusconi der Geschichtsrevisionismus auf die Spitze getrieben wurde, platzt der Ort aus allen Nähten.

 

Daher bestand Bedarf nach einer zweiten Pilgerstätte. Sie wurde am 11. August 2012 im 1.500-Seelen-Nest Affile bei Rom eingeweiht:

 

Eine Gedenkstätte für Marschall Rodolfo Graziani. Errichtet wurde das von einem Park umgebene Denkmal aus Steuergeldern, ein Mausoleum in faschistischem Stil, versehen mit der Aufschrift "Patria e onore" ("Vaterland und Ehre"), in dem unter anderem eine von Bürgermeister Ercole Viri gestiftete Büste Grazianis zu sehen ist. An eines erinnert das Museum jedoch nicht: an den Kriegsverbrecher Graziani, berüchtigt als "Schlächter von Fessan" und "Schlächter von Äthiopien".

 

In Affile hatte Graziani kurz vor seinem Tod gelebt, als er als Ehrenpräsident des "Movimento Sociale Italiano" (MSI) an der Seite Giorgio Almirantes versuchte, den Faschismus im Nachkriegsitalien wiederzubeleben. Für Almirante hatte Bürgermeister Viri schon im Frühjahr 2012  in Affile  eine Büste aufstellen lassen. Auch bei der Pflege des Mussolini-Geburtshauses in Predappio hatte sich Viri hervorgetan. Kritik an Graziani wegen dessen Rolle in den italienischen Kolonialkriegen nannte Viri "eitles Gerede". Doch es war in Libyen und am Horn von Afrika, wo sich Grazianis Rang , Namen und Adelstitel auf besondere Grausamkeit gründete. Zum Marquese von Neghelli (italienische Schreibweise eines Ortes in Äthiopien) wurde er nach dem Erfolg in einem, wie immer äusserst grausamen Gefecht.

 

Eine koloniale Karriere

Geboren wurde Graziani am 11. August 1882 im nicht weit von Affile entfernten Filletino. Ursprünglich sollte er Priester werden, entschied sich aber für das Militär. Ab 1908 diente er in Eritrea, das seit 1890 italienische Kolonie war. 1912 nahm er an der Eroberung von Libyen teil. Der Widerstand des Volkes unter Führung des Sanussiya-Ordens und  Omar al-Mukhtars eroberte das Land jedoch weitgehend zurück.

1921 wurde Graziani fünfter Gouverneur der Kolonie, und im Rahmen der 1922 von den Faschisten ausgerufenen "Riconquista" ("Zurückeroberung") des Landes gelang es ihm, Tripolitanien und große Teile der Kyrenaika wieder unter Kontrolle zu bringen. Für Mussolini war der Besitz Tripolitaniens und der Kyrenaika von hoher Symbolkraft, denn das waren alte Kolonien Roms. Allerdings war der Widerstand nicht besiegt, sondern hatte sich lediglich ins Landesinnere zurückgezogen. Der Spielfilm "Omar Mukhtar" von 1982 zeigt ein Gespräch zwischen Mussolini und Graziani, in dem dieser den weiteren,  militärstrategischen Sinn eines Vorstoßes in den Süden hervorhebt: man könne dabei die Verlegung von vielen Soldaten und viel Kriegsmaterial über weite Strecken üben - die gewonnenen Erkenntnisse würden in künftigen Eroberungskriegen nützlich sein.

 

Bildnachweis: Wikipedia

Nach einem Marsch durch die Wüste, der als Beweis von Können und Bravado gefeiert wurde, eroberte er 1931 die Kufra-Oasen. Er schnitt den Widerstand von jedem Nachschub ab und zog den Ring um ihn immer enger.

 

Seinen Metzger-Titel hatte er schon vorher durch unterschiedslose Massaker im Fessan erlangt. Die Überlebenden wurden in Märschen durch die Wüste in Konzentrationslager getrieben.

 

Die Hälfte aller Libyer soll in dem Kolonialkrieg ums Leben gekommen sein. Die Eroberung galt als abgeschlossen, als man am 11. September 1931 Omar Mukhtar gefangen nahm und am 16. September 1931 hinrichtete.

Bildnachweis: Hinrichtung von Grazianis berühmtestem Opfer: der Führer des libyschen Widerstandes, der "Löwe der Wüste, Omar Mukhtar", wurde am 16. September 1931 vor den Augen von 10.000 seiner Landsleute im Konzentrationslager Suluq gehängt. Das obige Bild wurde bei seiner Hinrichtung gemacht. Ich habe es aus einer libyschen Facebookgruppe.

Der 1982 gedrehte Film "der Löwe der Wüste" mit Anthony Quinn in der Titelrolle. Sehr sehenswert.

 

Völkermord aus der Luft

Schon in Libyen hatte Graziani Giftgas eingesetzt, gerade auch gegen die Zivilbevölkerung, nach dem Vorbild Spaniens im marokkanischen Rif-Krieg. Neben dem Hautkampfstoff S-Lost kam Phosgen zur Anwendung, das die Opfer durch das Hervorrufen eines Lungenödems umbringt. In den Dreißiger Jahren war Italien führend in der chemischen Kriegführung. Als es 1935 darum ging, Abessinien zu erobern, verfügte Graziani, inzwischen Gouverneur von Italienisch-Somaliland, über Giftgasbomben, die in 250 m Höhe detonierten und ihre wenn nicht tödliche, so doch Krankheit und Siechtum bewirkende Fracht gleichmäßig verteilten. Wenige Tage nach Beginn der Invasion war es Graziani, der den Einsatz von Giftgas auch in Äthiopien befahl.

Obwohl über die italienischen Kriegsgreuel in Äthiopien weltweit berichtet wurde, kam niemand den Äthiopiern zu Hilfe. Der Völkerbund verzichtete darauf, die italienischen Kriegsverbrechen zu verfolgen, selbst nachdem im Dezember 1935 ein Lazarett des "Roten Kreuzes" mit Giftgas bombardiert worden war. 1936 befahl Graziani die Ermordung aller Kriegsgefangenen. Am 19. Februar 1937 bzw. nach äthiopischem Kalender dem 12. Yekatit jenen Jahres wollte Graziani, zu der Zeit Vizekönig von Italienisch-Ostafrika, anlässlich einer Feier zur Geburt eines königlichen Prinzen eine Rede halten und Almosen an die Armen verteilen, was viele Menschen anlockte. Er hatte gerade angefangen, als zwei Attentäter Handgranaten warfen, die ihn verletzten und mehrere Miglieder seiner Entourage verletzten oder töteten. Darauf feuerten die italienischen Truppen in die Menge. An diesem und den beiden folgenden Tagen veranstalteten die Italiener einen  Pogrom, dem 30.000 Menschen zum Opfer fielen. Die Intelligenz des Landes wurde gezielt liquidiert. In der äthiopischen Gedenkkultur ist dieses Massaker als "Yekatit 12" verankert. (Die eingebundene Folie zeigt, neben einem italienischen Soldaten ein Zitat des damaligen Erzbischofs von Mailand, der 1996 von Papst Johannes Paul II selig gesprochenen Kardinals Alfredo Ildefonso Schuster. Mit diesen Worten verabschiedete er die nach Äthiopien ausrückenden Truppen. Das Kreuz Christi ragte in Äthiopien, einem der drei ältesten christlichen Länder der Welt übrigens bereits empor, als die Ostgoten unter Theoderich gerade durch Italien tobten.

Bildnachweis: eigene Vortragsfolie

Bildnachweis: dahabesha.com, Denkmal für den 12. Yekatit in Addis Abeba

 

Faschist bis ans Lebensende

1939 wurde Graziani Generalstabschef des Heeres und 1940 erneut Gouverneur von Libyen und Oberbefehlshaber aller Truppen in Nordafrika. Er ersetzte Luftmarschall Italo Balbo, der friendly fire zum Opfer gefallen war: Die eigene Flak hatte ihn über Tobruk abgeschossen. Grazianis Kriegführung scheiterte allerdings, sodass das deutsche Afrika-Korps unter Rommel ihm zur Hilfe kommen musste. In der Republik von Salò - der Rumpfrepublik, die für Mussolini übriggeblieben war, nachdem Italien sich von ihm abgewendet und 1943 Deutschland den Krieg erklärt hatte - war Graziani Verteidigungsminister. Am 2. Mai 1945 ergab er sich den Amerikanern.

Die Briten verhinderten, dass Graziani, wie von Äthiopien gefordert, wegen seiner Kriegsverbrechen ausgeliefert wurde. Am 2. Mai 1950 wurde er von einem römischen Militärgericht zu 19 Jahren Haft verurteilt, doch bereits nach 4 Monaten begnadigt. Wie DER SPIEGEL am 6. September 1950 meldete, habe er sich 50 Kühe und 20 Pferde gekauft und wolle sich nur noch der Landwirtschaft widmen. Das tat er dann allerdings doch nicht, sondern widmete sich ganz im Gegenteil dem Aufbau des faschistischen MSI, der heute in der "Alleanza Nazionale" aufgegangen ist und unter Berlusconi an der Regierung war. Am 11. Januar 1955 starb Graziani in Rom. Sein Wunsch,mit seinen Leistungen zu einer Wiederkehr des Faschismus beigetragen zu haben,  aber hat sich anscheinend erfüllt.

 

In allen Ehren

Am 11. August 2012, also am 130. Geburtstag Grazianis. wurde das im faschistischen Baustil errichtete und aus Steuergeldern bezahlte Mausoleum in Affile in Gegenwart eines Vertreters des Vatikans eingeweiht. Der Vatikan hat bis heute zu seiner Verstrickung in die faschistischen Völkermorde nichts gesagt, bis heute hat Italien keine Reparationen geleistet, eine an die Europäische Union gerichtete Petition gegen das Mausoleum blieb ohne Erfolg.