Traumatisiert: Die Attentäter von Fort Hood, München, Würzburg und Ansbach

Damit wir uns recht verstehen: ich möchte die Attentäter nicht verteidigen und auch niemanden einen Vorwurf machen: doch ich fürchte, beim "handling" nicht nur von Muhammad D. sind einige tragische Fehler passiert, aus denen man dringend lernen muss, damit sie sich nicht wiederholen. Schuldzuweisungen bringen hier überhaupt nichts.

Ich mache hier einige Vorschläge...

 

Traumatisiert...

Ich glaube, nicht allen ist bekannt, was sich hinter einem Trauma verbirgt. Ein Trauma ist:

  • „Trauma“ bedeutet: eine seelische Verletzung durch ein ungewöhnliches, katastrophales Geschehen oder,
  • wie es im ''Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen'' (DSM) heißt,
  • ein belastendes Ereignis, das ''außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrung'' liegt und
  • für die das Individuum keine Ressourcen zur Bewältigung hat.

Definition "katastrophal": keine Ressourcen zur Bewältigung.

Meines Wissens hatte der junge Mann durch die Kriegsereignisse seine Frau und sein Kind verloren. Für eine Traumatisierung reicht das aus. "Keine Ressourcen zur Bewältigung" ist - in Grenzen auch individuell variabel, und es gibt sogar Leute, die stecken Ereignisse weg, unter denen andere zerbrechen, das nennt man dann "Resilienz", ein Begriff, der jedoch nicht unumstritten ist.

Auch nach schwersten Traumatisierungen kann man in ein normales Leben zurückfinden, doch das heisst nicht, dass man genesen und stabil ist.

Beispiele für Traumatisierungen:

  • In Bürgerkriegen und kriegerischen Auseinandersetzung sind das:
  • Erfahrung von Feindschaft, Verrat, Verletzung, Erniedrigung, Verrat durch Landsleute, Freunde, Kameraden, nahe Angehörige.
  • Die Erfahrung von Hilflosigkeit als Bedrohung des eigenen Selbstbilds. So wurden z.B. Retter im Einsatz von Eschede dadurch traumatisiert, daß sie durch unzerstörbare Fensterscheiben des ICE mit ansehen mussten, wie dahinter die Menschen starben; Deutsche Soldaten, die in sowjetische Gefangenschaft kamen, haben sich reihenweise umgebracht, weil sie, die vermeintlichen Herrenmenschen, von den vermeintlichen Untermenschen besiegt worden waren,
  • die Überlebenden der Shoa - weswegen Israel gezwungener Maßen zum Pionier in der Traumaforschung wurde.
  • Geschlechtsspezifisch: Frauen nach sexuellen Übergriffen, Männer, die nach eigener Einschätzung ihre Familie nicht hatten beschützen können: so haben sich nach dem Krieg viele heimkehrende deutsche Soldaten umgebracht, die erfahren mussten, daß ihre Frauen/Töchter von den "Siegern" (meistens ja auch wieder die als "Untermenschen" wahrgenommenen...) vergewaltigt worden waren. Das hat dem Witwer von Marwa el-Sherbiny zugesetzt,´und sicherlich auch dem Attentäter von Ansbach. Das hat niederländischen Soldaten in Srebrenica zugesetzt und den Rettungssanitätern von Eschede...

Es gibt durchaus die Möglichkeit - und das sollte das Ziel jeder Therapie sein - ein Trauma zu integrieren - das kann zu jedem Zeitpunkt gelingen, vorausgesetzt, die Betreffenden erhalten die richtige Therapie. Ein Trauma kann sich auch noch nach Jahrzehnten "aktualisieren", das habe ich selbst erlebt: ich war als Patientin im Bundeswehrkrankenhaus und trug die von russischen Kumpels geschenkten gestreiften Unterhemden als t-shirts. Beim diesem Anblick ist meine betagte Zimmernachbarin total ausgerastet und wurde von ihren Erinnerungen überwältigt: nach der Eroberung von Berlin war die damals 16-jährige in einen Keller gezerrt und von 25 Rotarmisten hintereinander vergewaltigt worden - auch sie sicherlich traumatisierte Männer, was den Opfern jedoch wenig helfen wird.

Traumatisierte sind durchaus in der Lage, bis sie zuschlagen, eine freundliche, angepasste Fassade aufrecht zu erhalten - wie der Attentäter von Würzburg, doch viel wahrscheinlicher ist, daß sie versuchen, sich zu entlasten: häusliche Gewalt, Suchtmittelmißbrauch und persönliche Radikalisierung sind die häufigsten Entlastungsmechanismen. Diese bedürfen zur Beschreibung traumatologischer Begriffe, weil man sonst in die Irre geht. So bedeutet meiner Meinung nach das, was als "Turboradikalisierung" durch die Medien geistert, möglicherweise, daß sich eine bestehende Traumatisierung aktualisiert hat, wie bei meiner Mitpatientin durch mein russisches Unterhemd und - möglicherweise - beim Attentäter von Würzburg durch den Tod einea Freundes. Und den Attentäter von Ansbach hat vermutlich nicht nur Krieg und Flucht, sondern auchder Tod von Frau und Kind traumatisiert.

Es kommt zu körperlichen Folgen wie Hochdruck, Magengeschwüre, Diabetes, Rückenschmerzen, Gelenkbeschwerden, hormonelle Störungen und sogar Krebs. Unbehandelt und ununterstützt fallen solche Menschen aus der Gesellschaft. So sind in Großbritannien 25% aller Armeeveteranen obdachlos. Und die Steuerungsfähigkeit nimmt ab.

Es kann auch zu sekundärer Traumatisierung kommen, wie meines Erachtens beim US-Armeepsychiater Nidal Malik Hassan, der in Fort Hood Amok lief und 13 Kameraden erschoss. Er wurde 2013 zum Tode verurteilt und wartet jetzt, durch eine Polizeikugel von der Taille abwärts gelähmt, auf seine Hinrichtung. Dieser Amoklauf wirkt fast wie die Blaupause der hiesigen Amokläufe. Ich habe mich seinerzeit mit Kolleg*innen, Psychiater*innen darüber unterhalten, die meine Einschätzung geteilt haben, daß der zunächst gut integriert wirkende die permanente Konfrontation mit den Geschichten, die die an ihn überwiesenen Soldaten ihm womöglich erzählt haben - zum Psychiater wird ja nur der geschickt, dessen Probleme offenkundig sind - nicht verkraftet hat und sich dann einbildete, auf der falschen Seite zu stehen und die Seiten wechselte. Er muss schon ziemlich früh auffällig gewesen sein, Kameraden sagen, es habe klare Warnzeichen gegeben. Die optische Veränderung - von rechts nach links - , vo schon bei den drei Uniformbildern ist nicht zu übersehen, vom vierten Bild, in Orange und mit Bart ganz zu schweigen. Aktuell sitzt er in der Todeszelle und das Letzte, was man von ihm vernahm, war, daß er sich mittels Schreiben an den "Kalifen des IS", Abubakr al-Baghdadi, als Bürger und Soldat des "Islamischen Staates" beworben habe...

 

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Nidal Malik Hassan unterscheidet sich in seiner sozialen Lage zum Zeitpunkt der Tat erheblich von den zwei der drei Täter in Deutschland: er war wohletablierter Armeepsychiater, Stabsoffizier, Die Täter von Würzburg und Ansbach Flüchtlinge, der Täter von München Schüler, angeblich zum Christentum konvertiert, Anhänger der AfD, rechtsextrem.

Gemeinsam ist ihnen, daß die Mechanismen, mit denen sie sich zu stabilisieren versuchten. ähnlich waren: der Versuch der Anbindung an ein Großes Ganzes: Hassan hatte Kontakt zur Al-Qaida-Kultfigur Anwar al-Awlaki und versucht jetzt - Awlaki wurde mittlerweile getötet - sich beim IS zu etablieren und kann, als immerhin Arzt, nicht erkennen, daß die für einen Querschnittgelähmten in der Todeszelle wohl keine Verwendung haben dürften. Hasan war seinerzeit von al-Awlaki zu seiner Tat angestachelt worden. Al-Awlaki hatte noch mehrere andere Attentäter rekrutiert, so auch die Charlie-Hebdo-Attentäter. Und jetzt der Versuch, irgendwie, und sei es nur virtuell, beim IS anzudocken...

Und auch die Attentäter von Würzburg und Ansbach sollen bis zuletzt Kontakte in den Nahen Osten gehabt haben und von dort möglicherweise auch ihre Anweisungen bekommen. Da sie - im Gegensatz zu den Charlie Hebdo-Attentätern - anscheinend nie im Gebiet des IS waren, ist der IS in diesen beiden Fällen an einen für ihn sehr kostengünstigen (sorry, aber so hart muss man das wohl sehen...) Propagandaerfolg gekommen. Und ich bin mir  sicher, daß auch diese Attentäter sich als "Soldaten des IS" aufgewertet fühlten...

 

"Der islamistische Terror ist in Deutschland angekommen"

Aus meiner Sicht denkt der, der nur in Kategorien von "Islamismus", "Salafismus", "Terrorismus" denkt, am Thema vorbei. (Bevor jemand jetzt denkt, ich wolle die Täter "entschuldigen", bitte zuende lesen ...). Schon mehrfach habe in irgendwelchen Medien gelesen, zuletzt bei Ahmad Mansour, der sich jetzt überall als Experte äussert (Mansour ist Diplompsychologe und arbeitet mit radikalisierten/sich radikalisierenden muslimischen Jugendlichen. Seine These: man könne den Terror nicht ohne die Religion erklären? Wirklich nicht? Genau deswegen habe ich die Grafik links eingestellt, nicht aus Whataboutismus. Ich sehe das genau andersherum: man muss das Gemeinsame an allen Formen des Terrors suchen. Erklären kann man alle Formen des Terrors nämlich ohne sein Beiwerk, bloß in der Therapie muss dann wieder der kulturelle Hintergrund berücksichtigt werden, genau wie in der Prophylaxe übrigens und das sehe ich die Projekte nicht nur von Mansour, auf einem guten Weg. Ich sehe das, was ich hier geschrieben habe, deswegen auch nicht als Gegenrede, sondern als Ergänzung.

 

Therapie

Ich will mich hier auf die Problematik bei Geflüchteten beschränken, weil das ja der Gegenstand der Debatte über die Amoktaten ist. Natürlich gibt es in unserer Gesellschaft viele Menschen, die traumatisiert sind, und für die die Behandlungsmöglichkeiten noch deutlich Verbesserungspotential haben, was ich weder in Abrede stelle, noch kleinrede.

Die hier eingebundenen Folien sind Teil eines Vortrags von 90 Minuten Dauer. Vorträge über "Stress, Trauma, verwundung und Tod gehörten zu meinen dienstlichen Aufgaben. Und damit bin ich gleich bei meinen Vorschlägen:

  • Das Ziel - nicht nur meines - Vortrags zu diesem Thema war, die Soldaten dafür zu sensibilisieren, auf sich und den Nebenmann zu achten, um Zeichen einer Traumatisierung sofort zu erkennen und Hilfe zu suchen. Es ist kein großer Aufwand, so etwas in Begrüßungsvorträge/Integrationskurse "einzubauen", und es schadet auch nichts, wenn man es mehrmals hört. ich bin sicher, es findet sich jemand, der so einen Vortrag auch "islamisieren" könnte, damit er zum kulturellen Hintergrund passt.
  • Aufklärung möglicher Behandler*innen über den Charakter einer Traumatisierung. Anhand des Ansbach-Attentäters wird jetzt über die Fachkunde des Therapeuten/die notwendige Fachkunde, um solche Menschen zu behandeln, diskutiert, und der Lindauer Heilpraktiker M. durch die Medien gezogen - einschließlich Foto seines Praxisschildes, was ich ein Unding finde. Was bei mir ankommt: zuerst schickt man Geflüchte dort hin, und jetzt zieht man Herrn M. durch den Dreck. Die Mehrzahl der Artikel über ihn hat das Wort "dubios" in der Überschrift und die  bayrische Sozialministerin hat jetzt gefordert, daß nur noch Psychiater*innen/Nervenärzt*innen Traumatisierte behandeln dürfen. Das ist nur teilweise richtig. Zwar bin ich auch der Meinung, daß Heilpraktiker*innen eine solche Behandlung nicht übernehmen dürfen (zur Problematik des "Heilpraktikers für Psychotherapie" verweise ich auf das ausgezeichnete Buch von Anousch Mueller),und mir ist vollkommen unverständlich, wieso Heilpraktikern (falls sie "auf Pychotherapie beschränkt sind, ist selbst die Heilpraktikerausbildung "abgespeckt") und die dann, wie Herr M. mit "Primärtherapie" und "Rebirthing" für sich werben, solche Patienten anvertraut werden.So jemand "soll" nicht nur die Fachkunde fehlen, sie fehlt ganz entschieden, und das hätte man vorher erkennen können und müssen. Herr M. hat sich aus meiner Sicht ganz einfach überschätzt. - Allerdings ist das, was die "Schulmedizin" zu bieten hat, nicht unbedingt besser. Das sind Behandlungsfehler. Es gibt da nämliich anerkannte und erprobte Verfahren und es werden schon eine Menge Weiterbildungen angeboten. Die entsprechenden Leitlinien sollten schnellstmöglich angepasst werden und Behandler*innen darauf verpflichtet werden, sich an diese Leitlinien zu halten. Behandler*innen sollten darauf verpflichtet werden, sich an diese Leitlinien zu halten. Behandeln können aus meiner Sicht nicht nur Psychiater*innen, sondern auch klinische Psycholog*innen mit Psychotherapieausbildung, vorausgesetzt, sie weisen eine Weiterbildung von einer festgelegten Anzahl Stunden nach. Ich gehe davon aus, daß viele dazu bereit sind.
  • Stetige Weiterbildung und Supervision. Es gbit bereits seit Jahren für Ärzt*innen das Freiwillige Fortbildungszertifikat. Für niedergelassene Ärzt*innen ist das verpflichtend. Punkte dafür könnten auch durch Fortbildungen bei z.B.  Exit, Hayat oder Medica Mondiale erworben werden, je nach Patientenklientel. Dann besteht die Chance, "im therapeutischen Setting" auch Radikalisierungen zu erkennen. Ständige Supervision durch erfahrene Traumatherapeut*innen ist für mich unerlässlich. Bei Nidal Hassan ist die sehr wahrscheinlich ausgeblieben - mit bekanntem Ergebnis.

Das, was ich da entwickelt habe, möchte ich nicht als Gegenrede, sondern als Ergänzung zum gegenwärtigen, eindimensionalen Sidherheitsdiskurs verstehen.

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