Neal Ascherson, Schwarzes Meer

Neal Ascherson, Schwarzes Meer, Suhrkamp-Verlag 1998.

Aus persönlicher Verbundenheit - sein Vater erlebte 1920, als britischer Leutnant zur See, die Evakuierung der letzten "weißen" Truppen von der Krim und wurde selbst auf der Krim als Teilnehmer eines Byzantinistenkongresses Zeuge des Putschs gegen Gorbatschow - macht sich Neal Ascherson ans Werk und entfaltet vor seinen Lesern ein Panorama einer der geschichtsmächtigsten und geschichtsträchtigsten Regionen der Erde: der Küsten des Schwarzen Meeres.



Diese Rezension habe ich schon 1998 während und unter dem Eindruck meines Auslandseinsatz für UNOMIG in Georgien verfasst und in einer mittlerweile eingestellten Zeitschrift veröffentlicht. Sie ist heute immer noch bzw. schon wieder aktuell.

 

 

Das Buch

 

Das Buch ist in einem ansprechenden, literarischen und gleichzeitig sehr persönlichen Stil geschrieben, und das macht es zu einer bis zur letzten Seite spannenden Lektüre. Darüberhinaus ist es sauber recherchiert, hat Hand und Fuß - und Herz. Nebenbei räumt der Autor noch mit ein paar uns liebgewordenen Vorurteilen auf und zeigt uns, daß eindimensionale Erklärungsversuche weder am Schwarzen Meer noch sonstwo auf der Welt weiterhelfen.Auf einem Kaukasusberg wurde Prometheus angekettet, und die Fabelwesen und Delphine der griechischen Sagen schwammen allesamt im Schwarzen Meer und Jason und die Argonauten machten sich in die Kolchis auf, das Goldene Vlies heimzuholen. "Operation Goldenes Vlies" hieß auch die Rettungsoperation, mit der 1992 die letzten Griechen mittels eines von Athen gesandten Schiffes aus Suchumi evakuiert wurden, was 3.000 Jahre griechischer Geschichte in dieser Region beendete, beendete, wie die den Georgiern zugeschriebene Brandstiftung des Nationalarchivs von Suchumi während des Georgisch-Abchasischen Krieges.

 

 

Die Krim, Vertreibung und Völkermord

 

Wir erfahren etwas über die berühmten Städte auf der Krim: Bachtschissaraj, wo heute noch ein Brunnen der Legende nach über den Tod eines versklavten Mädchens aus Polen Tränen weint; das Mädchen starb, ehe es lernen konnte, den Khan der Krimtataren zu lieben, das aber weiterlebt in eben jener durch Puschkin besungenen Legende und einem romantischen Ballett.

Wir erfahren etwas über die zweifache Heldenstadt Sewastopol, die sowohl im Krimkrieg 1853-56, als auch im Zweiten Weltkrieg lange dem jeweiligen Feind standhielt, über Jalta und Feodosija.

 

Wir erfahren etwas über den mörderischen Wahnsinn, der sich im II. Weltkrieg dort austobte: war die Krim zunächst Spielwiese der rassistischen Unsinnsphantasien Adolf Hitlers, der sie auf der Basis verquerer Geschichtsklitterung zum - germanischen - "Gotenland" erklärte, und dort, wie mit Mussolini vereinbart, diejenigen Südtiroler ansiedeln wollte, die bei einer 1939 anberaumten Volksabstimmung gegen den Verbleib in Südtirol stimmten.

Die Ansiedlung sollte nach dem - natürlich gewonnenen - Krieg durchgeführt werden. Nach Vertreibung/Versklavung/Vernichtung der dort lebenden krimtatarischen, ukrainischen, russischen, jüdischen etc. versteht sich.

 

Weiter erfahren wir etwas über den Mißbrauch der antisowjetischen Gefühle vieler - nicht aller! - Krimtataren durch die Wehrmacht, die Einheiten zur "Partisanenbekämpfung" und Dorfschutzbataillone aufstellen ließ.

Wir erfahren etwas über über die volkstümelnden Ambitionen des Generalgouverneurs Frauenfeld, der die Krimtataren zu einer "Kulturnation machen" wollte und - zugegebener- maßen sogar - allem guten Willen eines Kolonialherren sogar "Moslemausschüsse" einsetzte. Die Tataren mußten nach dem Krieg für derlei Unfug bitter bezahlen. Es half Ihnen wenig, daß mehr Krimtataren auf sowjetischer als auf deutscher Seite kämpften - der berühmteste von ihnen, der Jagdflieger Amet-Chan Sultan war als 2-facher Held der Sowjetunion (49 bestätigte Feindabschüsse) der höchstausgezeichnete nichtrussische oder -ukrainische Soldat der Sowjetunion. Es half ihnen auch nicht, daß sie, wie die übrigen Völker der Krim, der Vernichtungsmaschinerie der SS-Einsatzgruppen zum Opfer fielen. 1944, nach der Rückeroberung der Krim, hätten massenhaft tote Tataren an den Straßenlaternen der Städte gehangen, und innerhalb weniger Tag, vom 18. bis 22 Mai 1944, wurden sie, wie auch die Deutschen, Tschetschenen, Inguschen und Griechen, kollektiv wegen "Verbrechen" gegen Artikel 58 Absatz 1 des sowjetischen Strafgesetzbuchs, wegen "Verrat am Vaterland" nach Usbekistan und Kasachstan deportiert. (Die Krimtataren wurden zwar 1967 rehabilitiert, durften aber erst 1988 in ihre Heimat zurückkehren und werden, nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim, erneut diskriminiert, verfolgt und mit Deportation bedroht).

 

Weiter macht uns der Autor mit den Karäern bekannt, jener jüdischen Strömung, die sich ausschließlich an die Thora hält und den Talmud ablehnt. Auch sie fielen dem NS-Vernichtungswahn zum Opfer, nachdem einige NS-Anthropologen sie zunächst zu Nachkommen der Chasaren erklären, jenem zum Judentum übergetretenen Turkstamm, dessen Siedlungsgebiet ebenfalls bis an die Gestade des Schwarzen Meeres reichte, und sie damit zunächst vor der Vernichtung bewahrten.

 

Ascherson bleibt jedoch bei seinen Orts- und Landschaftsbeschreibungen nicht stehen: er führt uns an die Ursprünge dreier Diskurse, die bis in die heutige Zeit fortgeführt werden, und doch hier, am Schwarzen Meer, ihren Ursprung haben:

 

 

 

Zivilisation vs. Barbarei

 

Der erste Diskurs berührt den Gegensatz zwischen Zivilisation und Barbarei. Er wurde von den in den Städten lebenden griechischen Kolonisten geführt. Ascherson schreibt hierzu:

 

Zivilisation und Barbarei waren Zwillinge, die in der griechischen, vor allem aber in der athenischen Vorstellungswelt herangereift waren. Sie wiederum setzten eine skrupellos geistige Dynastie in die Welt, die immer noch das westliche Denken in ihrem Bann hält. Die römischen und byzantinischen Reiche rechtfertigten ihre imperialen Kämpfe als Verteidigung der ,zivilisierten' Ordnung gegen den ,barbarischen' Primitivismus. Dasselbe gilt für das Heilige Römische Reich und die koloniale Expansion Spaniens, Portugals, Hollands, Frankreichs, Italiens, Deutschlands und Großbritanniens...Jeder dieser nationalstaatlichen Mythen identifiziert die ,Barbarei' mit dem Zustand oder der Ethik ihres unmittelbaren Nachbarn im Osten". Nachdem die Griechen zunächst drei Jahrhunderte mit den nomadischen "Barbaren" problemlos zusammengearbeitet hatten, änderte sich aus politischen Gründen das Weltbild:  "Dieses Ereignis - ein plötzlicher gedanklicher Sprung - fand in der ersten Hälfte des fünften, vorchristlichen Jahrhunderts in Athen statt, als Perikles' Athen die persischen Invasoren abwehrte und selbst zu einer imperialen Macht wurde. Athener Intellektuelle, vor allem die Dramatiker, dachten sich diese gewandelte Form der Wahrnehmung anderer Völker aus und machten sie dann einer breiteren Öffentlichkeit schmackhaft."

 

Und der Sinn des Wortes "Barbar" wandelte sich: von einem, der eine unverständliche Sprache, eben ein ,bar-bar' sprach, zu allem, was nicht griechisch ist. Und diese Abgrenzung war weniger das Problem der Griechen, die in der Peripherie mit jenen ,Barbaren' zusammenlebten, als eben jener Politiker, Militärs und Intellektuellen im Zentrum - wie heute auch noch, aktuell in Putins Konzept der "Russischen Welt".

 

Folgerichtig wurde in diese Barbaren alles hineinprojiziert, was die Griechen an sich selbst nicht akzeptieren, z.B. was dem Gegensatz zur angeblich genuin griechischen Selbstbeherrschung und dem Ideal des μεσότες (mesótes), der Mäßigung, widersprach.

 

"Die Barbaren waren grausam, einfältig, undiszipliniert und neigten zur Panik. Sie schwelgten im μεσότες (ploutos), protzigem und unvorstellbarem Reichtum, statt jenem όλβος, (olbos) anständigem Wohlstand, der der Stadt Olbia den Namen gab."

 

Somit wurden auch Figuren der griechischen Frühgeschichte, deren Verhalten dem griechischen Ideal nicht entsprach, ins Ausland verpflanzt. So wurde die Agamede der Ilias, eine Griechin,

 

„die die Tochter der Sonne war und alle Kräuter kannte, die auf der Erde wachsen...",

 

zur Medea: herrschsüchtig, von zügelloser Leidenschaft, Mörderin ihres eigenen Bruders und ihrer eigenen Kinder, einer Hexe, die sich mit der zauberischen Zubereitung von Kräutern auskannte. Und Euripides verlegte ihre Geburt in die Kolchis, ans Schwarze Meer. Es gibt noch viele weitere Beispiele.

 

Parallel dazu entwickelte sich auch die Verherrlichung des Barbarischen, die Sehnsucht nach den Eigenschaften des „edlen Wilden“;

 

„Europas lange, unvollendete Ballade der Sehnsucht nach dem edlen Wilden, nach Jägern und Sammlern, die mit sich selbst und ihrer Umgebung im Frieden leben, nach Cowboys, Zigeunern und Kosaken, beduinischen Nomaden und Ureinwohnern, die Lieder singend durch die unverdorbene Wildnis wanderten“.

 

Und es

„…begaben sich romantische junge Männer in imperialen Uniformen in die Eingeborenen zu verlieben, die sie unterworfen hatten. Von den Aures-Bergen in Nordafrika bis zu den Gipfeln am Chaiber-Pass machten nachdenkliche junge Offiziere Jagd auf andere Männer, die sie für bessere und natürlichere Menschen hielten, als sie selbst es waren. Puschkin, Tolstoi und Lermontow dienten allesamt als Soldaten im Kaukasus, als Offiziere der russischen Armee, die zwei Generationen lang Krieg führten, um die islamischen Gebirgsvölker zu unterwerfen. Diese Autoren in Waffen projizierten auf ihre Feinde all jene Tugenden, an denen es in St.Petersburg zu fehlen schien: äusserste Überzeugung und Entschlossenheit, ganzheitliches Empfinden, Askese in materiellen Bedürfnissen. Zu etwa derselben Zeit nahmen englische und schottische Intellektuelle ähnliche Übertragungen vor.“

 

Und die Barbaren taten noch etwas Barbarisches:

„Sie gaben Frauen Macht – gelegentlich sogar ein militärisches Kommando oder die Führung des Staates“.

 

 

 

Männer vs. Frauen

 

Und somit kommen wir zum zweiten Diskurs, dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Und dazu schreibt der Autor:

„Das…faszinierte die Griechen besonders und beschäftigte sie geradezu obsessiv. Ihre exklusive und nervöse Männlichkeit war in der Welt des fünften Jahrhunderts einzigartig.“

 

Und an anderer Stelle schreibt er dazu:

„…die alte griechische Verehrung der homosexuellen Liebe als höchste geistige Erfahrung…“

 

Dieser Männlichkeitskult,

„...die Identifizierung von ,Zivilisation' mit einer völlig von Männern dominierten Gesellschaft, wurde vom Römischen Reich übernommen - und mit ihr deren Gegenstück, wonach politische Autorität für Frauen ein sicheres Anzeichen für Barbarei war ... Vom Römischen Reich floss die Tradition männlicher Herrschaft in die römisch-katholische Kirche ein und vereinigte sich dort mit der jüdischen Tradition des Patriarchats".

 

Könnte es nicht sein, daß ähnliche Entwicklungen in der islamischen Welt hier ebenfalls ihren Ursprung haben?

 

 

Multikulturalität – das Wandern zwischen den Welten

 

wird vom dritten Diskurs thematisiert. Die Menschen, die in mehreren Kulturen zuhause waren, waren schon zu dieser Zeit verdächtig. Im Buch wird die Sage von Skyles, dem Skythenprinzen, der sich von der Stadt Olbia entzücken ließ. Außerhalb der Stadtmauern war er der Herrscher der Steppe. Innerhalb der Stadtmauern jedoch, wurde er zum Griechen, mit Palast, griechischer Ehefrau, griechischer Lebensweise. Das ging so lange gut, bis er einwilligte, sich in den Dionysos-Kult initiieren zu lassen und prompt erwischt wurde. Eine Gruppe von Skythen war auf den Gedanken gekommen, über die Mauer in die Stadt hinein zu schauen und sah ihren Prinzen an der Spitze der heiligen Prozession durch die Straßen taumeln. Daß er versuchte, zwischen zwei Welten zu wandern, nahmen ihm seine Skythen übel, setzten ihn ab, verurteilten ihn zum Tode und sein Bruder ließ ihn hinrichten. Später fand man bei einer Ausgrabung in und um Olbia seinen Ring mit der Aufschrift σκύλεó, (skyleó) dem Skyles gehörend. Die Legende kommt zu dem Schluss, daß man nicht zwischen den Welten wandern kann, ohne Schaden zu nehmen. Auch dieses Thema ist heute wieder so aktuell wie lange nicht mehr und muss offensichtlich von jeder Generation neu überdacht werden.

 

Ich habe dieses Buch seinerzeit „vor Ort“, am Schwarzen Meer gelesen, nein, verschlungen. Doch man muss nicht in den Kaukasus reisen, um dieses Buch mit Gewinn zu lesen – es lohnt sich überall. Ascherson hat das Buch mittlerweile überarbeitet und aktualisiert. Darüber werde ich ebenfalls berichten. Doch die Überarbeitung macht dieses Buch keinesfalls hinfällig.

 

 

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