Oberst Sawka, Iwan Iwanowitsch

Zwischendurch muss ich von einem Termin berichten, der mir – und nicht nur mir - unter die Haut gegangen ist: wir hatten ein Treffen mit dem stellvertretenden Kommandeur der 79. ukrainischen Luftmobilen Brigade, Oberst I.I. Sawka (43). Wir alle waren von dem Treffen tief bewegt, ich selber war den Tränen nahe und ich schäme mich nicht, das zuzugeben. Was es war, das mich so außer Fassung gebracht hat, werde ich später noch ausführlicher erklären, doch kurz: der absolut dreckige Krieg jenseits aller Regeln und das, was er nicht nur mit den Ukrainern gemacht hat und noch macht.

 

Diese Brigade hat 5.000 Soldaten und besitzt mittlerweile – das war nicht immer so! – alle Waffen, die man bei einer gemischten Brigade erwarten kann: Panzer, Artillerie, Granatwerfer und leichte Waffen. Sie ist im Großen und Ganzen seit dem 20. März 2014 im Einsatz – zunächst auf der Krim, jetzt im Donbas. Sie hat auch an internationalen Einsätzen teilgenommen: z.B.Irak, Liberia, Kosovo. Durch den Krieg in der Ostukraine hat sie bislang 57 Tote und über 500 Verwundete zu beklagen.

 

„Dies ist nicht nur Russland Krieg gegen die Ukraine, sondern der Krieg gegen ganz Europa“

 

Der Krieg sei zwar im März 2014 ausgebrochen, doch schon viel länger vorbereitet worden: unter Janukowitsch sei ein Staatsbürger der Russischen Föderation (sic!) stellvertretender Verteidigungsminister gewesen. Eine gefechtsklare Einheit nach der anderen sei aufgelöst worden und sie hätten ihre Waffen abgeben müssen – ihnen seien neuere, bessere versprochen worden, die letztendlich nicht gekommen seien.

 

Als sie dann im März 2014 auf der Krim gegen die "Grünen Männchen" antreten mussten, hätten sie nichts gehabt, noch nicht einmal vernünftige Stiefel. Alles, was sie anfänglich bekommen hatten, sei der ukrainischen Zivilgesellschaft zu verdanken gewesen.

 

Sie seien mit einem Krieg überzogen worden, mit dem niemand hätte rechnen können, und in dem der Feind keine Regeln akzeptiere.

 

 


Sie hätten die strikte Order gehabt, nicht als erste zu schießen, denn in dieser Phase sei es den Russen darum gegangen, sie dazu zu bringen, den ersten Schuß abzugeben, und somit die Grünen Männchen zu legitimieren und dazu Bilder für die Presse zu liefern. Das weltberühmte Bild des polnischen Photographen Kuba Kaminski vom Überfall auf den Flughafen Belbek kann dazu gut als Illustration dienen.



Mittlerweile habe ein Treffen mit Vertretern der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, Deutschlands, der Slowakei und Polens stattgefunden. Alle seien zu dem Schluß gekommen, daß sie einen solchen Krieg noch nicht gesehen hätten.


Dies sei nicht nur ein Krieg gegen die gesamte Ukraine sondern auch gegen ganz Europa. Putin wolle nicht nur die Ukraine, sondern auch deren Nachbarn balkanisieren. Lasse man ihn mit der Ukraine durchkommen, seien als Nächste Rumänien und Polen in Gefahr. In Transnistrien werde ja bereits gezündelt. Die folgende Karte habe ich nochmals zur Verdeutlichung herausgesucht - die Oblast Charkiw ist gottseidank nicht unter Kontrolle der "Separatisten".




Dies sei auch schwierig, in taktische Lehrsätze zu fassen, allerdings sei die Feindabsicht - diese festzustellen ist ein Element des militärischen Führungsprozesses -  immer die Gleiche: Destabilisierung Europas und der Ukraine, Novorossiya. Mithin, so meine Schlußfolgerung, wurde das Projekt nicht aufgegeben, wie schon einige gemutmaßt hatten.


Was uns sehr beindruckt hat, war, daß Oberst Sawka keinen kühlen, emotionslosen Vortrag ablieferte, sondern auch Persönliches einbrachte:


"Als ich vor 25 Jahren in die Streitkräfte eintrat, hätte ich mir nicht träumen lassen, einmal Zeuge eines solch schmutzigen Krieges zu werden."


Eingetreten ist Oberst Sawka noch in die Rote Armee der untergegangenen Sowjetunion. Dazu später noch etwas.

 

 

Money makes the world go round

 

Von gefangenen serbischen Söldnern, die unverblümt zugegeben hätten, daß sie gekommen seien, um sich zu bereichern, hätten sie auch erfahren, wie man sein "Grundgehalt" von  $8.000 im Monat noch aufbessern kann: es gibt "Abschußprämien":

 

$ 500   für einen getöteten ukrainischen Soldaten.

$ 1000 für einen getöteten ukrainischen Feldwebeldienstgrad.

S 3000 für einen getöteten ukrainischen Offizier.

 

Es seien auch Söldner aus Afrika angeworben worden. Einige hätten sie gefangengenommen. Auch hier sei das Motiv Gewinnstreben. - Nun ja, ein Igor Girkin wurde im Donbas zum Millionär genau wie der ehemalige Pyramidenspieler Puschilin und der ehemalige Grubenelektriker Sachartschenko. Da darf dann auch mal was nach "unten" tropfen.

 

 

 

Exkurs: das Völkerrecht

 

Da scheinen bei so manchen noch Unklarheiten zu bestehen. Ich habe Oberst Sawka nach der offiziellen Position der ukrainischen Streitkräfte zu den Kämpfern gefragt. Seine Antwort:


Jeder Ausländer, der auf dem Staatsgebiet der Ukraine mit der Waffe in der Hand angetroffen wird, ist ein Krimineller.


Das Völkerrecht sieht das genauso. Auf russischer Seite kämpfen keine durch das Völkerrecht geschützten Kombattanten. Definition (Wikipedia):


Kombattanten sind nach dem humanitären Völkerrecht Personen, die unabhängig von der Rechtmäßigkeit des Konflikts zu Kriegshandlungen berechtigt sind. Dies erlaubt dem Kriegsgegner die gezielte Bekämpfung und Tötung der uniformierten Kombattanten, ermöglicht diesen jedoch auch eine Behandlung nach den Regeln der Genfer Konventionen, beispielsweise den Status als Kriegsgefangener im Fall einer Gefangennahme.



Sie verlieren den geschützten Kombattantenstatus,


wenn sie nicht unterscheidbar von Zivilpersonen kämpfen, ihre Waffen nicht offen tragen oder die Uniform ihres Kriegsgegners tragen. In diesem Fall steht ihnen lediglich theoretisch der humanitäre Schutz der unverbindlichen UN-Menschenrechtscharta zu, unter anderem ein faires Gerichtsverfahren und menschenwürdige Behandlung.


Auf den folgenden Bildern siehr man den russischen Fallschirmjäger Nikolai Kozlow, einmal in russischer Uniform, einmal in der Uniform der ukrainschen Sonderpolizei "Berkut". Bilder auch anderer Soldaten in der "Uniform des Kriegsgegners".Ähnliche Bildfolgen haben auch andere russische Soldaten zu Hauf in den russischen sozialen Netzwerken gepostet.

 

 


Die Begehung von Kriegsverbrechen - auch einzelner Formationen -  beraubt die GESAMTE Streitmacht ihres Kombattantenstatus, wenn vermutet werden muss, daß diese Kriegsverbrechen Teil der Gesamtstrategie sind. Wie Oberst Sawka mitteilt, ist die zur Zeit bevorzugte Taktik, aus Wohngebieten heraus oder in sie hinein zu schießen. Auch das sind Kriegsverbrechen. Beim Versuch ukrainischer Soldaten, ein schwerverletztes Kind zu retten, hätten Schafschützen diese Soldaten erschossen.

Lange Rede kurzer Sinn: keiner der Kämpfer im Donbas ist ein Kombattant.  Deswegen befindet sich die Ukraine vollkommen im Recht, sollte sie ihre russischen Gefangenen, wie angekündigt, nach den Regeln des Strafrechts wegen Terrorismus anklagen. In Einzelfällen seien auch schon aus humanitären Gründen Gefangene ausgetauscht worden. Russland hält auch noch 3 widerrechtlich auf der Krim festgesetzte Soldaten fest.

Russland richte seine Propaganda auch auf die ukrainischen Soldaten: im vergangenen Jahr sei ihnen für die Desertion nach Russland sogar Geld und ein Haus angeboten worden. Seines Wissens habe nicht ein ukrainischer Soldat dieses "Angebot" angenommen.



Der persönliche Preis


Besonders schmerzhaft für ihn sei - und gerade ich kann ihn da sehr gut verstehen: ein  russischer, guter Freund, mit dem er gemeinsam, noch zu sowjetischen Zeiten, die militärische Ausbildung begonnen habe, und mit dem er zumindest via Internet noch Kontakt halte, sei - auf der anderen, der russischen Seite. Er habe ihn gefragt, wogegen er kämpfe:


"Gegen die Faschisten."  - Die Frage, ob er ihn, Oberst Sawka für einen Faschisten halte, sei nicht beantwortet worden. Mittlerweile sei der Freund in Syrien, wie viele aus dem Donbas. (Wie fleissig dort aufgebaut wird, kann hier besichtigt werden. Allerdings lässt man das Donbas auch nicht unversorgt. Es sind unlängst frische Waffen und Truppen angekommen.



Das Schlußwort


Keinen von uns hat diese zwei Stunden dauernde Begegnung kalt gelassen.


"Wir stehen hier auch für Europa".


Oberst  Sawka, das wissen wir. Und wir werden unser Bestes tun, daß Europa das endlich zur Kenntnis nimmt. Daß Europa nicht auf den Schmus hereinfällt, den Putin am 1. Oktober vor der UNO erzählt. Und der Ukraine endlich angemessen zur Hilfe kommt. Ich werde dazu tun, was ich kann.



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