Bombenwetter in Syrien

Immer wenn man denkt, schlimmer kann es nicht mehr kommen, kommt aus Russland wieder was Neues. Die Wettervorhersage wird zum Frontbericht, denn es werden auch Prognosen abgegeben, wie das Wetter sich denn zum Bombardieren eignet. Nein, die Flugzeuge starten nicht etwa von Russland aus, sondern von einer Basis nahe Latakia, aber das Volk will ja mitsiegen. Dieser Sender ist aber keineswegs die Ausnahme...

 

Diese Zusammenstellung hätte nicht entstehen können ohne daß mir einige Leute geholfen hätten, die mir Textstellen übersetzt oder das Video runtergeladen haben. Die Wetterfee verkündet, daß der Oktober ein gute Monat für Bombenangriffe sei. So ungefähr, die Weisheit der Führung verkündend, hat die Wochenschau das im zweiten Weltkrieg auch gemacht. Da menschelte es vom Panzer und hier erfahren wir, daß die Kampfpiloten schönes Wetter haben - wir wollen ja nicht beckmessern, aber einer hatte sich bereits in den türkischen Luftraum verflogen.

 

Irina Schlegel vom  Portal informnapalm hat die Wetterfee freundlicherweise übersetzt:

 

"Der Zeitpunkt für den Beginn der Militäroperation wurde sehr gut gewählt. In der Nähe der Region gibt es keine Zyklone. Weder Niederschlag noch starker Wind werden erwartet.
Und genau diese Charakteristiken sind für die Luftwaffe am wichtigsten. Oktober in Syrien ist ein für Flüge günstiger Monat.
Wobei der Herbst sich schon bemerkbar macht. Die unzureichend sichtklare Luft sollte aber kein ernsthaftes Hindernis für die Durchführung der Operation werden.
Die Flugzeuge werden unter die Wolken tauchen und effektive Angriffe auf die Bodenziele ausführen können. Die Ausführung der Kampfaufgabe durch die russische Luftwaffe könnten nur Sandstürme erschweren.
Der Sandstaub zerstreut die Laserstrahlen, die von einigen Lenkungssystemen verwendet werden. Selbst die Natur zwingt uns, sich zu beeilen. Im November werden die Wetterbedingungen nicht mehr so günstig sein.
Womöglich gerade deshalb, wie man uns in der Präsidentschaftsverwaltung erklärte, hat die syrische Operation einen sehr klaren Zeitrahmen."

 

Ein weiterer Facebook-Freund, Joerg Hesse, hat mich noch darauf hingewiesen, welche Botschaften dort subliminal ausserdem über die Laufbänder mit der Wetterfee noch transportiert werdenund sie freundlicherweise übersetzt: während der Wetterbericht als "Hauptnachricht" präsentiert worden sei, lief diese Nachricht im oberen Laufband:

"In Paris ging das Treffen der "Normandie"-Vierergruppe zu Ukraine zu Ende"  - passt ja auch gut zu Syrien, keine Frage...

 

Und auch das untere Laufband transportierte Nachrichten, die wunderbar zum Wetterbericht passen:

  • Über 65 Tausend Häuser in Finnland ohne Strom nach Sturm "Valio"
  • In Moskau bleiben etliche Stationen der "orangen Metrolinie" geschlossen
  • Ein verdienter sowjetischer Schauspieler  wird 80
  • In Sotschi findet ein Internationales Investitionsforum statt
  • Aeroflot übernimmt laufende Kosten für Transaero ((wg.Pleite - Aeroflot ist die russische Staatsairline, Transaero war ein privates Unternehmen, das als russisch-britisches joint-venture gegründet worden war.)
  • Aeroflot wird bis 15. Dez. die Passagiere von Transaero befördern
  • Obama fordert den Kongress auf, die Staatsschulden in den Griff zu bekommen
  • S&P erhöht das langfristige Rating Spaniens auf BBB+ von BBB

Daß S&P das Rating für Russland mittlerweile auf Ramschniveau gesenkt hat, erfahren die Fernsehzuschauer natürlich nirgendwo...

 

 

Und nein, Rossija 24 ist nicht der einzige Sender, der solche Wettervorhersagen macht:

Hier ist ein ähnliches Bild eines anderen Senders und man sieht sogar noch ein neckisches Detonationsfeuer.

Der bekannte russische Journalist und Autor Arkadij Babtschenko kommentiert das allerdings wesentlich drastischer und spricht von "Kriminellen", die solche zerstörerischen Operationen ausführen. Das sei das "Hass-Radio" von "Nord-Ruanda" (eine Anspielung auf den Radiosender in Ruanda, der dort den Völkermord befeuerte). Wenn die Leute ihn fragten, wieso er so sicher sei, daß Russland sich in den Abgrund bewege - genau darum.

 

 

 

Bildnachweis: viele russischsprachige Blogs

Der geniale Wladimir Kaminer kann dem wenigstens noch eine humorige - facebook - Seite abgewinnen:


Im russischen Fernsehen in den Nachrichten sind mindestens fünf Minuten der Wetterprognose in Syrien gewidmet, der Himmel klar, die Temperaturen, die Windstärke, überhaupt Oktober ist dort ein idealer Monat zum Bomben, sagte die Wettertante. Wir müssen schließlich unsere Freunde schützen, außerdem erzählt Fernsehen seit Tagen, sollte Syrien und der ganze Nahe Osten eigentlich russisch sein, wenn die Revolution nicht dazwischen käme und wir den ersten Weltkrieg nicht versaut hätten. Die uns geklauten Siege von damals holen wir jetzt schnell nach. Wenn wir mit Syrien fertig sind dann ist Ägypten dran, auch ein russisches Territorium, die neu endeckten Pyramiden mit slawischen Motiven lassen keine Zweifel daran aufkommen.


Und was ist mit der Klinik in Kundus?

 

Ich schließe mich den Medecins Sans Frontieres  - hier ist deren Statement. Es muss lückenlos und transparent aufgeklärt worden, wie es zu diesem fatalen Bombardement kam und zumindest eine angemessene Entschädigung an die Opfer bezahlt werden. Das würde die US- von den russischen Streitkräften fundamental unterscheiden. Von Russland ist eine solche Aufklärung - z.B. in Sachen MH-17 noch sehr lange nicht zu erhalten. Aber im Moment sieht es nicht so aus, als arbeiteten die US-Streitkräfte an einer transparenten Aufklärung. Die bislang veröffentlichten Stellungnahmen sind für mich nicht glaubwürdig. Leider.

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