Schwestern-Umra nach Saudi-Arabien - Teil 1

Vom 26. Dezember bis zum 9. Januar war ich wieder in Saudi-Arabien, auf umra, der Kleinen Pilgerfahrt, die dem Gläubigen weniger abverlangt als die Große Pilgerfahrt, die Hadsch.

Was ich dabei erlebt habe, berichte ich in  mehreren Folgen.

Vielleicht gelingt es mir ja, den herumwabernden orientalistisch (im Sinne Edward Saids)-kulturalistischen Memes, die gerade aktuell zu Hauf wieder durch Medien und Netz geistern, etwas entgegenzusetzen.Ich will mich nicht als Saudi-Arabien-Expertin aufblasen, die ich nicht bin - es geht um meine persönlichen Erfahrungen und die Schlüsse, die ich daraus ziehe.

Bild: eigene Aufnahme

Ich wurde eingeladen

Diese Reise, eine "Schwestern-Umra" nur für Frauen, fand dieses Jahr zum vierten Mal statt. Bezahlt hat das alles - für mittlerweile 100 Frauen - ein saudischer Sponsor, auf Vorschlag von Azizah Ahmad, der Ehefrau des deutschen Islamgelehrten Muhammad Siddiq (Wolfgang Borgfeldt), die sich mit ihrem Mann einig ist, daß man die Arbeit der Schwestern viel zu wenig würdigt und davon auch den saudischen Wohltäter überzeugt hat.

Die Schwestern: alles gestandene Frauen, die gesellschaftlich wichtige Arbeit verrichten: als Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, Programmiererinnen etc. Eine Schwester arbeitet ehrenamtlich im Gefängnis und in einem Deradikalisierungsprogramm, eine in der Personalabteilung eines Ministeriums, eine als Psychotherapeutin, wieder eine hat 18 Jahre ihren nach einem Unfall im Wachkoma liegenden Sohn gepflegt und fand trotzdem noch die Kraft sich in ihrer Moschee zu engagieren.

Als ich Ende November hörte, daß ich auch zu den Auserwählten gehöre, habe ich mich erstmal richtig erschrocken, so plötzlich kam das. Enges Zeitfenster und einiges zu erledigen: Meningitis-Impfung, Kopftuch-Photos, Arztbesuch.

 

Das Gift der Islamkritik

Bei der Vorbereitung stellte ich dann fest, daß die toxischen Memes der sogenannten Islamkritik mittlerweile auch in meinen Kopf gesickert waren: ich ließ mir per Arztattest alle Medikamente bescheinigen, die ich benötigte, um nicht in den Verdacht zu kommen, Drogen mitzuführen, was mir dann in der Tat die Hinrichtung eingebracht haben würde. 2009 hatte ich noch, auf Wunsch der deutschen Botschaft, ein Papier unterschreiben müssen, daß ich zur Kenntnis genommen hätte, daß mir bei Drogenschmuggel, auch bei kleinen Mengen, die Todesstrafe sicher sei, und daß ich dann mit keinerlei Unterstützung rechnen könne. 2009 hatte ich 7 Kilo Medikamente dabei, weil ich gebeten worden war, mich um die medizinische Basisversorgung zu kümmern, und war dabei ganz entspannt. Und jetzt fing ich an, Kopfkarussell zu fahren.

Später merkte ich auch beim Fotografieren die Schere im Kopf: Fotos von süßen kleinen Kindern im Pilgergewand habe ich mir verkniffen um keine Steilvorlage für islamkritische Giftpfeile zu liefern und auch die Erwähnung des saudischen Wohltäters habe ich mir lange überlegt. Witzisch gemeinte Kommentare von Freunden und Bekannten blieben mir auch nicht erspart: ob ich mich als Truppenarzt beim IS beworben hätte, ob ich auch zu einer kleinen Steinigung eingeladen würde oder wenigstens zu einer Enthauptung, und auch der Gag mit nach Gewicht für Kamele eingetauscht wurde reanimiert. Man meinte das nicht böse, sondern fand es einfach lustig.

Das waren die wohlmeinenden Kommentare - was die Islamkritiker, also die weniger Wohlmeinenenden zu sagen haben, möchte ich mir jetzt nicht vorstellen.

"Man wird ja wohl noch sagen dürfen"? Wir Muslim*innen zur Zeit sicher nicht...

 

Es geht los

Am 25.12. bin ich zunächst nach Frankfurt gefahren, habe mich für eine Nacht ins Hotel eingemietet und bin dann am nächsten Morgen am Counter von Saudia erschienen.

Ich war überrascht und erfreut, als ich in der Reisegruppe nicht nur Schwestern entdeckte, die ich im Wesentlichen nur via Internet kannte, sondern auch eine liebe Schwester, die ich seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir waren uns relativ schnell einig, daß wir zusammen in ein Zimmer ziehen wollten.

Ich muss ja jetzt immer mit meinem CPAP-Atemgerät reisen. Dafür habe ich auch eine Zolldeklaration, bei der unter Anderem steht, daß das Gerät keinen Sauerstoff benötigt. Ich wurde von der Selbsthilfegruppe vorgewarnt, daß man das Gerät vermutlich auf Drogen und Sprengstoff screenen würde und das bis zu einer Stunde dauern könne. Von Soultreat, der Agentur, die Muhammad Siddiq gehört und die die Reise durchführte, war vorher abgeklärt worden, daß Saudia das ganz entspannt sehe. Laut Mietvertrag bin ich verpflichtet, das Gerät im Handgepäck mitzuführen. Die sahen das wirklich entspannt, doch dann:

"Ist das Gerät flugzeugtauglich?"

Darauf konnte ich erstmal nicht wechseln. Vorgesetzten geholt und irgendwie fand man dann die Stelle, aus der die Flugzeugtauglichkeit hervorging.

Ehrlicherweise muß ich hier schon einräumen, daß ich physisch schon hier reichlich überfordert war.

Nach dem Check-in gingen wir erstmal zum Beten. Der Frankfurter Flughafen hat eine kleine, feine, an den Iran erinnernde Moschee, aber auch andere Gebetsräume. Etwas nach 16:00 flogen wir ab, und um 23:00 Ortszeit kamen wir auf dem Prinz-Muhammad bin Abdulaziz-Flughafen von Medina an.

Bildnachweis: Bild 1-4: eigene Aufnahmen. Bild 5: By Imam Khairul Annas - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31159952

Der seit 1950 bestehende Flughafen wurde unlängst für 1,2 Milliarden Dollar modernisiert und erweitert und 2015 von König Salman wiedereröffnet und hat 2015 bereits 5,8 Millionen Passagiere abgefertigt.

Wir wurden zügig in den Bus verfrachtet. Als ich die Beschreibung der Unterkünfte gelesen hatte, "Privatwohnungen", ausserdem die Bitte, genügend Handtücher mitzubringen, denn es gebe "keinen Hotelservice", hatte ich mit einer Wohnung ziemlich am Stadtrand, Shuttle-Bus, Ful (Bohnenbrei) und Matten auf dem Boden gerechnet. Als wir die Medinenser "Privatwohnungen" sahen, verschlug es uns ziemlich den Atem: wenn wir aus dem Haus gingen, war die Prophetenmoschee keine 50 m entfernt! Und was die Verpflegung betraf - ein paar Eindrücke sind unten zu sehen.

 

Die Prophetenmoschee ist seit meinem letzten Besuch ganz erheblich erweitert worden. Auch die legendären Schirme von Bodo Mahmud Rasch (über ihn wird noch berichtet) sind zahlreicher. Und ich fand mich wesentlich schlechter zu Fuß als 2009. Deswegen die Nordic-Walking Stöcke, die allerdings nicht zum Einsatz kamen - sie wären auf dem Marmorboden weggerutscht. Ohne den unermüdlichen Einsatz der Schwestern hätte ich das alles nicht geschafft.

Wird fortgesetzt

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