Srebrenica, die Säule der Schande und das Flugblatt von Istanbul

Diesen Artikel wollte ich eigentlich erst am 12. Juli, dem Jahrestag des Srebrenica-Massakers, posten. Doch im Lichte der irritierenden Aktion des Zentrums für Politische Schönheit, deren Sinn ich nicht verstehe, poste ich ihn heute schon, damit das Gedenken an die Opfer von Srebrenica nicht in einer Auseinandersetzung über die Istanbuler Flugblattaktion untergeht. Mit dieser Aktion, genau wie die mit den Flüchtlings-beerdigungen und den Kreuzen haben sich die Aktionskünstler einen Ruf erworben, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann... Hier soll an Srebrenica und an das Projekt aus dem Jahr 2010 erinnert werden, aber auch die Aktion in Istanbul kritisch bewertet werden. 

Bildnachweis: stubsrama.com, pillarofshame.eu

 

De Doofpot

Mittlerweile sind die Balkankriege der 90er Jahre von uns so weit entfernt, daß man für die Meisten die Ereignisse wieder ins Gedächtnis rufen muss…
 
2002 bereitete ich mich mit Hilfe eines niederländischen Zeitungsportals auf eine Prüfung am Bundessprachenamt vor. Es knallte in den Niederlanden wegen Srebrenica und letztendlich hat es die Regierung vom Stuhl gefegt. Alle Zeitungen waren voll vom Thema Srebrenica, und der Ausdruck, der da am häufigsten vorkam war: "de doofpot". Etwas da hineinzupacken, -zustecken, -zustopfen, wird auf Deutsch am besten wiedergegeben mit: „unter den Teppich kehren“. Und das, was unter den Teppich gekehrt worden war, war wahrlich heftig: Anfang der 90er hatte sich der damalige Bundeskanzler Kohl in dem Sinne geäussert, daß niemals ein deutscher Soldat auf dem Balkan stationiert werde - um der Geschichte willen. Was letztendlich daraus geworden ist, ist eine andere Geschichte. In den Niederlanden brach eine heftige Pressekampagne los: Wenn die Deutschen das nicht hinkriegten/hinkriegen wollten, seien die Niederlande in der Pflicht. Letztendlich ging der Auftrag an die Niederlande - trotz erheblicher Bedenken auch von Verantwortlichen - mit dem bekanntem Ergebnis. Die Soldaten standen als Feiglinge da und deren Kommandeur als Vollidiot. 
Lange stand eine Dokumentation über die Abschlussübung im Netz, die unter anderem zeigte, daß die Niederlande den Auftrag übernahmen, ohne sich zu fragen, warum andere Nationen ihn nicht haben wollten und Kanada ihn zurückgegeben hatte, aber auch erste Zweifel an Oberstleutnant Karremans weckte…
 

 

Die Veröffentlichung des NIOD-Repots stürzte die Regierung

Die Politik hatte sich von den Medien vor sich hertreiben lassen und schon zu Anfang durch nachlässiges Verhandeln mit den Vereinten Nationen keine schweren Waffen mitgebracht und keine Luftunterstützung abgesprochen – all dies ist nämlich von Einsatz zu Einsatz unterschiedlich.
Die Niederländer waren von den Serben gezwungen worden, bei der Selektion der Opfer - anders kann man das nicht bezeichnen - zu helfen. Bis 2006 hat niemand die Soldaten vom Vorwurf der Feigheit entlastet, und die Sozialstatistik war desaströs:
  • überdurchschnittlich viele schafften nach Ende ihrer Dienstzeit den Übergang ins Zivilleben nicht,
  • überdurchschnittlich viele waren traumatisiert und benötigten überdurchschnittlich lange Therapien,
  • überdurchschnittlich viele wurden kriminell,
und die militärische Führung hatte nach der Rückkehr 1995 bis zum großen Knall 2002 nicht mit den Soldaten gesprochen. Die Veröffentlichung des Reports blies die Regierung aus dem Sessel.
Download
Der Srebrenica-Report
Die englische Übersetzung des Srebrenica-Reports. 4000 Seiten, die mit vielen Vorurteilen und Mythen aufräumen.
srebrenicareportniod_en.pdf
Adobe Acrobat Dokument 25.6 MB

Bei diesem Herrenmenschen-Ton gewinnt man eine Vorstellung, wie Mladic sich im niederländischen Compound aufgeführt hat.

Auch diese Show soll von Mladic befohlen worden sein, der so stets die Herrschaft über die Bilder für die Medien hatte. Wie im NIOD-Report nachzulesen, hatte er Karremans angewiesen, sicherzustellen, daß keiner der niederländischen Soldaten im Compound fotografiert, und dazu sämtliche Kameras einzusammeln. Die Serben hatten nämlich gerade angefangen, in einem Haus im Compound Menschen zu ermorden.
Ein mutiger Leutnant hat trotzdem fotografiert und es ist ihm gelungen, den Kleinbildfilm - damals waren Digitalkameras noch nicht verbreitet - den eingetüteten Film mit 100 $ einem Einheimischen in die Hand zu drücken. Der hat den auch zur Post gegeben (den Rest des Geldes durfte er behalten), doch dann ... im Verteidigungsministerium wurde er beim Entwickeln zerstört. Rein versehentlich, natürlich.

 

"Ein Stück Anerkennung" für die Soldaten

Im Dezember 2006 traten die Soldaten zum letzten Mal an und bekamen einen speziell für diesen Anlass gestifteten Orden, „ein Stück Anerkennung“, was - nicht nur - bei den Angehörigen der Opfer Verbitterung auslöste. Die Trouw schrieb in einem Artikel (leider nicht mehr im Netz aufrufbar) seinerzeit dazu:

 
„Verwandte und Überlebende des Massenmordes von Srebrenica sind geschockt und verbittert über den Beschluss des niederländischen Verteidigungsministeriums, die Soldaten des Dutchbat III auszuzeichnen.
'Irrsinnig und unverständlich. Bedeuten 8.000 Opfer denn garnichts?' fragt Muska Begovic-Omerovic. Ihr Großvater, Vater und Bruder waren im Juli 1995 durch Soldaten des Bosnisch-Serbischen Heeres ermordet worden. Das niederländische UN-Bataillon hatte die Morde nicht verhindern können. Begovic: 'Und dann gehen sie gleich mit einer Medaille nachhause und dem Gefühl, wir haben alles richtig gemacht. Das ähnelt dem kommunistischen Regime sehr, das wir vorher hatten.'
Wie der Interkirchliche Friedensrat sagt, steht diese Auszeichnung in schrillem, peinlichem und verstörendem Kontrast zu der Art und Weise, mit der in den Niederlanden sonst mit den Opfern und ihren Verwandten umgegangen wird. Es bestätige, daß die Niederlande im Moment mit sich selber beschäftigt seien, sagte ihr Sprecher Dion van den Berg.
Verteidigungsminister Kamp hat entschieden, ihnen ein spezielles Abzeichen "Dutchbat III" zuzuerkennen, "in Anerkennung der Verdienste der 850 Soldaten, die sich in mühevollen Umständen nach Ehre und Gewissen betragen und lange Zeit zu Unrecht in negativem Licht gestanden haben.
Die Veteranen sind glücklich. Nach Jahren der Entehrung folgt nun die öffenliche Anerkennung, daß "wir taten, was uns erlaubt wurde und was in unserer Macht stand. Die Rolle des Bataillons wurde 2002 bereits vom NIOD differenziert dargestellt, doch die Auszeichnung wiegt schwerer."
Hasan Nuhanovic, damals Übersetzer des „Dutchbat“, reagiert gelassen auf den Bericht: 'Ich habe keinen niederländischen Soldaten gesehen, der etwas getan hat, für das er eine Medaille verdient hätte. Es gibt jedoch einige Offiziere, die strafrechtlich verfolgt werden müssten. Nuhanovic versucht, vom niederländischen Staat Schadensersatz für den Tod seiner Eltern und seines Bruders zu bekommen, die im Juli 1995 die niederländische Basis Potocari hatten verlassen müssen.
Minister Kamp wird die Auszeichnungen am 4. Dezember (2010) in Assen verleihen. Das MInisterium bezahlt den Soldaten und Veteranen die Reisekosten. Auch dann wenn sie aus dem Ausland anreisen müssen.“

Ich denke, es war wichtig, auch den traumatisierten, verratenen Soldaten zu zeigen, daß es an ihnen nicht gelegen hat - der erste Schritt zur Heilung eines Traumas, übrigens. "Gelegen" hat es an der politischen und militärischen Führung. Die Führung hat sich übrigens nach dem Einsatz zunächst bestätigt, alles richtig gemacht zu haben und sich mit Beförderungen und förderlichen Verwendungen belohnt. Ohne den Einsatz des renommierten NIOD, das nach dem II. Weltkrieg gegründet worden war, um das Ausmaß der Kollaboration mit den Deutschen in den Niederlanden zu untersuchen, wäre der Skandal unter dem Teppich, in de Doofpot, geblieben.

 

Lügen, Kleinreden, Verschweigen

 Der hier erwähnte Dolmetscher Nuhanovic strengte einen Zivilprozess gegen die Niederlande an, da seine Schutz suchenden Familienangehörigen von den Niederländern in den sicheren Tod geschickt worden seien. Diesen Prozess verlor er 2008 endgültig. - Womit ich zu den Angehörigen überleite: bei jenem Prozess in Den Haag lautete das Urteil, mit dem die Klage der Angehörigen abgeschmettert wurde, zwar:

 

"Die Handlungen und Unterlassungen von Dutchbat müssen strikt nur den Vereinten Nationen zugeschrieben werden“,

und weiter, wie WELT online 2008 berichtete:

„In ihrer mehr als halbstündigen Urteilsbegründung verloren die Richter keinen Satz über die Opfer.“

Die Opfer…

Laut den Untersuchungen von NIOD und anderen verläßlichen Quellen betrug die Opferzahl zwischen 7.000 und 8.000, absolut unbestreitbare Untergrenze ist  – durch DNA-Untersuchungen – belegt, die Zahl von 6,186.

 

Aluhüte und andere Leugner

Am 27.5. 2005 stand im Blog der seinerzeit noch hochgeschätzten Islamkritikerin Ayaan Hirsi Magan, aka Ali, aka Ferguson, über den Nuhanovic-Prozess steht mit der Überschrift: Mladic sagte, die Niederlande bekommen in zehn Jahren“ also 2005, ebenfalls  „Gedöns“ mit den Muslimen. Man habe sich das viel zu lange angesehen und endlich die dringend notwendige Lösung herbeigeführt. Was die Fankurve im Kommentarbereich verständnisvoll kommentiert: 

Möglicherweise hätten die Muslime die Serben zum Wahnsinn getrieben - die könnten sowas, und ein angeblicher „ex-Dutchbatter“ schreibt, Muslime seien alle „ins Gesicht freundlich“, doch, wenn man sich umdrehe, habe man ein Messer im Rücken, er wisse, wovon er rede. Mittlerweile ist das Blog anscheinend offline gestellt und der Eintrag nicht mehr zugänglich und auch über die wayback-machine nicht mehr aufrufbar. 

Kein Verständnis habe ich für die Relativierungen von z.B.Jürgen Elsässer und dem was die  „Arbeiterfotografie“ so schreibt. Zu Elsässer sage ich nichts weiter, zur Arbeiterfotografie auch nicht. 

Das serbische Parlament hat zwar mittlerweile eine Resolution verabschiedet, die ebenfalls von einer Zahl von 8.000 Opfern ausgeht, doch auch hier werden die Leugner und Relativierer wieder aktiver.

 

Die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit

Bis heute wurde keine „Gerechtigkeit zu den Opfern“ gebracht: zwar wurden einige Kriegsverbrecher*innen verurteilt (von denen ein Teil mittlerweile seine Strafe abgesessen hat und sich auf freiem Fuß befindet), doch die Opfer wurden bis heute nicht einmal symbolisch anerkannt und entschädigt.

 

In diese Wunde hat das Zentrum für Politische Schönheit 210 den Finger gelegt und das Projekt "Säule der Schande" ins Leben gerufen, das 2010 auch in Berlin vorgestellt wurde.

Auch die Aktion "die Toten kommen" fand ich richtig und wichtig, die Aktion "Flüchtlinge fressen" ebenfalls. Hier ist eine Zusammenfassung der bisherigen Aktionen und eine Vorstellung der Aktion Scholl 2017:

Download
Das Istanbul-Flugblatt
Der deutsche und türkische Text des gestern mittels ferngesteuertem Drucker in Istanbul verteilten Flugblatts.
Das_Flugblatt.pdf
Adobe Acrobat Dokument 174.8 KB

Die Aktion in Istanbul halte ich für bedenklich und die Berufung auf die Geschwister Scholl für unanständig. Die Geschwister Scholl haben bei ihren Aktionen nicht auf Vollkasko gesetzt, sondern sich auch den persönlichen Konsequenzen gestellt. "Geschwister Scholl" wäre gewesen, die Flugblätter persönlich auf der Straße zu verteilen.
Und im Kopf Flugblätter in Russland verteilen? Meine Güte...

Allerdings halte ich eine Aktion, die in der aktuellen, schwierigen Beziehungslage zwischen Deutschland und der Türkei zur Ermordung Erdogans aufruft, für gelinde gesagt, fragwürdig und verantwortungslos. Damit hat sich das Zentrum für politische Schönheit keinen Gefallen getan.