Brot und Böller - eine deutsche Debatte

Jedes Jahr geht die Debatte über das Silvesterfeuerwerk wieder los, und die Spaßbremsen fliegen tief. Dieses Jahr verstiegen sich sogar einige Musliminnen dazu. Feuerwerk als "unislamisch" zu geißeln. Mich erinnert das an den Witz, nachdem ein Katholik sündigen darf, gesetzt den Fall, er beichtet, ein Protestant, gesetzt den Fall er fühlt sich schlecht dabei.

Bildnachweis: diverse Internetquellen. Ein "mobilisierter" Soldat hat seinem Dackel, der Anfang August 1914 ihn auf dem Weg zum Zug an die Front begleitet, als Ausdruck der vaterländischen Begeisterung eine Pickelhaube aufgesetzt.

 

Eine deutsche Debatte

Die Art und Weise, wie die Debatte um die Knallkörper geführt wird, kommt mir so deutsch vor, wie der Dackel mit der Pickelhaube. Kaiser Wilhelm II mit Pickelhaube war nicht nur die Symbolfigur des preußisch-deutschen Militarismus, sondern auch ein großer Dackelliebhaber: sein Lieblinghund, der Rüde Erdmann, wusste, zur Freude von Es-Emm sehr possierlich strammzustehen. Es-Emm kümmerte sich, wie man sieht, persönlich darum, daß Erdmann eine tadellose Haltung annahm.
Außerdem war "The Kaiser" Herr der evangelischen 
Unierten Kirche in Preußen, einem Zusammenschluß von Lutheranern und Calvinisten. Woanders waren und sind andere "reformierte" evangelische Konfessionen in einer Landeskirche "uniert. Die "reformierten" waren überall ein wenig strikter als die Lutheraner, sozusagen die evangelischen Salafisten. Das Markenzeichen einiger von ihnen war der Bildersturm.

Was das miteinander und mit der Feuerwerksdebatte zu tun hat?

Die Art und Weise, wie die Debatte um die Knallkörper geführt wird, kommt mir so deutsch vor, wie der Dackel mit der Pickelhaube. Kaiser Wilhelm II mit Pickelhaube war nicht nur die Symbolfigur des preußisch-deutschen Militarismus, sondern auch ein großer Dackelliebhaber: sein Lieblinghund, der Rüde Erdmann, wusste, zur Freude von Es-Emm sehr possierlich strammzustehen. Außerdem war "The Kaiser" Herr der evangelischen Unierten Kirche in Preußen, einem Zusammenschluß von Lutheranern und Calvinisten. Evangelischer als evangelisch, mithin, echte Spaßbremsen, christliche Salafisten.

Bildnachweis: Es-Emm, der Kaiser, freut sich, wie stramm Dackelrüde Erdmann Männchen macht. Diverse Quellen im Internet.

 

 

...Hauptsache, er fühlt sich schlecht dabei...

Und, um den Böllernden die Böllerei so richtig zu vermiesen, muß man seine Argumente natürlich nicht rational, sondern mit vorwurfsvollem Unterton vortragen. Kompromissvorschläge stören da nur. Ach ja, und eine Petition ist nie verkehrt, oder am Besten gleich mehrere.

Immer gerne genommen werden "die Tiere", hier namentlich die Haus- und Schmusetiere. Ja, okay. Herrchen und Frauchen müssen sich um die Tiere kümmern, wann die Tiere es brauchen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, daß die Dackel (jaja...) meiner Eltern immer in den Arm genommen wurden, was das ganze Problem erheblich minderte. Und die Katzen, die mich in ihrer Studentenbude mitwohnen lassen - sie sahen das so, und erwarteten, daß ich mich entsprechend verhielt - fanden es cool, das Silvesterfeuerwerk vom Dach meiner Mansardenbude zu beobachten. Probleme gab es nur einmal, als wir nicht gleich bemerkten, daß der Kater, Hannibal mit Namen, zugedröhnt auf dem Dach balancierte, ausrutschte und ich ihn gerade noch zu fassen kriegte, was ihn doch sehr empörte.

Und Kinder!

Im vergangenen Jahr hat der kleine Tim aus Wasseralfingen eine Petition gestartet, und gar "von der Bundesregierung gefordert". Und Angela Merkel hat nicht reagiert. Schon wieder! Danke, Merkel! Tims Mama ist noch was völlig Geniales eingefallen: "Es macht den Flüchtlingen Angst..." Wenn die AfD und sonstige Besorgties das hören fordern die demnächst eine Feuerwerkspflicht.

 

Die Umwelt, die Singvögel... Die sind im Winter zwar zu großen Teilen in Afrika, aber egal. Schließlich bleibt der Eichelhäher hier. Es steigt die Feinstaubbelastung zwar umbestritten, aber wie Spiegel-Kolumnist Christian Stöcker in dieser sehr lesenswerten Kolumne schrieb:

Wer also ein schlechtes Gewissen hat wegen der einmaligen Feinstaubbelastung, der möge doch bitte zum Ausgleich ein paar Monate mit dem Rad statt dem Auto zur Arbeit fahren. Das ist gesund, gut für die Umwelt und verhindert ebenfalls Lärm, und zwar viel nachhaltiger.

Eben. und dann kann und sollte man gleich viele wunderbare Petitionen für die Erweiterung der Radwege starten, sogar an "die Bundesregierung".

Also, auch wenn das Ärzteportal Univadis ("informativ, unabhängig, relevant") den Verzicht auf Feuerwerk unter Berufung auf das Umweltbundesamt zum medizinischen Gebot hochjazzt - Leute, es handelt sich um einen verdammten Tag im Jahr! Kümmert Euch lieber mal um Kohlekraftwerke und das Dieselproblem!

 

Unfälle: Natürlich kann unsachgemäßes Hantieren zu schweren und schwersten Verletzung führen, wie es dieses Jahr auch wieder passiert ist. Sofern es Erwachsene betrifft: es sind auch schwerste Verletzungen von Bengalos bei Fußballspielen beschrieben. Und mit denen, die, trotz jahrelanger wiederholter Warnung immer noch mit Polenböllern zündeln, habe ich kein Mitleid. Und was die Verletzungen von Kindern betrifft: wo waren die Eltern? ich jedenfalls habe während meiner mehr als 25-jährigen, behandelnden ärztlichen Tätigkeit nur eine schwere Verletzung gesehen.

 

Das deutscheste Argument

VERSCHWENDUNG!!! Jawoll!!! Für etwas das Spaß macht, Geld auszugeben, wo kommen wir denn da hin. "Ein Zentralfeuerwerk" soll es maximal sein - also zurück zu höfischen Traditionen, also. Hingegen schrieb der "Verband der Pyrotechnischen Industrie in einer lesenswerten Pressemitteilung (sie beschreibt nämlich auch die Geschichte des Feuerwerks):

Von einem illustren Ereignis für den Adel hat sich das bunte und lautstarke Spektakel am Firmament mittlerweile demokratisiert. Für die Masse der Pyro-Fans werden Feuerwerksfestivals rund um den Globus veranstaltet, die Millionen von Zuschauern faszinieren. Zu den bekanntesten zählen das Feuerwerksfestival von Cannes, bei dem seit 1998 jedes Jahr Feuerwerker aus der ganzen Welt gegeneinander antreten, oder das "Malta International Fireworks Festival". In Heidelberg steht alljährlich das weltberühmte "Schloss in Flammen", dazu wird auf der nicht minder bekannten, 1788 eröffneten "Alten Brücke" über den Neckar ein Feuerwerk abgebrannt, das hunderttausende Zuschauer, die an den Gestaden des trägen Flusses lagern, regelmäßig begeistert.

Dieser Abschnitt ist überschrieben mit: "Weltweite Begeisterung" die wir hier mit einem Video einiger heutigen Feuerwerke.

 

Und auch eine Pressemitteilung der "Aktion 3.Welt Saar" aus 2014 bringt es auf den Punkt:

„Auffallend ist, dass die Kritik am Silvesterfeuerwerk erst dann ansetzt, wenn ‚die breite Masse’ Raketen zündet, nicht aber am Feuerwerk der Besserbetuchten, beispielsweise nach Klassik-Open-Air-Konzerten, bei ‚Rhein in Flammen’ oder bei der offiziellen Feier in Saarbrücken am Vorabend (13.7.)  des Jahrestages der französischen Revolution“...

und weiter:

Der unterstellte Zusammenhang zwischen dem Silvesterfeuerwerk sowie Hunger und Armut in der Welt ist beliebig gewählt und existiert nicht. Genauso gut könnte man dazu aufrufen, keine Weihnachtsbäume, Smartphones, Bücher oder Jogginganzüge zu kaufen, keinen Wein zu trinken oder Fußballspiele ausfallen zu lassen. „Der Einsatz für Gerechtigkeit und Solidarität führt ins Leere, wenn er mit einer Leidensmiene und dem moralischen Zeigefinger einher geht“...

Mit "Leidensmiene" und "moralischem Zeigefinger" sowie dem "Appell an das schlechte Gewissen", das dieser Text so richtig beschreibt, schließt sich für mich der argumentative Kreis:

...Hauptsache, er fühlt sich schlecht dabei...

Für mich nicht zufällig haben evangelische Organisationen diese Aktion ins Leben gerufen, nicht zufällig wird sie vom evangelischen Hilfswerk "Brot für die Welt" gepuscht. Textprobe:

"Kaufen Sie weniger Böller und spenden Sie Saatgut. Helfen Sie Menschen, sich selbst zu ernähren! 133 Millionen Euro haben Menschen in Deutschland 2016 für Silvester-Feuerwerk ausgegeben. Das ist eine ordentlich große Investition! Ein ganz kleiner Teil dieses großen Betrages würde reichen, um das Leben eines anderen Menschen besser zu machen. Teilen macht Freude – und teilen können wir schon durch einen bewussten Einkauf."

 

Falls sich jetzt schon jemand richtig schlecht fühlt - es gibt Hoffnung! (Sekt) saufen für Afrika!

Die evangelische und katholische Jugend Münchens bietet auf ihrer Website einen Sekt aus dem Elsass an, ein Teil des Verkaufserlöses fließt in Projekte in Afrika. Man kann Sekt trinken und tut gleichzeitig was für ein gutes Gewissen. Sehr ordentlich!

Die verlinkte Spiegel-Kolumne weist zurecht darauf hin, daß sich noch niemand über die fünfmal so hohen Ausgaben für Weihnachtsbäume beschwert hat und nimmt an, daß das damit zu tun habe, daß Weihnachten ein kirchliches, Silvester hingegen ein säkulares Fest sei.

Ist das Böllern denn wenigstens unislamisch?  An der Universität Edirne, seiner Geburtsstadt, hat man sich mit dem Alltag unter Sultan Mehmet Fatih, dem Eroberer von Byzanz, auch bei Hofe beschäftigt, und festgestellt, daß der Sultan am 25. Mai 1457, also vier Jahre nach der Eroberung Konstantinopels, die Beschneidung seines Sohnes erstmals mit Feuerwerken feierte, die einen Monat lang jeden Abend entzündet wurden. ich denke schon, daß an arabischen Fürstenhöfen ähnlich verfahren wurde. Islamweb, eine Website mit islamisch-konservativem Hintergrund hat die Frage so beantwortet, daß Feuerwerk erlaubt sei, solange damit niemand verletzt wird und solange man sich nicht finanziell übernimmt. Daß man darauf achtet, sollte selbstverständlich sein.

In Dubai hat man offenbar auf die Brände vom vergangenen Jahr - die allerdings nichts mit dem traditionellen bombastischen Feuerwerk am Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt zu tun hatten - reagiert und in diesem Jahr erstmals eine Lasershow gezeigt, die sich sehen lassen kann. Einfach genießen. Bei uns wäre das glaube ich nicht möglich. Sie wissen doch. Verschwendung...

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