Mein Weg nach Mekka - Teil 4

Ich las "den Koran", in der Ausgabe von Goldmann und fühlte mich auf einmal angesprochen. Danach kaufte ich mir Bücher von Scholl-Latour und Konzelmann, die ich damals noch für Experten hielt. In einem der Bücher wurde das Islamische Zentrum München-Freimann erwähnt, wie ich meinte, freundlich. Ich beschloss, dort hinzufahren. Später habe ich diese Buchstelle nochmal gelesen.Sie war absolut nicht freundlich. Jedoch brachte mich genau diese Buchstelle dazu, an einem heißen Freitag im August spätabends von Düren-Birkesdorf nach München zu fahren.

Bildnachweis: islamisches Zentrum München

 

Mit dem Lama ins Bett?

Jetzt wird es rational nicht mehr erklärbar. Ich las weiter in meiner Koranübersetzung. An einem heißen Freitag im August hatte ich auf einmal das Gefühl, ich muß sofort nach München. Sofort! Von Düren-Birkesdorf nach München. Nachts. Ich rief eine Aachener Freundin an, die aktuell in München-Freimann eine Wochenendweiterbildung absolvierte  und bat sie, mir den besten Weg nach München-Freimann zu beschreiben.

"Komm morgen früh zum Frühstück, dann gucken wir zusammen in den Atlas..."

Ich: "Du, ich muss SOFORT nach München".

Sie: "Sofort? Wir haben fast 23:00 - Was ist los? Geht es um einen Lover?"

Ich: "Nein."

Sie: "Worum geht es dann?"
Ich: "Sag ich Dir nicht."
Sie: "Dann sag ich Dir nicht, wie Du nach München kommst."

Das wollte ich nun doch nicht riskieren, also:

"Ich will mich in der Moschee in München-Freimann über den Islam informieren..."
Sie: "Um Gottes Willen, drehst Du jetzt vollkommen durch? Also, bevor Du so in Din Unglück rennst, also ich kenne da noch ein paar Freimaurer..."

Ich: "Nein!"
Sie - letzter Versuch: "Ich kenne auch einen Lama, der v*** immer seine Schülerinnen, der gefällt Dir bestimmt..."
Ich: "Nein! Ich will nach München, jetzt!"

 

Verschleierung à l'Italiana

Okay, sie sagte mir dann den Weg, A4, dann A3 und ich fuhr los. Nein, ich fuhr noch nicht los, erst galt es mal, das richtige Outfit zu wählen, bzw. das, was ich mir so vorstellte. Schwarzes, unter dem Kinn gebundenes Kopftuch, schwarzgrundiges klein geblümtes, wadenlanges Kleid, eine schwarze Winterstrumpfhose, schwarze Strickjacke. Und das im heissen August.Ich sah aus wie eine italienische Großmutter. Gegen Mitternacht fuhr ich dann los. Stoßgebet: "Oh, Herr, wenn das mein Weg ist, dann komme ich heil an..." Ich war damals wegen exzessiven Tabakkonsums nämlich ziemlich nachtblind.

 

In München

Morgens um 8:00 war ich dann in München. Erstmal im Hauptbahnhof  ordentlich gefrühstückt, und dann fand ich die Moschee. War es nicht so, daß Frauen die Moschee verboten war? Irgendwas hatte ich doch irgendwo gelesen. Schließlich kam mir ein freundlicher Türke entgegen: Jeans, Lacoste-Polohemd.

"Kann ich Ihnen helfen?" -

Ich: "Ich wollte mich über den Islam informieren..."

Er: "Da sind Sie bei mir richtig, Ich bin hier der Imam."
Äh, was? Imam? Hatten die nicht Turbane, lange Bärte und lange wallende Mäntel, ich meine, Khomeini, und so? Offensichtlich nicht. Der Imam lud mich ein und ich habe ihm eine Menge Fragen gestellt. Dann kamen  einige Mitglieder des Moschee-Vereins-Vorstands dazu. Wir tranken Tee und ich bohrte weiter. Schließlich machte jemand den Vorschlag, ich könne mich doch am anstehenden Gebet beteiligen. Ich war auf der Frauenempore, ein kleines türkisches Mädchen zeigte mir, was ich zu machen habe. Ich wusste natürlich überhaupt nicht, worum es ging, aber es fühlte sich auf einmal richtig an. Ich bin am gleichen Tag die 650 km zurückgefahren. Mit Rollgriff habe ich das Bücherregal der Moschee leergeräumt und für 600 DM Bücher gekauft.

Bildnachweis: islamisches Zentrum München

Zuhause habe ich dann gelesen, gelesen, gelesen. Zwei Bücher habe ich jeweils bis spät in die Nacht in einem Sitz gelesen: "Der Weg nach Mekka" von Muhammad Asad, des Rabbinersohns Leopold Weiss aus Lemberg, damals Habsburger Reich, und der russischen Aristokratentochter Isabelle Eberhardt. Über das Leben von Eberhardt habe ich andernorts schon geschrieben, in dem ausgezeichneten Blog "lemondedekitchi habe ich, als Teil einer Serie von exzellenten Frauenportraits dieses Portrait über sie gefunden. Auch die anderen Portraits, wie das gesamte Blog sind äusserst lesenswert. Muhammad Asad ist mittlerweile für verschiedenste Gruppen zur Ikone geworden. Österreich zählt in zum nationalen Erbe (er wurde in Lemberg/Lwiw geboren, als diese Stadt noch zum  Habsburger Reich gehörte), die Frankfurter Runschau ist stolz darauf, daß er als Journalist für sie geschrieben hat, Pakistan, daß er ihr erster Botschafter bei den Vereinten Nationen war, Saudi-Arabien, daß er dort gelebt und gelehrt hat. Als es ihm in  Saudi-Arabien zu eng wurde, übersiedelte err nach Spanien, wo er 1992, also mit 92 Jahren starb. Auch als Muslim war er stolz auf seine jüdische Herkunft. Als er einmal von einem anderen Muslim beschimpft wurde, er sei trotz Übertritt zum Islam immer noch der  verdammte rabbinische Jude geblieben, soll er geantwortet haben, "ja, stimmt. Und darauf bin ich stolz. Die haben alle denken gelernt."

Nachdem ich die Biographien der Beiden gelesen hatte, wusste ich, ich bin auf dem richtigen Weg. Drei Monate später habe ich in München die Shahada gesprochen:

 

 

  لا إله إلا الله
 ,محمد رسول الله

 

"Es gibt keinen Gott ausser Allah und Muhammad ist sein Prophet."

Kommentar schreiben

Kommentare: 0