Die Symbolik der Tierschwänze Teil 1

Der Schamanismus ist eines der ältesten Heilsysteme der Menschheit. Schamanen waren die Seelenführer, Priester und Ärzte ihrer Stämme, und werden vielerorts auch heute noch aufgesucht - sei es, weil man ihnen mehr vertraut, als westlicher Medizin, sei es, weil man sich westliche Medizin schlicht nicht leisten kann, oder einfach keinen Zugang dazu hat.

Die Überreste schamanischer Praktiken finden sich auch in den Weltreligionen - so zum Beispie finden sich Überreste der schmanistischen Bön-Religion im Tibetischen Buddhismus und im zentralasiatischen Islam, z.B. in der Tradition der Naqshbandiya, finden sich ebenfalls schamanistische Elemente.. Die Scheichgräber der Nashbandiyya habe ich 1996 besucht. Sie sind heute wesentlich prachtvoller.
Die Geschichten aus Tuva wurden mir 1997 zur Verfügung gestellt.

 

Ein wesentliches Element des zentralasiatischen Schamanismus ist die Symbolik der Tierschwänze. Diese Symbolik ging über Dschingis Khan sowohl in die muslimischen als auch buddhistischen Gesellschaften Eurasiens ein. Ich habe Geschichten aus Tuwa gesammelt und in Usbekistan fotografiert.
Die Symbolik der Tierschwänze findet man auch dort, wo man sie nicht vermutet: in den Schellenbäumen der Militärmusik und den Dienstgradabzeichen der Generale. Dschingis Khan führte als Erster
 die Feldzeichen mit Yakschwänzen ein und an der Anzahl der angebrachten Yakschwanzpaare sah man den Rang des Heerführers.

"Buntschuk" am Grab eines Sufi-Scheichs. Solche Stangen werden an Gräbern wichtiger Personen aufgestellt. Bildnachweis: eigenes Archiv. Grab des Naqshbandi-Scheichs Baba Sammasi.

Wölfe

Tierschwänze symbolisieren bis heute die Krafttiere, die die Schamanen des Stammes anrufen konnten und die zugleich die Krafttiere des Stammes oder Clans waren. - am bekanntesten ist der Graue Wolf, der in den deutschen (Wolf/Wolff), englischen (Woolf) russischen (Wolkow), spanischen (Lopez) oder portugiesischen Familiennamen (Lobo) weiterlebt, leider auch in rechtsextremen/faschistischen Zusammenschlüssen wie den turkischen Grauen Wölfen (Bozkurtlar) und den russischen Nachtwölfen (Notschnyje Wolki - ночные волки). 
Die Kraft der Tiere machte man sich im kollektiven Verspeisen von Hoden zu Nutze mit dem Ziel, sich die Potenz und Lebenskraft des erlegten Tieres anzueignen und die Möglichkeirt der Wiederauferstehung zu fördern. 

Bildnachweis: europosters.de

Die Osmanen übernahmen die mongolischen Feldzeichen und zum Theil auch die Systematik Dschingis Khans: ( 2x) vier Schweife standen nur dem Herrscher zu, (2x) drei Schweife dem Großwesir, (2x) ein Schweif den Wesiren. Die Generäle (Paschras) wurden unterschieden nach) ein schweif, zweischweif-, dreischweif-Paschas. Die moderne Entsprechung wären die Schellenbäume der Militärmusiker, die und die abgestuften Generalsränge, die man an den Sternen auf der Schulter ablesen kann. 

Da manche Sufi-Orden auch militärisch eingebunden waren, war auch für sie ein militärischer Dienstgrad definiert und in Zentralasien war das ähnlich und an den Buntschuks erkennbar.

Bildnachweis: osmanische Militärmusiker, Mehter, in Uniformen der Janitscharen. Im Hintergrund ein Schellenbaum. Diese Schellenbäume wurden u.a. von den preussischen und deutschen Streitkräften übernommen.

Deutsche Schellenbäume. V.l.n.r.: Bundeswehr, NVA, Wehrmacht.

 

Sibirische Geschichten

Es gibt viele Geschichten über Tierschwänze, im folgenden werden die Traditionen in Tuva dokumentiert, diemitdenen Zentralasien s türkisch-schamanistische Wurzeln gemeinsam haben dürften. Die Geschichten hat mir 1997Professor Mongusch Kenan-Lopsin, Präsident der Schamanischen Gesellschaft "Dungar" und Leiter des Museums in Kyzyl, freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Die Republik Tuva am Oberen Jenissei {Südsibirien) hat 189.000 Einwohner. Die Tuvinier sind ein Turkvolk, ihre Religion ist der Tibetische Buddhismus oder der Schamanismus. In der Mongolei lebt ebenfalls eine beträchtliche tuvinische Minderheit. Ein auch im Westen bekannter Tuwinier ist Sergej Schoigu, zur Zeit russischer Verteidigungsminister. Eine durch ihren Obertongesang.bekannte tuwinische Musikgruppe ist Huun-Huur-Tu - anklicken, lohnt sich:

 

Die Geschichten

Der Schwanz des Rentieres. Ich wurde in Todja geboren. Meine Eitern waren Nomaden und Jäger. Unsere Leute können aus dern Schwanz des Rentieres das Wetter vorhersagen. Sie können vorhersagen, ob es schneien oder stürmen wird, oder ob es schön wird. Die geheime Gabe des Rentieres ist sein Schwanz. 

Erzählt von Dozar Chondanowa, 1883 in En-Sung, Distrikt Todja, geboren. Aufgeschrieben am 5. Sept 1973 in Iy, Distrikt Todja.

 

Der Kuhschwanz: Die Kuh ist ein Haustier mit kaltem Atem. Sie ist loyal zu ihrem Haushalt. Ihr Gang ist hölzern und sie hat einen knochigen Schwanz. Wenn sie sich weigert, ihr neugeborenes Kalb anzunehmen, muß man, um ihre Meinung zu ändern, einfach ihren Schwanz hrumdrehen. Im Alltag kann man ihren Schwanz zum Abtrocknen benutzen. 

Erzählt von Chanzaan-ool Bulunmajewitsch Kuular – 1. Februar 1901 – 15. September 1975, Aufgeschrieben am 15. Juni 1975 in Chyraa-Bazi, Distrikt Dzun Khemchik.

 

Der Kamelschwanz: Von allen Haustieren ist das Kamel das größte, doch sein Schwanz ist kurz. Glaubt man tuvinischen Legenden, dann war dem nicht immer so; früher reichten die Kamelschwänze bis auf die Erde. Die Tuvinier nahmen Kamelschwänze niemals besonders wichtig.

Erzählt von Orus Dongur-oolowitsch Kuulo, 1912-1992, aufgeschrieben am 1. Juli 1989 im Museum von Kyzyl. 

Der Pferdeschwanz: für die tuvinischen Jäger und Schafhirten war das Pferd seit Urzeiten Transportmittel und Freund. Auch der Pferdeschwanz hat seinen Nutzen. Wenn ein Tuvinier den Gipfel eines Berges erklommen hat, steigt er vom Pferd und ruht sich erst einmal aus. Er zieht einige Haare aus dem Schwanz und bindet sie um einen am Ovaa befindlichen Zweig. Ovaa nennt man einen heiligen Platz, in dem sich ein Steinhaufen befindet und der durch Zweige markiert ist. Wenn er das also macht, zeigt er, dass er den Berg erfolgreich bzwungen hat. Gerät ein tuvinischer Reiter in Schwierigkeiten und wird aus dem Sattel geworfen, wird ihn das Pferd mit seinem Schweif auffangen. Berichtet von Semjon Chrygalowitsch Chaptuu, geboren am 2. Februar 1913. Aufgeschrieben am 16. Juni 1990 im Museum von Kyzyl.

Bildnachweis: Ovaa, Nationalmuseum Kyzyl.

Bildnachweis: Grab des Naqshbandi-Scheichs Abdelkhaliq Ghijduvani/Ghijduvan/Usbekistan

Vergleicht man die Bilder der Scheich-Gräber mit der Ovaa, fällt, so meine ich, auf, daß der spirituelle Ausdruck, trotz unterschiedlicher Traditionen derselbe ist.

Weitere Bilder und Geschichten im zweiten Teil.

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