Afrika torpedieren und sich dann über Migration beschweren

Quelle: al-Jazeera, 18.8.2018, Autor: Lorenzo Kamal

 

Die Europäer beeinflussen immer noch das Leben von Millionen Afrikanern, sowohl ihre Gegenwart als auch ihre Zukunft.

 

Von 67 Putschen in 26 afrikanischen Ländern, in den vergangen 50 Jahren, fanden 61% in früheren französischen Kolonien statt. 50% der Geldreserven von 14 afrikanischen Ländern sind bis heute unter voller Kontrolle Frankreichs: keines dieser Länder hat irgendeine Kontrolle über seine Wirtschafts- und Geldpolitik. Frankreich nimmt von Afrika jedes Jahr als "Reserve" ein - und leiht -den Besitzern einen Teil eben jenes Geldes zu marktüblichen Zinsen.

Diese wenigen Zahlen verbergen eine entscheidende Wahrheit: viele europäische Länder, Frankreich zuerst und vor allem, beeinflussen bis heute das Leben von Millionen von Afrikanern - von denen drei Viertel von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen - beeinflussen beides: deren Gegenwart und Zukunft. Diese Länder ziehen das Beste aus Afrika und ignorieren den Rest weitgehend. (Bemerkenswert:  Muslime stellen ungefähr 8%  der Bevölkerung Frankreichs, aber zwischen 40 und 70% der Insassen der  französischen Gefängnisse sind Muslime, die meisten von ihnen stammen aus Ländern Afrikas.

Wie gehen die Europäische Union (EU) und viele europäische  Bürger mit dieser Tatsache um? Sie neigen dazu, sich auf das "Ende der Nahrungskette" (einschließlich NGOs, "Hotspots", oder  die Frage, wie man denn "irreguläre Migration umleiten" könne) zur fokussieren. Sie fokussieren sich auf die "Flüchtlingskrise, die Europa heimsucht", (Anm.DS: wie der Autor dieses Beitrages, der amerikanische Rechtspopulist und "Islamkritiker" Daniel Pipes) ohne zumindest einige der wesentlichen strukturellen Probleme hinter diesen Phänomenen anzusprechen.

 

Postkoloniale "Besitztümer"

Viele der Vereinbarungen, die die EU in den letzten Jahren in verschiedenen Teilen Afrikas unterzeichnet hat, sind bis jetzt für die Einwohner dieser Länder weitgehend schädlich, nicht zuletzt, weil sie schwache Wirtschaften unfairem Wettbewerb aussetzen und "teile und herrsche"-Taktiken bei den Verhandlungen mit afrikanischen Ländern anwenden und den Handel zwischen den afrikanischen Staaten behindern.

Darüberhinaus werden: diese Vereinbarungen oft von Ländern unterzeichnet, die in hohem Maß von fremden Mächten abhängen. Ein Beispiel dafür ist das Abkommen - das betrifft Waren und Entwicklungszusammenarbeit -, das die EU und die Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten (ECOWAS) am 24. Februar 2014 geschlossen haben.

Fast alle Staaten, die Teil von ECOWAS, der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft,und UEMOA, der Westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion sind, also, Mali, Nigerlso Benin, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Guinea, Guinea-Bissau, Mali, Niger und und Senegal, sind bis heute de facto "postkoloniale Besitztümer".

Die Zentralbank jedes dieser afrikanischen Länder ist faktisch gezwungen, mindestens 50 Prozent (bis 2005 waren es 65 Prozent) ihrer Devisenreserven auf einem vom französischen Finanzministerium kontrollierten "Operationskonto" aufzubewahren. Darüber hinaus ist jede Zentralbank verpflichtet, eine Währungsdeckung von mindestens 20 Prozent ihrer Verbindlichkeiten aufrechtzuerhalten.

Es sollte auch erwähnt werden, dass auch heute noch - trotz der Bemühungen der ECOWAS, eine neue gemeinsame Währung (ECO) für westafrikanische Staaten zu schaffen - die CFA-Francs, die in Wirklichkeit zwei verschiedene Währungen sind, nämlich die zentralafrikanische Währung CFA-Franc BEAC und die westafrikanische Währung CFA-Franc BCEAO,  die beide vom französischen Finanzministerium garantiert werden, die offizielle Währungen in 14 west- und zentralafrikanischen Ländern sind.

Im Gegensatz zum Dollar oder Euro können CFA-Francs nicht in eine andere Währung konvertiert werden. Das bedeutet, dass alle diese Länder vom internationalen Devisenmarkt (FOREX), dem größten und liquidesten Markt für Optionen jeglicher Art der Welt, ausgeschlossen sind. 

Man könnte einwerfen, dass die Länder, die mit diesen Währungen arbeiten, die Vereinbarung jederzeit frei aufkündigen könnten. In Wahrheit haben Dutzende afrikanische Staats- und Regierungschefs, von Silvanus Olympio in Togo bis Zu Gaddafi in Libyen, in den letzten Jahrzehnten versucht, diese Instrumente der monetären und Finanzkontrolle durch eine neue gemeinsame afrikanische Währung zu ersetzen. Fast alle von ihnen - mit der Ausnahme des malischen Präsidenten Modibo Keïta (1915-77) - wurden getötet oder gestürzt, genau in dem Moment, in dem ihre Versuche kurz vor dem Erfolg standen.

 

Strukturelle Interessen anpacken

Viele Jahrhunderte lang hat Europa mehr zur interkontinentalen Migration beigetragen als jeder andere Kontinent. Andererseits wählten Migranten aus anderen Kontinenten selten Europa als Ziel.
Während des 20. Jahrhunderts hat sich viel geändert, und dennoch machten seit 1990 Migranten aus Westafrika, von denen viele der derzeit nach Europa gerichteten Migrationswellen ausgehen, nur 0,005 Prozent des jährlichen Bevölkerungswachstums aus, das in Europa 0,184 Prozent beträgt.

Der Anstieg der Nettozuwanderung aus Afrika ab Ende der neunziger Jahre und insbesondere der Anstieg des Migrationsverkehrs über die Sahara von West nach Nordafrika sind das Ergebnis eines beispiellosen "perfekten Sturms", der die (noch nie so gut organisierte) Ausbeutung Afrikas bedeutet, hauptsächlich durch einzelne europäische Länder und Unternehmen unter Zusammenarbeit mit korrupten lokalen Führern.

Dazu kommt die zunehmende Destabilisierung der gesamten Region, zu der europäische Waffen eine Menge beitragen,sowie die epochalen Herausforderungen, die sich der Kombination von Klimawandel und demografischem Wachstum ergeben. Nach Angaben der Vereinten Nationen zwischen wird mehr als die Hälfte des globalen Bevölkerungswachstums zwischen 2015 und 2050 in Afrika erwartet.

Anstatt diese epochalen Herausforderungen anzugehen und anzuerkennen, dass 87 Prozent der Weltflüchtlinge in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen untergebracht sind, haben eine Reihe europäischer Politiker und Millionen von Durchschnittsbürgern den "einfachsten Weg" gewählt: Sie berufen sich auf ein europaweites Bündnis gegen "Masseneinwanderung", oder genauer gesagt, unter Berufung auf den italienischen Innenminister Matteo Salvini, "eine Liga der Ligen Europas, die alle freien und souveränen Bewegungen zusammenbringt, die ihr Volk und ihre Grenzen verteidigen wollen".

"Europa" verteidigt sich in Wahrheit nicht, sondern "greift" an. Dies geschieht auf raffiniertere Weise als in der Vergangenheit, wobei nur begrenzte "Nebenwirkungen" auftreten. In diesem Sinne kann die Besorgnis über "Migrationen" nur ein positives Ergebnis für die europäischen Länder und Bürger bringen: Mittelfristig werden sie gezwungen sein, ihre Einstellungen und Politiken zu überdenken. Und dieser Prozess beginnt mit einer Sensibilisierung für diese Themen.

In der Tat ist es eine selbstgewisse Abkürzung, sich über "Migranten" zu beschweren - nicht unähnlich, dem Sich- Konzentrieren auf NGOs oder die "finanziellen" Kosten der "Migrationskrise" für europäische Länder. Dies spricht für Millionen desillusionierter europäischer Bürger aus der Seele. Die strukturellen Interessen von (hauptsächlich) europäischen Geschäftsleuten, Unternehmen und Regierungen herauszufordern und anzugehen, wie es die Afrikaner durch Initiativen wie die "West Africa Leaks" tun, wäre viel riskanter: Aus diesem Grund wird es nicht einfach sein.

Lokale Agenturen fördern

Die vom "International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) am 22. Mai veröffentlichte Untersuchung "West Africa Leaks" hat bestätigt, dass die wirklichen Veränderungen letztendlich von den afrikanischen Bürgern selbst ausgehen müssen. Das Ende der Ausbeutung ihrer Länder wird in erster Linie auf ihre strukturierten und organisierten Bemühungen zurückzuführen sein.

Durch die Analyse von 27,5 Millionen durchgesickerten Dokumenten haben die "Westafrika-Lecas" ein weiteres Licht darauf geworfen, wie Regierungsbeamte, Waffenhändler und Unternehmen Millionen von Dollar aus einigen der ärmsten westafrikanischen Staaten mittels Steueroasen auf See abgezapft haben. Letzteres ist in hohem Maße mit europäischen und amerikanischen Unternehmen und Geschäftsleuten verbunden.

Das Ergebnis der Untersuchung, der bislang größten Zusammenarbeit von Journalisten aus Westafrika, ist besonders bedeutsam, wenn man bedenkt, dass aus der  Region (Westafrika) mehr als ein Drittel der rund 50 Milliarden US-Dollar kommen, die Afrika jedes Jahr illegal verlassen.

Es gibt noch viel zu hinterfragen, welche Rolle einige der mächtigsten Politiker und Wirtschaftsführer Afrikas in diesen Prozessen gespielt haben, obwohl der Fall OPL 245 in Nigeria, aus dem jeder fünfte Afrikaner stammt, als Präzedenzfall betrachtet werden könnte, um zu verstehen, wie das System funktioniert und wie es angegangen werden sollte.

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