Odessa - Mythen dekonstruiert

Odessa. Eine wirklich wunderbare Stadt, und ich werde sicherlich wiederkommen. Wie ich vernahm hat sich in den letzten 20 Jahren viel getan, um Odessa zu einem lohnenden Urlaubsziel zu machen. Aber das ist nicht die einzige Aktivität. Zur Zeit ist Odessa wegen seines Gouverneurs, des ehemaligen georgischen Präsidenten Mikheil Saakaschwili und seiner vielversprechenden Mann- und Frauschaft, zu der auch Maria Gaidar gehört, stark im Focus und gilt als Fortschrittslabor für die gesamte Ukraine.

 

Wir haben den Chef der Selbstverteidigungskräfte der Stadt besucht und können dadurch einige Mythen, z.B. "2. Mai" dekonstruieren, waren, wie Ihr sehen könnt, auch am Strand und haben hinterher die Filmstudios von Odessa und am nächsten Tag die Chabad-Synagoge besucht.

Wir haben  uns auch mit dem mehrfach ausgezeichneten ukrainischen Pianisten und politischen Aktivisten Alexej Botwinow getroffen.Beim Abendessen mit Maria Gaidar war ich nicht dabei.


Die Zivilverteidigung

 

Wir können mit dem Leiter der Odessaer Zivilverteidigung, Mark Gordijenko sprechen, der uns in seinem Hauptquartier unter einer Karte der Ukraine in einem typischen Odessaer Innenhof empfängt. Wir haben Mark gebeten, uns über die Situation in Odessa zu informieren, was natürlich die Ereignisse des 2. Mai 2014 einschließt.

Mark berichtet, daß nach der Kyiver Maidan-Revolution die russische Propaganda intensiver und aggressiver geworden sei. Die Wiedergeburt von "Novorossiya" habe in Odessa stattgefunden. Man habe eine verstärkte Aggressivität russischer Propaganda bemerkt und die prorussischen Odessiten seien ebenfalls aggressive als zuvor gewesen. Ein "Antimaidan" sei gegründet worden, sowie noch einige andere Gruppierungen, die gegen die Kiewer Maidanrevolution und für die Fortsetzung der Ausrichtung auf Russland seien.

 

Im März 2014 hätten, nach dem Girkin'schen Strickmuster in Sloviansk, aus Transnistrien eingesickerte Kräfte versucht, mittels Besetzung von Rathaus und Stadtverwaltung, auch in Odessa die "Novorossiya"-Kräfte zu puschen. Der Angriff konnte jedoch zurückgeschlagen werden, habe jedoch als Warnung gewirkt,   sodaß die Kräfte, die für eine vereinigte Ukraine gewesen seien, beschlossen hätten, sich eine feste Struktur zu geben: den durch die Behörden unterstützen "Bürgerschaftlichen Sicherheitsrat" von Odessa. So langsam wurde jedoch offenbar, was Girkin und die Seinen in Sloviyansk so veranstalteten: Raub, Vergewaltigung, willkürliche Erschießungen... Die "Antimaidan"-Kräfte seien zurückhaltender geworden und viele zuvor indifferente bzw. Russland zugeneigte Einwohner hätten gesehen, daß so die Alternative nicht aussehen kann.





Der 2. Mai


Der von Mark Gordijenko geschilderte Ablauf entspricht den in dem obigen Video getroffenen Aussagen, sodaß ich es kurz machen kann: es war ein Fußballspiel zwischen Chornomorez Odessa und Metallist Charkiw angesetzt und die Fangruppen beider Vereine wollten einen gemeinsamen Marsch zur Unterstützung der Maidan-Revolution veranstalten, der dann von Antimaidan-Kräften gestört werden sollten. Der Versuch der Polizei, beide Lager auseinanderzuhalten, gelang nicht und so kam es vor dem Gewerkschaftshaus zur "Schlacht", u.a. mit Molotow-Cocktails. Auch die 400 (!) im Gewerkschaftshaus verschanzten Anti-Maidan-Kräfte, die den "Gegner" dort schon erwartet hätten, hätten sich daran beteiligt, sogar mit scharfen Waffen. Erschossen wurden hauptsächlich Pro-Maidan-Aktivisten. Und dann flog ein Molotow-Cocktail des Pro-Maidan-Lagers ins Gewerkschaftshaus...


Die Pro-Maidan-Kräfte hätten sich dann an den Rettungsaktionen beteiligt. Das wird von denen, die hier bei uns seitdem versuchen, diese tragischen Ereignisse auszubeuten, immer unterschlagen.


Pro-Maidan-Kräfte organisieren einen Rettungsversuch für die im Gewerkschaftshaus Eingeschlossenen


Danach sei man zu dem Schluss gekommen, daß De-Eskalation dringend notwendig sei. Zwischen beiden Lagern wurden Gesprächskanäle etabliert, die stets offen sind, z.B. mit ausgetauschten Telefonnummern. Man respektiere die politische Position des jeweils anderen. Es seien in Odessa noch 40% der Einwohner pro-russisch, allerdings nur 5% gewaltbereit. In der Gruppe "2. Mai" sind Angehörige beider politischer Lager. Es ist ganz offensichtlich, daß die üblichen Verdächtigen, die bei uns diese Tragödie ausbeuten, die Ereignisse reichlich kontrafaktisch darstellen und vielleicht für eine Minderheit, aber nicht für die wirklich Betroffenen sprechen. Sofern sie versuchen, die Polarisierung weiter zu befeuern, ist das sicher nicht im Sinne der Menschen von Odessa, welchem Lager sie auch zugehören mögen.


Euromaidanpress hat einige Artikel der Charkiwer Journalistin Halya Coynash übersetzt, die sich differenziert mit der Situation auseinandersetzen:

 

 

In Russland wird ein neuer Prozess wegen Odessa eingeleitet


Holpriger Prozessauftakt: Die Unruhen in Odessa vom 2. Mai


Odessa-Prozess wird zur Farce – während Russland die „Massaker“-Propaganda fortsetzt

 

 

 

Die Juden von Odessa

 

Eine weitere Gruppe, die durch Propaganda gnadenlos ausgebeutet wird, sind die Juden von Odessa. Wir konnten uns bei einem Gespräch mit einem Vertreter der Gemeinde in der CHABAD-Synagoge, einer der beiden konservativen Synagogen von Odessa auch hier selber ein Bild machen. Zum Lubawitscher Rebbe, dem die Chabad-Leute folgen, hier. Die jüdische Gemeinde wächst stark, denn es gibt nennenswerte Rückwanderung aus Israel.

 

Vorweg: bevor die rumänischen Verbündeten der Nazis in Odessa wüteten, hatte alleine die Stadt etwa 100.000 Einwohner, die Oblast noch wesentlich mehr. Die gesamte Kultur der kosmopolitischen Metropole war stark jüdisch beeinflusst. Die Rumänen brachten in der Stadt selber mehr als 40.000 Juden um, in der Oblast 250.000. Die Vernichtung der Synagogen geht allerdings auf das Konto der Bolschewiki: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es über 100 Synagogen in Odessa, 1927 nur noch zwei, die man 1952 schloss.

 

Zu jedem Feiertag bekomme man offizielle Glückwünsche, auch vom Präsidenten. Die Menschen zögen die orthodoxen Synagogen vor, weil sie es gerne konservativ und traditionell hätten, Rabbi mit Vollbart und so... In der Sowjetunion sei  das Judentum eine Nationalität gewesen, man arbeite dafür, daß es zunehmend als Religion betrachtet werde. Die orthodoxen Synagogen stellten die kosher-Zertifikate aus.

 

Es gebe jetzt offiziell 13.000 Juden in Odessa, und, wie gesagt, eine nennenswerte Rückwanderung aus Israel. Der Antisemitismus sei schwach ausgeprägt, man habe keine spezifisch jüdischen Probleme, die meisten hätten Geldprobleme.

 

Es gebe 4 spezifisch jüdische Geschäfte, viele Supermärkte hätten ein koscher-Sortiment. Registriert würden die Juden nicht, nur die Bedürftigen.

 

Der Antisemitismus sei gering ausgeprägt, eher auf der Linken, und besonders dem Teil der Linken, der für "Novorossiya" Partei ergreife. Dort seien zwar nicht die Führer durch besonderen Antisemitismus aufgefallen, doch dieser sei beim Fußvolk sehr stark. Angesprochen auf Äusserungen von "Staatschef" Sachartschenko, berichtete der Sprecher, daß auch Videos kursierten, die man eindeutig als zusammengeschnitten identifiziert habe.

 

Der Anstieg der Zustimmung für rechte Parteien sei keine Gefahr. Eine Gefahr seien die Linken mit Beziehungen zum Donbas/Novorossyia.

 

Wer für welche Seite sei, Ukraine oder Russland, würde unter den Juden nicht thematisiert und man achte auch darauf, daß das so bleibe. Natürlich gebe es auch ein prorussisches Lager, doch, wenn man sich die "inkorrekten Leute" auf "der anderen Seite" ansehe, falle die Wahl nicht schwer.

 

Die Bereitschaft von Menschen im Westen, gegen Antisemitismus einzutreten, wird von der russischen Propaganda zynisch mißbraucht. Daß es sich bei Meldungen über den Antisemitismus um verlogene Propaganda handelt - da bin ich mir nach dem Besuch in der Synagoge sicher. Diese Propaganda scheut nicht einmal davor zurück, Synagogen mit antisemitischen Parolen vollzuschmieren.

 

"Kratz am Philosemiten und hervor kommt der Antisemit!"

 

 

 


Foto: Rabbi Avraam Wolf und der UNA-UNSO Kommandant Walerij Sagorodnij beseitigen antisemitische Schmierereien. Foto: Chabad Jüdische Gemeinde Odessa


Am Abend des ersten Tages trafen wir den Pianisten Alexej Botwinow zum Essen. Alexej ist nicht nur ein begnadeter Künstler, sondern auch politischer Aktivist. Die Themen die alle interessierten waren: Dezentralisierung (in diesen Tagen das Thema schlechthin, die Idee eines Marshall-Planes für die Ukraine, und die Erwartungen an Mikheil Saakaschwili und sein Team. Zum Ersteren: auch alle anderen, mit denen wir sprachen, sagten, daß zur Dezentralisierung auch zwingend die Finanzautonomie gehöre, was mir einleuchtet. Die Positionen beim "Marshall-Plan waren: "Ohne Moos nix los" vs. "Wird die Korruption nicht sinnvoll bekämpft, wird Geld nichts bewirken und nur versenkt". Es fehlt mir hier die Expertise, dazu eine Meinung zu haben, genau wie beim nächsten Thema: dem Team Saakaschwili. Während ich, weil mir das einfach unter den Nägeln brannte, den Blogeintrag über Oberst Sawka geschrieben habe, traf sich die Gruppe mit Saakaschwilis Stellvertreterin, Maria Gajdar. Man setzt allgemein große Hoffnungen. Auch hier fehlt mir die Expertise, dazu etwas zu sagen.


Ich habe ihn dann gefragt, wieso man im Westen immer nur etwas von russischen Künstlern hört. Antwort: die würden mit Geld aus dem Kreml gepuscht - und äusserten sich dann auch immer im Sinne des Kreml. Beispiel (von mir): die österreichische Staatsbürgerin Netrebko und die US-Bürgerin lisitsa. Beide trommeln für Donbas und Putin.



Wir haben auch noch die Odessa-Filmstudios besucht. 1918 gegründet, ein alter sowjetischer "Brand". In den Studios wurden viele berühmte Filme gemacht, unter anderem "Panzerkreuzer Potemkin" von Eisenstein. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sei das Studio zunächst fast tot gewesen, man habe langsam mit dem "Wiederaufbau" begonnen.

Bis zum Krieg, so der Direktor, habe das Studio die meisten Filme für russische Auftraggeber produziert, in russischer Sprache. Der russische Markt sei vollkommen weggebrochen, dies eröffne allerdings die Chance, genuin ukrainisches Kino zu machen.


Man verfolge zur Zeit drei Filmprojekte:

  • Anna, Königin von Frankreich: Dafür werden französische Partner gesucht. Den Hintergrund kann ich schon verstehen: man will zeigen, daß die Ukraine ein Land ist, das eine gemeinsame Geschichte mit Europa hat, aber ich denke, um französische Geldgeber und das französische Publikum zu ereichen, muss man beiden klarmachen, was für einen Benefit es bringt, sich diesen Film anzusehen. Das gleiche gilt auch für die beiden anderen Projekte:
  • "Der Doktor": ein sowjetischer Truppenarzt flieht mit verwundeten Soldaten von Odessa in die Türkei, kehrt nach vielen Jahren in die Ukraine zurück wo er bis zu seinem Tod vor ein paar Jahren lebt. Dafür sucht man türkische Geldgeber.
  • Ein Episodenfilm über Odessa, von der Gründung 1789 bis heute. Auch die Bemühung um Geldgeber und die Werbung muß beantworten, warum man sich diesen Film ansehen soll.

Das Filmstudio - und das wissen sie auch - wird nur mit ausländischen Geldgebern auf die Beine kommen. Dafür müssen trotz aller guter Ansätze aber noch weitere Hausaufgaben gemacht werden.



Was nun nichts mit unserem Besuch in den Film-Studios zu tun hat, aber auch zur Sprache kam: es kommt jetzt ein Film in die Kinos, der die Geschichte der erfolgreichsten Scharfschützin der Roten Armee im 2. Weltkrieg zum Thema hat, der in Bila Zerkwa, ca. 40 km entfernt von Kyiv, geborenen Lyudmilla Pawlitschenko. Der Film ist eine 2012 begonnene russisch-ukrainische Gemeinschaftsproduktion, die trotz des seit 2014 dauernden Krieges zu Ende geführt wurde. Die Hauptrolle spielt die russische Schauspielerin Julia Peressild. Der Film soll - schon aus politischen Gründen, Chancen auf einen oder mehrere Oscars haben, ist aber sicherlich sehenswert - ich werde ihn mir jedenfalls ansehen.


Ach ja: Odessa hat als Ferienziel vom Verlust der Krim enorm profitiert: die meisten Feriengäste auf der Krim waren Ukrainer, die jetzt ihren Urlaub in Odessa verbringen. Glaubt es oder nicht: ich hatte eigentlich geplant, meinen Urlaub - mit einem oder mehreren russischen Kumpels - auf der Krim zu verbringen, was ich jetzt ja nicht mehr kann. Das ist dann sicherlich eine Sache, von der ich bedaure, daß ich sie sehr wahrscheinlich nie mehr machen kann - aber sei's drum: jetzt hat mich Odessa in seinen Bann gezogen und ich plane, mein eingerostetes Russisch dort wieder auf Vordermann zu bringen. Man kann ja auch am Strand Vokabeln lernen.

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