12. Oktober - Columbus Day - auch für Deutschland

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Der Genueser Seefahrer Christoph Columbus geht auf einer zu den Bahamas gehörigen Insel an Land. Obwohl die Wikinger unter Leif Erikson Amerika schon 500 Jahre früher entdeckten, gilt erst die Entdeckung durch Columbus als definitive Entdeckung der Neuen Welt. Am 12. Oktober 1492 betritt er den Boden der Bahamas-Insel Guanahani, die später in San Salvador umbenannt wird.

 

Er wird beauftragt und ausgerüstet durch die gegen Mauren und Juden gleichermaßen siegreichen katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon: die Vertreibung der Juden und Maurenhat zwar zu einem wirtschaftlichen Niedergang des Landes eingeleitet, doch die persönlichen Kassen der Monarchen sind gut gefüllt und so können sie sich dem Plan widmen, den Columbus ihnen schon 1485 das erste Mal vorgelegt hatte, damals jedoch zurückgewiesen worden war. 1491, unmittelbar vor Abschluss der Reconquista spricht Columbus erneut vor – dieses Mal erfolgreich.

 

Die allerkatholischsten Könige vereinbaren mit Columbus, daß er 10% des zu erwartenden Gewinns als Provision behält, geadelt wird und erblicher Gouverneur der neuen Ländereien wird. Die Notwendigkeit, einen Seeweg nach Indien/Ostasien zu finden, hat vor allem wirtschaftliche Gründe: der Landweg über z.B. die Seidenstraßen wird durch das Erstarken des Osmanischen Reiches erschwert und verteuert. 

Bereits seine Zeitgenossen loben ihn als Evangelisator der entdeckten und noch zu entdeckenden Völker. Christóforo, Christum ferens, der Überbringer Christi. Genau das war auch der Wunsch der Könige, und genau das machte Columbus nicht: Überall, wo er auftaucht, werden die Einwohner versklavt und ausgeplündert.

 

Das erste Volk, das er mit seiner evangelisatorisch-zivilisatorischen Mission beglückte, waren die karibischen Arawak, die, als deren Endergebnis, samt und sonders ausstarben.

 

Das massenhafte Sterben begründete für die Kolonisatoren die Notwendigkeit, die toten Ureinwohner durch Sklaven aus Afrika zu ersetzen, die allgemein als belastbarer galten. Das war der Beginn des transatlantischen Dreieckshandels: Sklaven aus Afrika in die Amerikas, Waren aus den Amerikas nach Europa, aus Europa nach Afrika kamen Baumwolle, Alkohol und Waffen, die dann wiederum gegen Sklaven eingetauscht wurden.

 

Columbus Day

Bildnachweis: http://www.infocordoba.com/ Alcázar de los Reyes Cristianos, Córdoba.

 

1844 kommt es dann zum Versuch, Columbus zu kanonisieren, der allerdings ins Leere lief, da mittlerweile auch seine Schandtaten in Übersee einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sind und anerkannte Historiker Sturm laufen.

 

Als Ersatz wird, anlässlich des 400-Jahres-Jubiläums, der erste Columbus-Tag begangen, um des segensreichen Eingreifens des Christusträgers auf dem amerikanischen Kontinent zu gedenken. Das sei auch gleichzeitig als freundliche Geste an die italienischen Einwanderer gedacht, denen Columbus "eine Quelle des Stolzes" sei.

Auch andernorts wurde der Tag gefeiert, doch jeder verstand etwas anderes darunter: in den USA wird der „Columbus-Day“ gefeiert, in Spanien der Día de la Hispanidad - Tag der gemeinsamen spanischen Wurzeln“ als Nationalfeiertag, bzw. der "Día de la Raza, Tag der Rasse" in einigen Staaten Lateinamerikas.

Seit 1937 ist der Tag, nach Intensiver Lobbyarbeit italienischer und katholischer Verbände in den USA ein arbeitsfreier Feiertag.

Über den jetzt zur Tradition gewordenen Feiertag seien lediglich die skandinavischstämmigen Amerikaner nicht erfreut, die meinen, man müsse eher Leif Erickson gedenken, der seinen Fuß 500 Jahre vor Columbus auf amerikanischen Boden gesetzt habe. Das Feiern von Columbus habe sogar zu antikatholischen Ressentiments geführt. Einige Muslime, wie der türkische Präsident Erdogan, sind sogar der Meinung, einer der Ihren, der malische König Abubakari II. sei der eigentliche Entdecker gewesen und habe unter den Ureinwohnern den Islam verbreitet. Wobei zwischen amerikanischen Afrozentristen und amerikanischen Muslimen strittig sei, ob man die Leistungen von Abubakari eher "afrikanisch" oder eher muslimisch zu werten habe.

Und es sind noch schrägere Theorien im Angebot: Juden, die aus der babylonischen Gefangenschaft flohen, Admiral Zheng He oder irgendein Steinzeitstamm.


Diese Diskurse haben eines gemeinsam: sie feiern die angeblichen oder tatsächlichen Leistungen von aussen kommender Entdecker und berücksichtigen nicht das Leid, das diese Entdeckungen über die Ureinwohner*innen gebracht haben.

 

Die 500-Jahre-Marke

Bildnachweis: https://multco.us/multnomah-county Ein Angehöriger des Stammes der Eastern Shoshone/Oregon nimmt an einem Hearing zur Umbennung teil.

Erst zum 500-jährigen Jubiläum setzt sich eine Auffassung durch, die das Erleben der Unterworfenen in den Vordergrund rückt: das Erleben einer Geschichte von Versklavung, Ausbeutung und Völkermord. Wenn schon Gedenken, so die Argumentation, dann doch zum Beispiel an den Widerstand der Indigenen Völker. So haben Venezuela und Nicaragua den Tag 2002 in Día de la Resistencia Indígena umbenannt, Argentinien 2010 in Día del Respeto a la Diversidad Cultural, Tag des Respekts vor der kulturellen Verschiedenheit, und auch immer mehr Städte in den Vereinigten Staaten begehen den "Day of the Indigenous Peoples' Resistance".

 

 

Das Gedenken an die Sklaverei

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Zumindest in Frankreich scheint es mittlerweile ein stärkeres Bewusstsein dafür zu geben, welches Unrecht die Sklaverei war, und welchen ungerechten Profit verschiedene europäische Nationen daraus gezogen haben:


1999 meldete sich die aus Französisch Guyana stammende Justizministerin Christiane Taubira zu Wort. Sie forderte für die Departements Outre Mer, die französischen Überseegebiete,  finanzielle Entschädigung, da diese die ersten Opfer der Sklaverei Frankreichs gewesen seien und eröffnete in der französischen Nationalversammlung die Debatte.

2001 brachte sie das erste der fortschrittlichen Gesetze auf den Weg, die bei ihr, wie bei allen französischen Abgeordneten, die Gesetze einbringen nach ihr benannt ist: Loi Taubira. Es hat fünf Artikel:


  • Artikel 1: Die Republik Frankreich erkennt an, daß der einerseits der transatlantische Handel mit schwarzen Menschen und der Handel im Indischen Ozean, andererseits die Sklaverei, beides in Nord- und Südamerika und in der Karibik, im Indischen Ozean und in Europa seit dem 15. Jahrhundert praktiziert und gegen die Völker Afrikas, die indigenen Völker beider Amerikas und Madagaskars gerichtet, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen.
  • Artikel 2: Die Schul- und Forschungsprogramme von Geisteswissenschaften und Geschichte räumen dem Handel mit schwarzen Menschen den angemessenen Platz ein, den sie verdienen. Die Zusammenarbeit wird ermutigt und gefördert, die es erlaubt, die in Europa zugänglichen Archive mit den Quellen der Oral History und den archäologischen Entdeckung in Afrika, beiden Amerikas, der Karibik und allen anderen Ländern zu verknüpfen, die die Sklaverei kennengelernt haben.
  • Artikel 3: Ein Antrag auf Anerkennung sowohl des transatlantischen Handels mit schwarzen Menschen als auch des Handels im indischen Ozean und der Sklaverei wird beim Europarat, verschiedenen internationalen Organisationen und den Vereinten Nationen gestellt. Dieser Antrag hat gleichermaßen gemeinsame Daten auf internationalem Niveau zum Ziel, um der Abschaffung des Handels mit schwarzen Menschen und der Sklaverei zu gedenken, unbeschadet der spezifischen Gedenktage in den jeweiligen Überseedepartements.
  • Artikel 4: Das Gedenken an die Abschaffung der Sklaverei durch die Französische Republik und des Endes aller Verträge, (die auf die Sklaverei fußen)nach deren Wegfallen  ist Thema eines festlichen Tages in den Departements Guadeloupe, Guyana , Martinique und Réunion und auch in der Gebietskörperschaft Mayotte. - Ein Dekret legt für jedesdieser obenerwähnten territorialen Einheiten das Datum des jeweiligen Gedenktages fest. Im französischen Mutterland wird das Datum des jährlichen Gedenktages von der Regierung nach ausgedehnten Konsultationen festgelegt. Es wird ein Ausschuss aus qualifizierten Personen gebildet, unter denen sich auch Vertreter derjenigen Organisationen befinden sollen, die die Erinnerungen der Sklaven verteidigen. Es sollen auf dem gesamten Staatsgebiet Gedenkorte eingerichtet und Gedenkveranstaltungen durchgeführt werden, die sicherstellen, daß das Gedenken an dieses Verbrechen über Generationen weitergegeben wird. Zusammensetzung, Kompetenzen und Mission dieses Komitees werden durch ein Dekret des Staatsrates festgelegt, sechs Monate nachdem dieses Gesetz, das Gesetz Nr. 2001-434 vom 21. Mai 2001 über die Anerkennung der Sklaverei als Verbrechen gegen die Menschlichkeit veröffentlicht wurde.
  •  Artikel 5:(Bei Vorliegen einer Straftat gegen dieses Gesetzes, d.h. einer Leugnung) kann jeder Verein, der bei Bekanntwerden dieses Sachverhalts mindestens fünf Jahre registriert ist (und dessen satzungsgenäßer Zweck es ist), die Verteidigung der Erinnerung an die Sklaven und der Ehre ihrer Nachkommen übernehmen oder den Opfern von Diskriminierung zu helfen, die sich durch deren nationale, ethnische, rassische oder religiöse Herkunft begründet, und Straftaten gegen deren Rechte ... betreffen. Handelte sich allerdings um Straftaten gegen Einzelne, so kann der Verein nur tätig werden, wenn er sich durch eine Einverständniserklärung legitimiert.

Seit 2006 ist - in Umsetzung des Taubira-Gesetzes -  der 10. Mai der Gedenktag für die Opfer der durch Frankreich verschuldeten Sklaverei und des damit verbundenen Menschenhandels. Mittlerweile gibt es an drei Orten in den ehemaligen französischen Kolonien Gedenkstätten/Museen die an die Sklaverei erinnern: in Guadeloupe, auf der Insel Gorée vor der senegalesischen Küste und  ein Freilichtmuseum in Martinique.


Und was hat das mit Deutschland zu tun?

Ein internationales Netzwerk von NGOs hat den 12. Oktober zum "Tag der Reparationen" für das erlittene Unrecht ausgerufen. In diesem Jahr stehen zwei Punkte besonders im Fokus. Neben der Aufforderung an David Cameron, sich dafür einzusetzen, daß Großbritannien Reparationen für das durch das Britische Empire begangene Unrecht zu leisten, wird die Forderung der Herrero und Nama nach Reparationen für den vor 111 Jahren begangenen Völkermord jetzt auch international unterstützt. Der Columbus-Day ist in Deutschland angekommen.

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