14. Oktober 1943 - Aufstand in Sobibór

Bildnachweis: http://stolpersteine.rotenburg.hassia-judaica.de/margarethe_falkenstein.html

Das Vernichtungslager Sobibór, an der Bahnlinie Chelm/Włodawa in Polen geht im Mai 1942 in Betrieb. Es ist Teil der „Aktion Reinhardt“, des Plans zur systematischen Vernichtung aller Juden im sog. „Generalgouvernement“.

 

Es werden dort jedoch auch Juden aus den Niederlanden, aus der Slowakei, aus Deutschland und Frankreich, sowie sowjetische jüdische Kriegsgefangene ermordet. „Arbeitsjuden“, von der SS zur Mitwirkung gezwungen, werden regelmäßig ausgetauscht, um Mitwisser zu beseitigen. Als zunehmend weniger Transporte ankommen, deuten die Häftlinge das als Gefahr der Liquidierung des Lagers, zumal sich auch unter ihnen herumgesprochen hat, daß – spätestens seit Stalingrad – das Kriegsglück die Deutschen verlassen hat.


       

Der Plan

 

Nachdem schon vorher einzelne Fluchtversuche und Planungen, unter Leitung einer Gruppe um Lejb (Leon) Feldhendler gescheitert waren bzw. nicht umgesetzt werden konnten, kam mit einem im September eingetroffenen Transport sowjetischer, als Juden erkannter Kriegsgefangener die Wende: Leutnant Alexander Aronowitsch, „Sascha“ Petschjorski  arbeitet einen Plan aus, der darauf beruht, daß diejenigen Häftlinge, die in Handwerksbetrieben auch private Aufträge für die Deutschen zu erledigen hatten, ihre Auftraggeber zu sich locken, sie mit ihren Werkzeugen töten sollten und die Waffen an die sowjetischen Kriegsgefangenen weiterleiten sollten, da diese als Einzige mit Waffen umgehen konnten.

 

 

Das Lager

 

Sobibór gehört wie z.B. die Lager Treblinka und Bełżec zu den KZ, die von vornherein im Rahmen der Aktion Reinhardt als reine Vernichtungslager geplant waren, in denen die in den fünf Verwaltungsbezirken, Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Lvov (heute Lviv, Ukraine) des sog. Generalgouvernements lebenden Juden vernichtet werden sollten.


Der slowenischstämmige, österreichische "SS-und Polizeiführer" des Distrikts Lublin im "Generalgouvernement", Odilo Globocnik wurde mit der Umsetzung beauftragt.

Erster Kommandant des Lagers war der gelernte österreichische Polizist Franz Stangl, der sich, wie die Mehrheit des Wachpersonals (s.u.) für seine Tätigkeit in den Tötungsanstalten Hartheim und/oder Pirna-Sonnenstein qualifiziert hatte. Bis zu seiner Versetzung nach Treblinka wurden unter seiner Verantwortung in Sobibór 100.000 Menschen ermordet, in Treblinka fielen ihm 400.000 Juden zum Opfer.

Während Globocnik sich, unmittelbar nach der Verhaftung durch die Briten im Mai 1945, mit Zynkali vergiftete, gelang es Stangl, mithilfe des Bischofs Alois Hudal über eine der sogenannten Rattenlinien, der Fluchtwege für NS-Kriegsverbrecher zunächst nach Syrien und dann weiter nach Brasilien zu fliehen. 1967 wurde er auf Betreiben Simon Wiesenthals in Brasilien verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert und 1971 wegen gemeinschaftlichen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Im gleichen Jahr starb er im Gefängnis.


Stangl unterstanden in Sobibór 30 SS-Männer und ca. 150 "Trawniki"-Männer.


In Sobibór wurden insgesamt 250.000 mehrheitlich jüdische Menschen ermordet, davon 33.000 niederländische Staatsangehörige.

 

 

Der Aufstand

Bildnachweis: http://www.sobiborinterviews.nl/

Um 16:00 brach wie geplant der Aufstand mit der Tötung einiger in einen Hinterhalt gelockter SS-Männer los, die faktisch ihrer eigenen Korruption und Gier zum Opfer fielen: sie hatten sich bei den Gefangenen schöne Dinge wie Ledermäntel, Frauenschuhe, Peitschenknäufe und verzierte Messer - selbstverständlich aus Besitztümern der Gefangenen hergestellt. Sie wurden eingeladen, sich diese Dinge abzuholen und dann von den Gefangenen erstochen oder erschlagen, was die Gefangenen in den Besitz der ersten Waffen und Uniformen brachte.


Im weiteren Verlauf kam es, durch anscheinend im Vorfeld nicht abgesprochene Aktionen, zu erheblicher Verwirrung und so nicht abgesprochenen Tötungen von Wachpersonal. 635 Häftlinge begannen panisch die Flucht, nachdem unter den zum Abendappell Angetretenen liegend ein erschossener Wachmann entdeckt und mit Maschinengewehren in die Menge geschossen wurde. Viele Flüchende wurden von den Wachmannschaften erschossen oder starben im Minengürtel. 47 überlebten, darunter 7 Frauen. Eine von ihnen, Hella Felenbaum-Weiss zeigt das nebenstehende Bild. Sie schlug sich zu den Partisanen durch, kämpfte danach in den Reihen der Roten Armee und erwarb mehrere militärische Auszeichnungen, darunter den Orden Roter Stern. Später wanderte sie nach Israel aus. Dort starb sie 1988.


 Alexander Aronowitsch Petschjorski

Bildnachweis: Wikipedia

Der damalige Leutnant Alexander Aronowitsch Petschjorski, 1909- 1987 hat, zusammen mit Leon Feldhendler, en Aufstand an zentraler Stelle geplant und geleitet.

Ihm selbst gelang es, sich in die Wälder, zu den Partisanen und später wiederum zur Roten Armee durchzuschlagen.


Da ihn seine führende Rolle beim Aufstand in der ganzen Welt bekannt gemacht hatte, pflegte er auch ausserhalb der Sowjetunion Kontakte, was ihn zeitweise in erhebliche Schwierigkeiten geraten ließ und ihm unter dem Vorwurf der "Kontakte mit imperialistischen Staaten " von 1948 bis 1953 fünf Jahre Berufsverbot - er war gelernter Lehrer - einbrachte.


Nach dem Tod Stalins konnte er wieder in seinem Beruf arbeiten.


Als er 1987 endlich ein Visum bekam, um einer seiner zahlreichen Auslandseinladungen zu folgen, war er schon zu krank dazu. Er wirkte auch an einem Dokumentarfilm über den Aufstand mit und wurde in weiteren zumindest erwähnt.

 

 

Die Trawniki - Männer


Bildnachweis: verschiedene Internet-Quellen/Süddeutsche Zeitung

Das waren sowohl "Volksdeutsche" aus der Sowjetunion als auch Polen und kriegsgefangene Rotarmisten meist ukrainischer und baltischer Nationalität. Bekannt wurden sie durch das Verfahren gegen John (Iwan Mykolajowytsch) Demjanjuk, in dem erstmals in Deutschland jemand verurteilt wurde, dem man keine konkrete Tat nachweisen konnte, der aber durch seinen Dienst im KZ Teil der Vernichtungsmaschinerie war. Das Urteil zumal Demjanjuk in Israel bereits freigesprochen worden war, kontrovers diskutiert, wobei man allerdings den Überlebenden und ihren Nachkommen das letzte Wort in diesem und weiteren vergleichbaren Fällen wie dem Auschwitz-Prozess von Lüneburg überlassen muss.

 

 

Zum Beispiel Josef Vallaster

Bildnachweis: http://montafonergeschichte.blogspot.de/2007/08/artikel-in-den-vn-14607.html

Der österreichische SS-Mann Josef Vallaster, *5. Februar 1910, einer der während des Aufstands im KZ Sobibor (s. 14.10.) getöteten, besonders berüchtigten Wachmänner, wird, zusammen mit weiteren 11 SS-Angehörigen, mit militärischen Ehren auf dem Soldatenfriedhof in Chelm begraben.

 

Vallaster, als „armer Bergbauernbub“ im Montafon, einem Gebirgstal in Vorarlberg geboren, hatte sich durch seine besondere Brutalität bei den Insassen dieses Vernichtungslagers besonders verhasst gemacht und wurde von ihnen mit einem Spaten erschlagen.

 

Er war schon in der Zeit des Verbots der NSDAP in Österreich Nationalsozialist, deswegen floh er unmittelbar nach dem Verbot nach Deutschland und trat dort der „Österreichischen Legion“ bei, einem paramilitärischen Verband, der aus geflohenen österreichischen Nazis bestand und schnell aufwuchs. Es war schon in der Gründungsphase geplant, ihn bei einem eventuellen Einmarsch in Österreich einzusetzen.

 

Die Legionäre wurden durch die bayrische Polizei ausgebildet und waren in Klosterlechfeld stationiert.

Letztendlich wurden sie jedoch beim „Anschluss“ nicht eingesetzt, da die NSDAP in Österreich fast vollkommen neu und ausgerichtet nach den Verhältnissen im „Altreich“ aufgestellt wurde.

 

Nach Zwischenstationen, unter anderem als Arbeiter beim Autobahnbau, arbeitet Vallaster ab 1940 in der T4- Mordanstalt Hartheim, als „Oberbrenner“, d.h., er für den 1940 heiratete er eine Angehörige des Tötungspersonals, die, als sie schwanger wird, in ihre Heimat, Brandenburg, zurückgeht.

 

1942 kommt sein Sohn Klaus zur Welt, der als Bürger der DDR aufwachsen wird.

 

Ebenfalls 1942 wurde er, mit anderem Mordpersonal, zur SS versetzt und zunächst in Belzec eingesetzt, wie später Sobibór ein reines Vernichtungslager. Dort durchlief er zunächst eine Art Grundausbildung, bei der er militärische Gepflogenheiten, aber auch den Umgang mit den „Trawniki“, Hilfswilligen aus der Ukraine, dem Baltikum, sowie „Volksdeutschen“ aus der Sowjetunion lernte.

Insgesamt hatte Vallaster an der Tötung von 18.000 Behinderten in Hartheim sowie der Tötung von 250.000 Insassen von Sobibór entscheidenden Anteil.

 

2007 fällt endlich auf, daß der Name Vallasters auf einen „Kriegerdenkmal“ in seiner Heimatgemeinde Silbertal zu lesen ist und es kommt eine Debatte in Gang, innerhalb derer zunächst die typischen Reaktionen zu beobachten sind: Relativieren, anzweifeln, dass Josef Vallaster am Massenmord von 250.000 Juden und 18.000 Behinderten beteiligt gewesen war. Dann ist man doch zur Aufarbeitung bereit und das Kriegerdenkmal wird 2010 entfernt und stattdessen ein „Erinnerungsplatz“ errichtet, der auch der toten Flüchtlinge und Euthanasieopfer gedenkt und die Rolle Vallasters zurechtrückt.

 

2012 macht der Vorarlberger Nationalratsabgeordnete und Bildungssprecher der Grünen, der Historiker Harald Walser, öffentlich, daß auch in der Krypta am Heldenplatz, einer zentralen österreichischen Gedenkstätte, an Josef Vallasters erinnert wird, und nicht nur das: Ganz offiziell wird dort auch den Toten der SS und Waffen-SS gedacht.

Das im nebenstehenden Bild gezeigte Denkmal ist jetzt endlich konzeptionell vollkommen umgestaltet, die Totengedenkbücher, in denen sich auch Wallasters Name fand, werden nicht mehr ausgelegt, stattdessen wird jetzt auch der Opfer des Austro- und Großdeutschen Faschismus gedacht.

 

Epilog: Sobibór und Deutschland

Die mittlerweile dort errichtete und von Polen allein finanzierte Gedenkstätte leidet unter Finanzproblemen. Wie die Jüdische Allgemeine vom 17.10. 2013 berichtet, hat die damals noch im Amt befindliche, schon in Sachen Namibia peinlich aufgefallene, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, die finanzielle Beteiligung Deutschlands abgelehnt, und zwar mit der Begründung, daß dort keine deutschen Opfer zu Tode gekommen seien. Ganz abgesehen, daß Frau Pieper damit 20.000 Opfer entfallen sind: Wer, wenn nicht Deutschland ist in besonderem Maß auch finanziell der Erinnerung verpflichtet?

 

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