Täglich grüßt das Murmeltier: Kühnert, Giffey, Kollektivierung und Fasten

Groundhog Day bei der SPD: Kevin Kühnert provoziert mit einer Bemerkung über die Enteigung von Großkonzernen, und jedeR, der oder die lange nicht mehr in den Medien war, meldet sich zu Wort.  Kevin Kühnert macht genau das, was man von Juso-Vorsitzenden erwartet: er provoziert mit linken Thesen. 

Und da der Ramadan vor der Türe steht, musste sich natürlich auch dazu wieder jemand zu Wort melden. Dieses Jahr war das Familienministerin Franziska Giffey. Frau G. hat ein kleines Problem: ihre Dr.-Arbeit wackelt anscheinend nach Plagiatsvorwürfen. Ich habe den Eindruck, daß sie jetzt versucht, mittels des Fasten-Narrativs davon abzulenken. "Islamkritik" ist immer eine sichere Bank - und vor dem Ramadan ist das das "Fasten von Kindern".

 

Kevin Kühnert: das wächst sich aus...

Passend zum 1. Mai gab der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert der Zeit ein Interview, das überschrieben wurde mit: "Was heisst Sozialimus für Sie, Kevin Kühnert?" Laut Trailer: 
"Zum Beispiel die Kollektivierung von Firmen wie BMW, sagt der Chef der Jusos. In der Wirtschaftsordnung, die er sich vorstellt, gäbe es auch kein Eigentum an Wohnraum mehr. Ein Gespräch über eine radikale Alternative."

Leider ist das Interview mit  einer Paywall versehen, sodaß man auf Zitate angewiesen ist.
Es gab "Faktenchecks", die feststellten, daß das, was Kühnert sagt, "nebulös" sei, in der FAZ hat Patrick Bahners, den ich sehr schätze, festgestellt, daß die Interviewführung unfair gewesen sei, Johannes Kahrs haut unter die Gürtellinie, "was hat der denn geraucht", Gabriel meldet sich zu Wort und findet auch gleich des Pudels Kern, und Nahles, und selbst Carsten Maschmeyer meldet sich - via Twitter - zu Wort. Hier kommt eine weitere Blütenlese.

Dabei haben die meisten vergessen, daß noch fast jederJuso-Vorsitzende, wie die Süddeutsche richtigerweise feststellt, Anfangs mit ziemlich linken und provokativen Thesen um die Ecke kam. Doch alle haben sie ein warmes Plätzchen im Establishment gefunden, einige ein sehr warmes... Wie nicht nur Katharina Barley richtig feststellte: zu provozieren ist dir Aufgabe jedes Juso-Vorsitzenden. und wie ein guter Freund von mir ebenso richtig feststellte: es wächst sich aus. Es hat sich schließlich bei allen ausgewachsen.

Den Artikel von Sigmar Gabriel möchte her ich allerdings noch gesondert herausheben. Gabriel beschränkt sich nicht nur auf die Widerlegung von Kühnerts Thesen.

 

Trump-Methoden

Gabriel schreibt, zu Recht, wie ich meine:

"Bewusste Tabubrüche, das Ignorieren von Fakten und Empirie, das Mobilisieren populistischer Sehnsüchte und die Inkaufnahme der Beschädigung der eigenen Partei: Das ist übrigens die Methode Donald Trump. Nur der mediale Effekt und das eigene Ego sind wichtig. Nun ist Kevin Kühnert nicht mal ein Bonsai-Trump. Es wäre eine böse Überzeichnung ihn so zu sehen und eine unzulässige Verniedlichung des US-Präsidenten zudem. Aber die Methoden, derer sich beide bedienen, sind doch frappierend ähnlich. Und die medialen Reaktionen darauf auch. Wenn beides Schule macht – die Methoden und die Reaktionen darauf – dann verliert die wichtigste Voraussetzung moderner Demokratien weiter an Boden: die Aufklärung. Denn wo die Populisten auf das Ressentiment setzen, müssen progressive und konservative Demokraten auf das Argument und die Aufklärung setzen. Exakt hier liegt die Grenze."

Er kommt zur Einschätzung:

Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert dürfte vor Lachen nicht in den Schlaf gekommen sein in der vergangenen Woche. Trotz seines abgebrochenen Studiums der Kommunikationswissenschaften beherrscht er die Regeln des hektischen politischen Medienbetriebs offenbar nahezu perfekt. Wo die Halbwertszeiten der politischen Themen immer kürzer werden und sich die durchs Dorf getriebenen Säue gegenseitig überholen, muss man einfach mal die „Systemfrage stellen“.

Damit ist alles gesagt.

 

Frau Dr.Giffeys Problem

Eigentlich wird der Ministerin ja eine bislang respektable Bilanz nachgesagt. Doch jetzt hat sie ein Problem: Vroniplag hat sich ihrer Promotion angenommen und ist zu für Frau Giffey unerfreulichen Ergebnissen gekommen. Sie soll "auf jeder dritten Seite abgeschrieben" haben, laut Abschlussbericht von Vroniplag wurden "283 Plagiate" gefunden. Wen es interessiert, der wird hier fündig, und kann sich die Ergebnisse ganz genau ansehen, Damit  mich niemand falsch versteht: ich werde mich jetzt nicht moralinsauer über Promotionen auslassen. ich will auch nicht darüber spekulieren, was Politiker*innen mit einer Promotion bezwecken. JedeR bezweckt mit seiner/ihrer Promotion irgendwas.

Nachdem die Veröffentlichungen zu diesem Thema doch recht zahlreich wurden - aktuell zehn Seiten bei google - meldet sich die Ministerin noch mal mit einem anderen Thema per WELT-Interview zu Wort, daß sie - neben natürlich dem muslimischen Kopftuch - schon seit längerem umtreibt. Das Fasten muslimischer Kinder.  

"'„Leider gibt es aber auch jedes Jahr Kinder, die im Ramadan zusammenklappen, weil sie nicht genug getrunken und gegessen haben“, so Giffey.'" 
Unbenommen - aber wieviele sind das? Und rechtfertigt das wieder mal diese Aufwallung? Ich will mal gutwillig annehmen, daß Giffey, die lange Zeit als die Ziehtochter von SPD-Rechtsaussen Heinz Buschkowsky galt, sich den Satz ihres Mentors, nachdem Neukölln überall sei, zu sehr zu Herzen genommen hat. In meinem Erfahrungsbereich ist es jedenfalls nicht, und ich bezweifle auch, daß das Buschkowskysche "Neukölln" durchgängig in Neukölln zu finden ist. Mir ist jedenfalls in 33 Jahren als Muslimin nie ein "zusammengeklapptes" Kind begegnet. Muslimische Kinder müssen nicht fasten, sondern fangen damit nach ihrer ersten Periode bzw. nach ihrem ersten Samenerguss erst an. ich kenne auch die Auffassung, daß Kinder erst mit Vollendung des 14 Lebensjahres fasten/sollen. Dann sind es auch nach deutscher Rechtsauffassung keine "Kinder" mehr. Daß es hier zu Auswüchsen kommt, ist sicherlich richtig, doch woran liegt das. Erstmal ganz harmlos, daß Kinder Erwachsene Imitieren. Weniger harmlos - so hat es mir mal eine türkische Freundin - die übrigens in Neukölln wohnt - erklärt:

 

Indem man Ausländer*innen, die als "Gast"-Arbeiter oder Geflüchtete nach Deutschland kommen, ans untere Ende der Sozialskala versetzt, sie selber und ihre Kinder systematisch benachteiligt werden, der Rassismus in Deutschland zunehmend salonfähig wird, und Deutschland bereits vor dem UN-Menschenrechtsrat ein Rassimusproblem eingeräumt hat, lässt man ihnen praktisch nur ihre Religion und definiert dafür grundsätzlich jeden, der aus einem muslimischen Land kommt, zum Muslim/um, auch die säkularen. Dann kommt es zum Andorra-Effekt. In dem Stück von Max Frisch geht es darum, daß jemand dazu gebracht wird, eine falsche Zuschreibung anzunehmen und dafür zu sterben.
"Andris Weigerung, die Wahrheit anzunehmen. Er beharrt auf seiner Rolle als Jude und Sündenbock, mit der er sich inzwischen abgefunden hat."

Und so nehmen nicht nur die, die quasi schon fromm aus ihren Heimatländern kamen, sondern auch die, die es bislang nicht waren, ihre Rolle als "Muslim" an. Der Islam dient ihnen aus Stütze um in einer als feindlich wahrgenommen Umwelt zu bestehen, die ihnen sonst nichts mehr lässt. Das hat aber mit der Zuschreibung und Markierung als "Muslim" nichts zu tun - denn diese Zuschreibung ist nichts als die Summe aller Vorurteile und Ressentiments.

Man kann Giffey sicher nicht die Methode Trump vorwerfen, doch den Appell an Ressentiments schon. Und, wie gesagt, nicht überall ist "Neukölln". In den hiesigen Sonthofer Schulen klappt das problemlos: es gibt muslimische Kinder, die nehmen das ganze Jahr am Schulessen teil, es gibt solche, die während der Mittagspause heim zu Muttern gehen (daß der hiesige Caterer nicht gerade Geschmacksexplosionen liefert, sei nur am Rande erwähnt), und alle muslimischen Eltern, die ich kenne, haben die Frage, was, im Falle von Schwierigkeiten vorgehe, das Fasten oder die Schule, dahingehend beantwortet, daß die Schule vorgehe und vor Allah ja auch die gute Absicht zähle. Jetzt hat sich eine muslimische Stimme zu Wort gemeldet: der Politologe, Referent  und freie Journaiist  Said Rezek hat einen sehr ausführlichen Brief an die Ministerin geschrieben, der gerade in den Sozialen Medien viral geht. In der Quintessenz rät er ihr, anstatt sich an muslimischen Themen abzuarbeiten, sich dringlicheren Problemen zuzuwenden. Man darf auf die Antwort gespannt sein.

 

Das Dilemma bei solchen Widerlegungen ist immer, daß sie die Aussagen ja erst einmal wiederholen müssen, die sie widerlegen wollen. Ich bin da gespalten, und ich meine, wir Muslime müssen da mal in die Offensive kommen. Ich habe andernorts schon mal dargelegt, daß man  die islamkritischen Säue, gerade wenn's politisch/gesellschaftlich mal brenzlig wird, gerne durchs mediale Dorf treibt, und es ist schon so, daß sie, wie Sigmar Gabriel sagt, einander fast überholen. Und da habe ich den Eindruck, daß Frau G. versucht, mittels des Narrativs "Fasten von Kindern" versucht, vom doch recht gewaltigen Medienecho zu ihrem Promotionsproblem abzulenken.
Ein britischer Medienmogul soll einmal gesagt haben, daß es nicht ausreiche, dem Leser zu berichten, was die Berühmtheit zum Frühstück hatte, sondern man müsse ihm auch vermitteln daß diese Information von Bedeutung sei.

Diese drei Themen: Kühnert, Giffey, Promotion haben, so meine ich keinerlei Bedeutung für "den Leser" bzw. Medienkonsumenten. Aber ich hätte ein viertes, zwar auch nicht von Bedeutung, aber irgendwie netter: Punxsutawney-Phil, das seit 133 Jahren am Groundhog-Day grüßende Murmeltier hat für dieses Jahr einen baldigen Frühlingsanfang vorausgesagt. Und das ist wesentlich erfreulicher, dals die Groundhog-Days unserer Politiker*innen.

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